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Afghanistan: USA schicken Tausende Soldaten nach Kabul

Die USA schicken Tausende weiterer Soldaten nach Afghanistan. Nicht in den umkämpften Süden oder ins Grenzland zu Pakistan, sondern nach Kabul. Die Taliban feiern in der Region um die Hauptstadt gefährliche militärische Erfolge - nun will das Pentagon dort zurückschlagen.

Kabul - Kabul zu halten war schon immer schwierig. Das erfuhren die Briten schon Mitte des 19. Jahrhunderts, als ihnen ein Aufstand feindlicher Stämme in der besetzten Hauptstadt Afghanistans eine katastrophale Niederlage bescherte, die Tausende von Menschen das Leben kostete. Auch heute tobt der Kampf längst nicht mehr in entlegenen Provinzen - die USA rechnen offenbar mit einem direkten Angriff der Taliban auf die afghanische Hauptstadt.

Denn die militärische Präsenz der US-Armee soll in Kabul drastisch erhöht werden. 4000 weitere Soldaten wollen die USA Anfang 2009 nach Afghanistan schicken, berichtet die "New York Times" am heutigen Sonntag. Und fast alle sollen in oder um Kabul stationiert werden. Eine Brigade werde südlich und westlich von Kabul in den angrenzenden Provinzen Logar und Wardak eingesetzt, sagte der Vizekommandeur des Regionalkommandos für Ostafghanistan, US-General Mark Milley der Nachrichtenagentur AFP. Zudem werde in die östlich der Hauptstadt gelegene Provinz Kunar ein Bataillon geschickt. Er sei zuversichtlich, dass durch die Truppenaufstockung die Sicherheitslage rund um die Hauptstadt verbessert werden könne, sagte Milley.

Auch die Bundeswehr wird nach Informationen des SPIEGEL weitere Kampftruppen nach Afghanistan entsenden. Sie sollen die schnelle Eingreiftruppe im Norden des Landes verstärken.

Sicherheitslage um Kabul wird immer schlechter

Die "New York Times" zitiert ungenannte Kommandeure mit der Aussage, die Hauptstadt müsse geschützt, neu entstandene Stützpunkte der Taliban in den Provinzen südlich und östlich sollten attackiert werden. Dort sei auch verstärkter Schutz für Entwicklungsprogramme notwendig, um die Lebenssituation der Landbevölkerung zu verbessern. US-Militärs erwarten dem Bericht zufolge, dass sich die Taliban-Kämpfer in diesem Winter nicht wie früher nach Pakistan zurückziehen werden, sondern in der Region bleiben und weiter Angriffe durchführen werden.

Die Sicherheitslage in Kabul und der unmittelbaren Umgebung hat sich im vergangenen Jahr immer weiter verschlechtert. Nach Informationen der "New York Times" hat die Zahl der Angriffe in der westlich der Hauptstadt gelegenen Provinz Vardak seit vergangenem Jahr um 58 Prozent zugenommen, in Logar, südlich von Kabul, um 41 Prozent. Teilweise kontrollierten die Taliban sogar die großen Ausfallstraßen, die Kabul mit dem Süden und Osten des Landes verbinden. Man erwarte, dass "die Gewalt dort zunächst zunehmen wird, wenn wir diese Einheit einsetzen, dann aber nach und nach wieder abnimmt", zitiert das Blatt einen US-Offizier. "Wir gehen davon aus, dass es in beiden Provinzen beträchtliche Bereiche mit Unterstützung für den Feind gibt, und wir werden sie verfolgen."

Hamid Karzais Schwäche

Insgesamt sind in Afghanistan derzeit etwa 62.000 Soldaten aus verschiedenen Nationen stationiert, 33.000 davon stellen die USA. In den kommenden Monaten sollen auf Bitten der NATO-Truppe ISAF weitere 20.000 US-Soldaten an den Hindukusch geschickt werden. Der Großteil dieser Truppen solle aus dem Irak abgezogen werden, berichtet die "New York Times", und zwar in den kommenden zwölf bis 18 Monaten. Der Großteil dieser Truppen solle dann in den umkämpften Regionen im Süden des Landes eingesetzt werden.

