Afghanistan: USA fürchten Rache nach Amoklauf

16 unschuldige Menschen sind tot, erschossen von einem US-Soldaten: Nach dem Amoklauf erwarten die Amerikaner heftige Proteste. Die Taliban haben bereits Rache geschworen. Kanzlerin Merkel zeigte sich bei ihrem Besuch im Land skeptisch bezüglich des anvisierten Abzugstermins.

AP

Kabul - Afghanistan ist tief getroffen nach dem Amoklauf eines US-Soldaten in der südlichen Provinz. 16 Dorfbewohner, darunter neun Kinder, hatte der Mann am frühen Sonntagmorgen kaltblütig erschossen.

Die USA fürchten jetzt um die Sicherheit ihrer Streitkräfte und Bürger. Die US-Botschaft in Kabul warnte US-Amerikaner in Afghanistan vor anti-amerikanischen Gefühlen und Protesten, besonders in den östlichen und südlichen Provinzen des Landes. US-Bürger sollten wachsam bleiben und große Menschenmengen meiden. Reisepläne sollten nicht gegenüber Fremden geäußert werden, heißt es auf der Homepage der Botschaft.

Äußerungen von Angehörigen und Provinzpolitikern geben Aufschluss über die Stimmung der Menschen: Haji Aghalalai Dastgiri, Mitglied des Provinzrats in Kandahar und Stammesführer, erklärte gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Die Menschen sind in einer aggressiven Stimmung." Die Regierung müsse die Tat genau untersuchen und den Täter bestrafen, sonst würde es vor Ort große Demonstrationen gegen US-Streitkräfte geben. Wenn die afghanische und die amerikanische Regierung keine gute Antwort auf die Tat fänden, gäbe es eine große Katastrophe. Vor dem Amoklauf sei das Verhältnis zwischen den US-Soldaten und den Menschen in dem Gebiet gut gewesen, so Dastgiri.

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Afghanistan: Taliban schwören Rache für Amoklauf
Der Dorfbewohner Habibullah Khan hat bei dem Amoklauf am Sonntag mehrere Angehörige verloren. "Der US-Soldat hat mir mein Leben genommen, manchmal denke ich daran, auf seinen Stützpunkt zu gehen und einen Selbstmordanschlag zu verüben", so Khan.

Die radikalislamischen Taliban haben auf ihrer Homepage bereits Rache für die Ermordung der Zivilisten geschworen. Die Extremisten erklärten, sie würden sich "an den Invasoren und brutalen Mördern für jeden einzelnen Märtyrer rächen". Die Täter würden bestraft werden. Die Opfer hätten keinerlei Bedrohung für die "geisteskranken Amerikaner" dargestellt. Für die meisten zivilen Opfer in dem Konflikt in Afghanistan sind Anschläge und Angriffe der Taliban verantwortlich.

Die genauen Umstände des Amoklaufs, bei dem ein US-Soldat am frühen Sonntagmorgen in dem Dorf Najib Yan in der Provinz Kandahar 16 Zivilisten, darunter neun Kinder, ermordet hatte, sind noch nicht geklärt. Afghanische Politiker haben am Montag Zweifel an der Einzeltäterthese geäußert. Abdul Rahum Ajubi, Abgeordneter für die Provinz Kandahar, sagte, es scheine für einen Soldaten unmöglich, die Strecke zwischen den angegriffenen Häusern - rund zwei Kilometer - zurückzulegen und außerdem die Leichen zu verbrennen. Die Berichte, die er von Dorfbewohnern erhalten habe, legten nahe, dass die Schüsse vor Sonnenaufgang aus mehreren Richtungen kamen, sagte auch der Parlamentsabgeordnete Bismullah Afghanmal. Allerdings erklärte der Sprecher des afghanischen Verteidigungsministeriums, General Mohammed Sahir Asimi, die ersten Berichte deuteten auf einen einzelnen Schützen hin. Die US-Streitkräfte gehen nach eigenen Angaben bislang ebenfalls von einem Einzeltäter aus.

Merkel kondoliert Karzai

Was den Amoklauf des US-Soldaten beendete, ist bisher nicht bekannt. Aus Militärkreisen war zu erfahren, dass der Soldat angeblich psychische Probleme hatte, möglicherweise im Affekt handelte und sich nach der Tat auf seinem Stützpunkt seinen Vorgesetzten stellte. Nach Angaben von ABC News unter Berufung auf einen Armeesprecher handelt es um einen 38 Jahre alten Feldwebel, verheiratet und Vater zweier Kinder. Er war demnach bereits dreimal im Irak im Einsatz, seit Dezember war er angeblich in Afghanistan stationiert.

