US-Streit mit Karzai Bloß raus aus Korruptistan

Nur der Abzug aus Afghanistan zählt: In den Verhandlungen mit Präsident Karzai geben die USA sogar im Streit um eine private Fluglinie nach, die angeblich Drogen schmuggelt. Es geht nicht mehr um den Kampf gegen die Korruption - die Amerikaner wollen bloß weg. Eine Bilanz.

Aus Kabul berichtet

DPA

Es sind zähe Verhandlungen, die Freundschaft zwischen Hamid Karzai und den Amerikanern ist längst Geschichte: Seit Wochen schon feilscht der afghanische Staatschef mit den USA über den Truppenabzug. Es geht darum, was die GIs nach 2014 überhaupt noch dürfen, 5000 bis 10.000 US-Soldaten sollen im Land bleiben. Man ist sich noch uneins über die Gerichtsbarkeit, das afghanische Parlament will Soldaten in seinem Land vor den Richter stellen können. "Das wird nie passieren", sagt ein US-Diplomat.

Doch Karzai lässt die Amerikaner spüren, dass dieses Mal sie die Bittsteller sind. Er zahlt ihnen die vielen Demütigungen heim, die sie ihm in den vergangenen Jahren zugefügt haben, etwa als der US-Sonderbotschafter Richard Holbrooke versuchte, ihn bei der vorigen Präsidentenwahl gegen seinen Konkurrenten auszutauschen.

Kürzlich befahl Karzai zum Beispiel, dass sich die US-Spezialkräfte schnellstmöglich aus der Provinz Wardak, einem wichtigen Haupteinfallstor für Aufständische nach Kabul, zurückziehen müssten. Sie hätten dort Dorfbewohner misshandelt - ein bis heute nicht geklärter Vorwurf.

Airline im Visier der US-Ermittler

Wie vergiftet die Beziehungen sind, zeigt sich besonders deutlich an der Reaktion der Afghanen auf einen Bescheid des bis vor kurzem höchsten US-Kommandeurs im Land, General James Mattis. Er setzte die private Fluglinie Kam Air auf die schwarze Liste mit den Unternehmen, die keine Aufträge mehr vom US-Militär erhalten dürfen. Der Vorwurf: Kam Air soll auf Passagierflügen "massenhaft" Drogen nach Zentralasien schmuggeln. Der Vorgang ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. Die USA schließen immer wieder Firmen von den lukrativen Aufträgen aus, wenn sich Unternehmen als korrupt oder kriminell erweisen. Bisher hat der Palast nie dagegen protestiert. Doch der Fall Kam Air betraf Karzais sensibles Beziehungsgeflecht, an dem der Regent seit mehr als zehn Jahren sorgfältig spinnt. Insider des Palasts sagen, Karzai habe das Land inzwischen in ein Königreich verwandelt, das ganz auf ihn zugeschnitten ist - Karzais Korruptistan.

Ungewöhnlich harsch forderte das afghanische Außenministerium US-Botschafter James Cunningham in einer offiziellen Note auf, alle Dokumente zu dem Fall "unverzüglich der Regierung zur Verfügung zu stellen". Präsident Karzais Büro drohte gar mit "Schadensersatzklagen" gegen das US-Militär, falls keine stichhaltigen Beweise geliefert würden.

Die Reaktion der Afghanen ist nur schwer nachzuvollziehen, handelt es sich bei Kam Air doch um ein rein privates Unternehmen, an dem der Staat keine Anteile hält. Doch General Mattis hatte offensichtlich in ein Wespennest gestochen. Am Ende musste er Karzais politischem Druck nachgeben. Kam Air ist seither wieder als Bewerber für US-Verträge zugelassen - mit der windigen Erklärung, Kabul werde die Untersuchungen selbst führen.