Doch die ersten 3500 bis 4000 Mann kommen nach Kabul - ein weiterer Beleg für die Schwäche von Afghanistans Präsident Hamid Karzai. Der gelegentlich als "Bürgermeister von Kabul" verspottete Staatschef habe schlicht "nicht die Mittel, mit Waffen für Ruhe im Land zu sorgen", schreibt Ahmed Taheri in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Der Präsident selbst wird von US-Soldaten beschützt - was seinem Ansehen im eigenen Land nicht unbedingt gut tut. Wegen der deutschen Schäferhunde, die zu seiner Leibwächtertruppe gehören, werde Karzai von seinen Gegnern "der mit den Hunden spielt" genannt, so Taheri. Karzai selbst hatte eigentlich darum gebeten, nicht "in den Dörfern" Afghanistans gegen die Taliban zu kämpfen, sondern lieber in den Grenzregionen im Osten und Süden.

106 Militärfahrzeuge in Brand gesetzt

Ein Bataillon, "mindestens mehrere hundert Soldaten", berichtet die "New York Times", werde nicht in Kabul bleiben, sondern die Truppen im Osten des Landes verstärken - im Grenzgebiet zu Pakistan. Die Aufteilung macht deutlich, wo das US-Militär im Augenblick den stärksten Nachholbedarf sieht: nicht im Grenzland, von wo permanent Nachschub für die Aufständischen nach Afghanistan strömt, sondern in der Hauptstadt.

Für die internationalen Truppen ist das Grenzgebiet nicht nur von zentraler Bedeutung, weil es den Taliban als Aufmarschgebiet dient. Auch der Nachschub der internationalen Truppen wird zum Großteil über Pakistan abgewickelt, weil Afghanistan keinen Zugang zum Meer hat.

Gerade erst haben im Norden Pakistans Dutzende Männer einen Anschlag auf ein Depot verübt, das der Versorgung der Nato-Truppen in Afghanistan dient(siehe Bilderstrecke oben). Sie zündeten über hundert Lkws an, ein Mensch wurde getötet. Die Angreifer beschossen Lastwagen, die Humvees und andere Militärfahrzeuge transportierten, mit Raketen und Granaten. 106 Fahrzeuge standen in Brand, berichtete ein Manager des Depots.

"Weder al-Qaida eliminiert noch Afghanistan gesichert"

Überall im Land gehen die Gefechte zwischen Taliban und afghanischem und internationalem Militär permanent weiter. In der Nacht zum Sonntag habe eine Gruppe Taliban-Kämpfer eine Kontrollstelle der Polizei angegriffen, sagte ein Sprecher der Regierung der südafghanischen Provinz Helmand.

Bei dem anschließenden zweistündigen Gefecht seien neun Rebellen getötet worden. Sieben Taliban-Kämpfer und drei Polizisten seien verwundet worden. Die US-Armee teilte mit, bei einer Operation in der nordostafghanischen Provinz Kapisa seien drei Aufständische getötet und vier weitere gefangen genommen worden.

Richard Clarke, einst Sicherheitsberater und Anti-Terror-Koordinator unter den US-Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush, schreibt heute in einem Gastbeitrag für die "Washington Post": "Sieben Jahre nach dem 11. September 2001 haben die USA weder die Bedrohung durch al-Qaida eliminiert, noch Afghanistan gesichert, wo Bin Ladens Terroristen einst ihr Hauptquartier hatten." Ziehe man die Probleme zwischen Indien und Pakistan, nun verstärkt durch den Terror von Mumbai, und die schwache Pakistanische Regierung in Betracht, so Clarke, "sieht es aus, als ob al-Qaida die einfachere Tagesordnung für das Jahr 2009 hat".

cis/AFP/dpa/Reuters

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