US-Präsident Barack Obama hatte sich in einem Telefonat mit seinem afghanischen Kollegen Hamid Karzai zutiefst bestürzt über die Tat gezeigt und versprach eine rasche Untersuchung. Der Vorfall, der in Afghanistan den ganzen Sonntag die lokalen Nachrichten beherrschte, dürfte die Stimmung im Land gegen die internationalen Soldaten weiter anheizen. Zum zweiten Mal - nach der versehentlichen Verbrennung von heiligen Schriften in einem US-Militärlager vor rund zwei Wochen - entschuldigten sich die Isaf und auch die US-Armee deswegen umgehend bei allen Afghanen.

Der Amoklauf überschattete auch einen unangekündigten und seit längerem geplanten Besuch der Bundeskanzlerin in Afghanistan. Angela Merkel besuchte am Montag Soldaten im deutschen Feldlager im nordafghanischen Masar-i-Scharif.

Während ihres Besuches kondolierte die Kanzlerin auch der afghanischen Regierung wegen der Ermordung afghanischer Zivilisten durch einen US-Soldaten am Sonntag. Vom Bundeswehr-Feldlager in Masar-i-Scharif aus telefonierte Merkel mit Präsident Hamid Karzai. Dabei drückte sie dem Präsidenten ihr persönliches Beileid und das der deutschen Bevölkerung anlässlich der "schrecklichen Tat des US-Soldaten" aus.

Merkel zeigte sich skeptisch über den geplanten Termin zum Abzug der Nato-Kampftruppen aus Afghanistan in zwei Jahren. Der politische Versöhnungsprozess mit Aufständischen wie den Taliban habe zwar einige Fortschritte gemacht, sagte sie in Masar-i-Scharif. Er sei aber noch nicht auf einem Stand, bei dem man sagen könne, "wir können heute hier abziehen. Und deshalb kann ich auch noch nicht sagen, schaffen wir das bis 2013/2014. Der Wille ist da, wir wollen das schaffen, und daran wird gearbeitet."

anr/sho/dapd/dpa/Reuters

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1. Gelogen
pepito_sbazzeguti 12.03.2012
"Merkel zeigte sich skeptisch über den geplanten Termin zum Abzug der Nato-Kampftruppen aus Afghanistan 2014. Der politische Versöhnungsprozess mit Aufständischen wie den Taliban habe zwar einige Fortschritte gemacht, sagte sie in Masar-i-Scharif. Er sei aber noch nicht auf einem Stand, bei dem man sagen könne, "wir können heute hier abziehen. Und deshalb kann ich auch noch nicht sagen, schaffen wir das bis 2013/2014. Der Wille ist da, wir wollen das schaffen, und daran wird gearbeitet." Darf ich das kurz auf Deutsch übersetzen: Der angegeblich geplante Abzugstermin war - wie immer - eine Lüge.
2.
gewgaw 12.03.2012
Endlich raus aus dieser Region; spart Kosten und die Einheimischen können ungestört leben wie sie es wollen und für gut befinden.
3.
enrico3000 12.03.2012
Zitat von sysopREUTERS16 unschuldige Menschen sind tot, erschossen von einem US-Soldaten: Nach dem Amoklauf erwarten die Amerikaner heftige Proteste. Die Taliban haben bereits Rache geschworen. Angela Merkel stellte bei ihrem Besuch im Land unterdessen den Abzugstermin der Bundeswehr in Frage. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820708,00.html
Abzugstermin in Frage gestellt? In diesem Land wird sich auch in 20 Jahren nichts ändern. Egal wann die Truppen abziehen, 3 Monate nach dem Abzug wird alles so sein wie früher.
4. welche präventiv-maßnahmen gäbe es??
DennisFfm 12.03.2012
die usa haben die afghanische gastfreundschaft etwas überreizt. dabei lief doch gerade alles so gut. man kann einfach nicht verstehen warum sich afghanen nicht von seinen beatzern unterdrücken lassen will. die afghanische verfassung sollte einen artikel zum tragen von waffen durch zivilisten beinhalten. dann hätte die menschen dort die möglichkeit selbst zu verteidigen. diesen teil der freiheit will man den menschen dann wohl nicht zugestehen.
5.
Satara 12.03.2012
Zitat von gewgawEndlich raus aus dieser Region; spart Kosten und die Einheimischen können ungestört leben wie sie es wollen und für gut befinden.
wie man's macht, macht man's falsch. Entweder heißt's: "USA Weltpolizei! Mischen sich überall ein! Wollen nur strategisch günstigen Stützpunkt!" - oder, wenn die USA nicht einmarschiert wären, hieße es "jaja, typisch, sonst immer Weltpolizei, aber ist da mal ein Land ohne Öl, in dem die Bevölkerung Hilfe vor diesen Taliban braucht, machen die USA natürlich nichts! Von wegen Demokratie-Verbreiter!".
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Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staatsoberhaupt:
Ashraf Ghani Ahmadsai

Regierungschef: Abdullah Abdullah

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