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Afghanistan: USA bombardierten Klinik in Kunduz angeblich bewusst

Zerstörtes Krankenhaus in Kunduz: 22 Menschen starben nach dem US-Angriff Zur Großansicht
DPA

Zerstörtes Krankenhaus in Kunduz: 22 Menschen starben nach dem US-Angriff

Der Beschuss der Klinik der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Kunduz war womöglich doch kein Versehen. Medienberichten zufolge sollen US-Kräfte das Ziel bewusst ausgewählt haben, weil sie dort pakistanische Taliban vermuteten.

Schwere Vorwürfe gegen die US-Armee: Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Associated Press wussten die amerikanischen Spezialkräfte bei ihrem Angriff auf Kunduz sehr genau, dass sie ein Krankenhaus unter Feuer nehmen. Dem Bericht zufolge vermuteten sie in der Klinik pakistanische Taliban. Schon Tage vor dem Angriff sollen die US-Truppen Informationen über das Ziel gesammelt haben.

Unklar ist AP zufolge, ob die US-Kommandeure, die den Angriff mit 105mm-Granaten von einer AC-130-Maschine aus letztlich anordneten, auch wussten, dass in dem Gebäude ein Krankenhaus untergebracht ist. Womöglich waren sie lediglich über angebliche feindliche Aktivitäten in dem Haus informiert worden.

Offiziellen US-Angaben zufolge erfolgte der Angriff am 3. Oktober auf Anforderung der afghanischen Streitkräfte, die unter Beschuss von Taliban-Kämpfern gestanden hätten. Dabei seien "mehrere Zivilisten aus Versehen getroffen" worden. Der US-Kommandeur der internationalen Truppen in Afghanistan, John Campbell, sprach von einem Fehler in der Kommandokette. Die afghanische Regierung hatte direkt nach den Angriffen behauptet, dass sich bis zu 15 Terroristen in dem Krankenhaus versteckt hätten.

US-Präsident Barack Obama hatte sich kürzlich bei der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen für die Bombardierung ihres Krankenhauses entschuldigt. Zudem hatte Obama mit seinem afghanischen Kollegen Ashraf Ghani telefoniert und sich für eine "vollständige und transparente" Untersuchung der Bombardierung des Krankenhauses eingesetzt.

Ärzte ohne Grenzen erhob bereits vergangene Woche den Vorwurf, dass das Bombardement absichtlich erfolgt sei. "Es war ein vorsätzlicher Schlag", sagte der Generaldirektor der Organisation, Christopher Stokes, in Kabul. Es handele sich nicht um einen "Kollateralschaden". Die Luftschläge seien sehr präzise gewesen und hätten das Hauptgebäude anvisiert, sagte Stokes. Auch nachdem Kontakt mit dem afghanischen und dem US-Militär aufgenommen worden war, hätten die Angriffe noch mehr als eine halbe Stunde angehalten. Die Organisation sprach von Kriegsverbrechen.

Wurden Beweise zerstört?

Nach Angaben der Hilfsorganisation waren die afghanischen und die US-Streitkräfte über die GPS-Koordinaten des Krankenhauses informiert, das seit vier Jahren in Betrieb war. Es handelte sich um die einzige Klinik im Nordosten Afghanistans. Hier konnten Ärzte schwere Kriegsverletzungen behandeln. Bei der Attacke starben 22 Menschen.

Inzwischen erhoben die Ärzte ohne Grenzen weitere Vorwürfe gegen die Militärs. Laut dem britischen "Guardian" hat sich ein Panzer der US-Armee seinen Weg in die Ruine des Krankenhauses gebahnt. Damit könnten die USA Beweise für eine mögliche Untersuchung wegen Kriegsverbrechen zerstört haben. Die Hilfsorganisation berichtete, sie sei am Donnerstag darüber informiert worden, dass mit dem gepanzerten Fahrzeug Ermittler eines Teams aus Amerikanern, Nato-Vertretern und Afghanen in das ehemalige Krankenhaus gebracht worden seien. "Ihr unangekündigtes und gewaltsames Eindringen hat unser Eigentum beschädigt, mögliche Beweise zerstört und Stress und Angst ausgelöst."

USA verzögern Truppenabzug

Die USA vollziehen inzwischen eine Kehrtwende in ihrer Afghanistan-Politik. Washington verzögert angesichts der schlechten Sicherheitslage den Truppenabzug. Obama kündigte am Donnerstag an, die Präsenz der noch 9800 Soldaten werde den überwiegenden Teil des kommenden Jahres beibehalten. Die afghanischen Sicherheitskräfte seien noch nicht so stark, wie sie sein müssten.

Union und SPD sind nun auch offen für eine Verlängerung des Einsatzes deutscher Soldaten im Norden des Landes. Der Stützpunkt in Masar-i-Scharif sei ein wichtiger Stabilitätsanker in der Region, sagte der Verteidigungspolitische Sprecher der SPD, Rainer Arnold, der "Bild"-Zeitung. Den sollte die Bundeswehr nicht aufgeben. Sein Kollege von der CDU, Henning Otte, erklärte, Obamas Ankündigung eröffne die Chance, die Ausbildung auch in Nordafghanistan weiter sicherzustellen.

ler/AP/Reuters

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 150 Beiträge
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1. was
lenti 16.10.2015
anderes habe ich von den USA auch nicht erwartet ,
2. kein Versehen
materialist 16.10.2015
Diese Aussage scheint richtig zu sein da die Amis weiterbombten obwohl sie auf den Angriff auf das Krankenhaus telefonisch aufmerksam gemacht wurden.Ein Fall für Den Haag aber das gilt ja nicht für Amis.
3.
pauschaltourist 16.10.2015
Die AC-130 ist beileibe kein "Kampfhubschrauber". Online-Journalismus at its best...
4. Kriegsverbrechen
t dog 16.10.2015
Der leitende Offizier muss in Den Haag vom Kriegsverbrechertribunal angeklagt werden.
5. Fehler
Jacob_Angelus23 16.10.2015
Im Text steht ,, AC-130-Kampfhubschrauber[s]'', es handelt sich hiebei allerdings nicht um einen Hubschrauber wie den Apache oder Eurocopter Tiger, sondern um ein mit Haubitzen und Schnellfeuerwaffen ausgerüstetes Lockheed C-130 Hercules Flugzeug.
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