Schmutziger politischer Deal

Der Besitzer der Fluglinie, Zamarai Kamgar, stammt aus dem nördlichen Masar-i-Scharif. Er gilt als lebensfroher Unternehmer mit zweifelhaften Freunden. Schon seit Jahrzehnten ist er wirtschaftlich eng mit dem Warlord Abdul Raschid Dostum verbandelt. Drogenhandel ist noch das Geringste, was Geheimdienste und Menschenrechtler dem Usbeken-General vorwerfen. Am Ende der Taliban-Herrschaft soll er Hunderte Kämpfer in Container gepfercht, erstickt und später in Massengräbern verscharrt haben. Dostum war auf internationalen Druck hin ins türkische Exil gegangen, doch Präsident Karzai selbst hatte den ruchlosen Krieger 2009 wieder zurückgeholt.

Damals bangte der erste demokratisch gewählte Präsident Afghanistans um seine Wiederwahl. Karzai schloss deshalb mit dem General einen schmutzigen Pakt: Der mutmaßliche Kriegsverbrecher würde rehabilitiert, wenn er dem Paschtunen im Gegenzug das Votum der usbekischen Wähler sichert, mindestens eine halbe Million Stimmen.

Eingefädelt hat diesen Deal der Unternehmer und Dostum-Kumpel Zamarai Kamgar - der seither über beste Verbindungen in den Palast in Kabul verfügt. Karzai selbst nutzt die Flugzeuge von Kam Air inzwischen häufig, wenn er oder seine Regierung zu Staatsbesuchen und internationalen Konferenzen jetten.

Wettstreit um lukrative US-Verträge

Von außen wirkt Karzais Machtsystem wie ein Labyrinth. Eine Schlüsselrolle im Fall Kam Air spielt sein ehemaliger stellvertretender Stabschef, der US-Afghane Kawun Kakar, der heute als Rechtsanwalt arbeitet - und auch den Kam-Air-Chef vertritt. Nach dem US-Bann für die Airline ließ der Anwalt verlautbaren, Kamgar sei "schockiert" über die Anschuldigungen und gehe davon aus, dass missgünstige Konkurrenten falsche Informationen gestreut hätten.

Tatsächlich sind die hochdotierten US-Verträge in Afghanistan ein Feld, auf dem sich Afghanen, Amerikaner und andere internationale Bieter ein Hauen und Stechen liefern. Allein bei den Flügen für das US-Militär geht es jährlich um rund hundert Millionen Dollar.

Kam Air war ins Visier der Amerikaner geraten, als sich die Firma im vergangenen Jahr als Subunternehmer für einen Millionen-Deal bewarb. Den Hauptvertrag hatte der Sohn eines ehemaligen afghanischen Innenministers an Land gezogen, Wais Dschalali, der bis vor kurzem mit einer Nichte Karzais verheiratet war. Wie Dschalali mit seiner Firma Veritas an den hochdotierten Auftrag kam, ist unklar, denn erst 2010 hatte der US-Afghane mit einer amerikanischen Firma Konkurs anmelden müssen. Veritas verfügt auch nicht über Flugzeuge - weshalb Dschalali Kamgar ins Boot holen wollte.

Die Konstellation erregte die Aufmerksamkeit der Amerikaner - und als sie die Airline unter die Lupe nahmen, entdeckten sie offenbar Hinweise auf eine Drogen-Connection.

Kampf gegen den Drogenstaat? Achselzucken bei den Diplomaten

Obwohl Afghanistan 80 Prozent des weltweiten konsumierten Opiums produziert und die meisten Regierenden von diesem Handel profitieren, gibt es bis heute keinen Fall, in dem ein zu Karzais Netzwerk zählender Drogenbaron der ersten Reihe verurteilt wurde. Allzu eifrige Polizeichefs werden versetzt, bevor sie den Schmugglern auf die Spur kommen. Und: "Der Flughafen Kabul ist wie eine große Moschee", sagt ein General, der früher einmal für die Sicherheit des Hauptstadt-Airports zuständig war: "Das Eingangsportal ist hochgesichert - und hinten stehen drei Türen offen."

