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Afghanistan: Vier Bundeswehr-Soldaten getötet

Der Bombenanschlag auf einen Bus in der afghanischen Hauptstadt Kabul, der offenbar durch einen Selbstmordattentäter durchgeführt wurde, hat vier deutschen Soldaten das Leben gekostet. Sieben weitere Soldaten wurden schwer verletzt.

 Kabul nach dem Anschlag: Rot-Kreuz-Panzer in Wartestellung
AP

Kabul nach dem Anschlag: Rot-Kreuz-Panzer in Wartestellung



Kabul - "Wir hoffen, dass sie am Leben bleiben", sagte Verteidigungsminister Peter Struck zum Zustand der Schwerverletzten. Zuvor hatte er in Berlin mitgeteilt, dass vier Bundeswehr-Soldaten getötet wurden. Bisher war von drei Toten und zehn Schwerverletzten die Rede gewesen.

Der Minister ging von einem Selbstmordattentat aus. Vieles spreche dafür, dass sich der Täter mit seinem Wagen - einem Taxi - in die Luft gesprengt habe, als der Bus mit den Bundeswehrangehörigen aufgetaucht sei, sagte Struck. Der Angreifer sei ums Leben gekommen.

Die Soldaten seien auf dem Heimweg gewesen, um einen Urlaub anzutreten. Die Angehörigen der Opfer seien informiert worden, so Struck weiter. Konkrete Hinweise auf eine Verwicklung der Terrororganisation al-Qaida in den Anschlag gebe es bisher nicht.

Ein offenbar mit Sprengstoff präpariertes Taxi sei am Morgen neben einem mit 33 deutschen Soldaten besetzten Bus explodiert. "Dieser Anschlag hat eine neue, schreckliche Dimension", sagte Struck. Die Bundeswehr werde sich trotz des Anschlags nicht aus Afghanistan zurückziehen und wie geplant eine Ausweitung prüfen.

US-Präsident George W. Bush habe Bundeskanzler Gerhard Schröder das Beileid des amerikanischen Volkes ausgesprochen, sagte Struck. Angehörige der US-Streitkräfte hätten bei der Bergung und Versorgung der Opfer geholfen. Die Verletzten sollten nach der Erstversorgung noch am Samstag nach Deutschland geflogen werden, sofern ihr Zustand dies zulasse.

Zwei Busse mit den Deutschen seien auf dem Weg zum Flugplatz gewesen, so Struck in Berlin. Von dort sollten sie nach Deutschland fliegen. Gegen 7.50 Uhr Ortszeit (5.50 MESZ) habe der Konvoi das deutsche Hauptquartier verlassen. Auf einer Hauptstraße in Kabul sei es dann zu der Explosion gekommen.

Auf die Frage, ob es angesichts der unsicheren Lage in Kabul leichtsinnig gewesen sei, die Soldaten in einem Bus statt einem gepanzerten Fahrzeug zu transportieren, sagte Struck: "Ich kann nicht erkennen, dass wir fahrlässig gehandelt haben." Es habe keine Hinweise auf einen Anschlag gegeben. Struck sagte, Beamte des Bundeskriminalamtes würden zur Aufklärung des Anschlags nach Kabul geschickt.

Erst am Donnerstag hatte der Bundestag erste Weichen für eine Ausweitung des Einsatzes gestellt. Nach dem Willen der Parteien sollen mehrere Dutzend Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan ab Spätsommer möglicherweise erstmals auch außerhalb der Hauptstadt Kabul eingesetzt werden. Die Fraktionsvorsitzenden stimmten der Entsendung eines "Erkundungsteams" zu, das sich am kommenden Dienstag auf den Weg machen soll. An dieser Planung werde festgehalten, versicherte Struck.

Der Minister sagte, es gehe darum, deutsche Helfer zu schützen, die bei dem für die Stabilität der afghanischen Regierung wichtigen Wiederaufbau auch in den ländlichen Regionen mitarbeiten. Am wahrscheinlichsten sei eine Entsendung der Bundeswehr nach Herat im Westen des Landes rund 600 Kilometer von Kabul entfernt. In Militärkreisen hieß es, gedacht sei an den Einsatz von bis zu 70 deutschen Soldaten zum Schutz von etwa 30 Zivilisten von September an. Erst nach der Rückkehr des "Erkundungsteams" will die Regierung entscheiden. Danach will sie die Zustimmung des Bundestags einholen.