Die Warnung kundiger Beobachter, Afghanistan könnte nach Abzug der westlichen Truppen endgültig zum Drogenstaat werden, in dem Politik, Wirtschaft und Kriminalität hemmungslos kooperieren, dürfte bald Wirklichkeit sein.

"Wir hätten unsere klassifizierten Quellen offenlegen müssen, das hätte nur zu weiteren Verwicklungen geführt", erklärt ein US-Diplomat, warum die Amerikaner Kam Air doch wieder zum Wettbewerb zuließen. Ein Streit mit Präsident Karzai über ein so heikles Thema während der Verhandlungen über die künftige US-Truppenstärken und Einsatzregeln? Der diplomatische Preis wäre zu hoch gewesen, sagt der Diplomat.

Auch andere westliche Botschafter zucken darüber nur mit den Schultern. Der Kampf gegen den Narco-Staat sei schließlich nicht Bestand des Uno-Mandats, Botschaften und Feldlager seien "keine Strafverfolgungsbehörden". An Erkenntnissen mangelt es nicht, doch wer wollte sich mit den wieder erstarkten Warlords anlegen? "Fast alle dieser Verbrecher haben am Ende bekommen, was sie wollten. Nur die Taliban kämpfen noch gegen uns", sagt ein westlicher Militär.

Was also bleibt von der afghanischen Mission?

  • Ein Staat mit einem Sicherheitsapparat, der bestenfalls stark genug sein dürfte, um die Taliban halbwegs in Schach zu halten.
  • Ein Land, dessen Ordnung künftig von brutalen Kriegsfürsten abgesichert wird.
  • Und ein Präsident, der als Königsmacher bis zum letzten Moment offenlassen wird, wen er als Nachfolger unterstützen und als Marionette seiner Interessen betrachten wird, wenn er im nächsten Jahr abtritt.

Sieht so eine erfolgreiche Mission aus? "Natürlich", sagt ein westlicher Gesandter. "Wir erklären jetzt den Sieg, dann hauen wir ab."

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insgesamt 132 Beiträge
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Seite 1
joG 29.03.2013
1. Afghanistans Menschen hatten eine Chance....
....die sie nicht nutzten.
derandersdenkende 29.03.2013
2. Vorher oder nachher?
Zitat von sysopDPANur der Abzug aus Afghanistan zählt: In den Verhandlungen mit Präsident Karzai geben die USA sogar im Streit um eine private Fluglinie nach, die angeblich Drogen schmuggelt. Es geht nicht mehr um den Kampf gegen Korruption und die Korruption - die Amerikaner wollen bloß weg. Eine Bilanz. http://www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-usa-geben-im-streit-um-verdaechtige-airline-nach-a-891053.html
Ist Korruptistan ein Begleitprodukt der Besatzung? Dann sollte sich diese darüber nicht beschweren, sondern für sich in Anspruch nehmen, daß sie doch etwas in diesem Land geschaffen hat. Nichts Gutes, aber immerhin etwas erkennbares!
DennisFfm 29.03.2013
3. Die USA
haben aber jüngst angekündigt noch mindestens bis 25 Jahre Afghanistan besetzen zu wollen. Ihre Artikel kann daher nicht stimmen.
whitemouse 29.03.2013
4. Schnell weg
Zitat von sysopDPANur der Abzug aus Afghanistan zählt: In den Verhandlungen mit Präsident Karzai geben die USA sogar im Streit um eine private Fluglinie nach, die angeblich Drogen schmuggelt. Es geht nicht mehr um den Kampf gegen Korruption und die Korruption - die Amerikaner wollen bloß weg. Eine Bilanz. http://www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-usa-geben-im-streit-um-verdaechtige-airline-nach-a-891053.html
Ich erwarte von unseren Politikern, dass sie wenigstens jetzt endlich unsere Soldaten dort abziehen. Die überwiegende Mehrheit der Deutschen war immer gegen den Einsatz, hat also weit mehr Verstand als die Politiker gezeigt.
ellenlasirene 29.03.2013
5. hätten sie schon viel früher machen sollen...
da wird sich nie was ändern in diesem land
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