Afghanen auch unter den Opfern?

Rettungsfahrzeuge der Schutztruppe ISAF  nach dem Bombenanschlag auf einen ihrer Busse in Kabul.
REUTERS

Rettungsfahrzeuge der Schutztruppe ISAF nach dem Bombenanschlag auf einen ihrer Busse in Kabul.

Über die Zahl der Opfer gibt es nach wie vor widersprüchliche Angaben. Ein Sprecher der US-Armee sprach zunächst von 28 Verletzten, die bislang nicht identifiziert worden seien. Auch sei unklar, ob sie Insassen des Busses gewesen seien. Die Polizei in Kabul sprach von insgesamt fünf oder sechs Toten und elf Verletzten.

Unmittelbar nach der Explosion landete ein deutscher Militärhubschrauber am Tatort, der sich in der Nähe der Unterkünfte deutscher und niederländischer Soldaten befand.

"Eine Bombe explodierte in der Nähe eines Busses, den die ISAF nutzt", sagte General Abdul Raouf Taj, Polizeichef des 9. Distriktes von Kabul. Später ergänzte ein Polizeisprecher, der Bus habe sich nahe der Zollverwaltung befunden, als es zur Explosion gekommen sei. Die Polizei riegelte den Tatort im Umkreis von 200 Metern ab und ließ nur ISAF-Fahrzeuge und Rettungskräfte passieren.

Schröder spricht Mitgefühl aus

Bundeskanzler Gerhard Schröder verurteilte am Samstag das Bombenattentat als feigen und hinterhältigen Terroranschlag. Er habe die Nachricht vom Tod der drei deutschen Soldaten und von weiteren Verletzten mit großer Bestürzung aufgenommen, erklärte er in Berlin. Schröder sprach von einem schrecklichen Ereignis und drückte den Angehörigen der Opfer sein tiefes Mitgefühl aus.

Die "terroristischen Kräfte", die nach bisherigen Erkenntnissen Verursacher der Bombenexplosion gewesen seien, bezeichnete Schröder als erklärte Gegner der Friedens- und Stabilisierungsbemühungen in Afghanistan. Mit derlei Anschlägen solle der Friedensprozess in diesem von mehr als 20 Jahren Krieg geschundenen Land unterminiert "und das Land zurück in die Anarchie gebombt werden".

Reaktionen der Opposition

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel reagierte "mit großer Betroffenheit" auf den "heimtückischen und abscheulichen Anschlag". "Wir trauern in diesen Stunden mit den Familien der getöteten Soldaten." Der Anschlag führe wieder vor Augen, wie schwierig der Einsatz der Bundeswehr für den Frieden und die Freiheit in Afghanistan sei.

Der FDP-Bundesvorsitzende Guido Westerwelle verurteilte den "verbrecherischen Akt". Er mache deutlich, "wie notwendig der Einsatz der internationalen Gemeinschaft für ein friedliches Zusammenleben in Afghanistan und gegen die mörderische Gewalt der Friedensgegner ist". Die deutschen Soldaten seien "als Helden für Demokratie und Freiheit gestorben". FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt sagte, das Risiko der Soldaten sei hoch. "Es bleibt unsere Verantwortung, für Rahmenbedingungen zu sorgen, die diese Risiken möglichst minimieren."

 Hubschrauber bergen Verletzte: Attentäter sprengte sich in die Luft
REUTERS

Hubschrauber bergen Verletzte: Attentäter sprengte sich in die Luft

Der sicherheitspolitische Fraktionssprecher der Union, Christian Schmidt (CSU), forderte, umgehend die "Einsatz- und Sicherheitsphilosophie der Friedenstruppe auf den Prüfstand zu stellen". Nach dem Attentat könne man nicht zur Tagesordnung übergehen. "Bei der Sicherheit der Soldaten darf es künftig keine Kompromisse geben." Entscheidungen müssten unverzüglich getroffen werden.

Im Gegensatz zum Vorsitzenden des Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz, denkt die Union nicht an einen Abzug der Soldaten aus Afghanistan. Sonst würden noch mehr Gefahren auch für Deutschland entstehen, da sich der Terrorismus dann noch ungehinderter in Afghanistan breit machen könne. Von Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) erwartet die Union ein ernsthaftes Gespräch über «die Form der Ausrüstung und die Art der Mandatsausübung in Afghanistan». Außerdem solle die geplante Ausweitung des Bundeswehreinsatzes über die Region Kabul hinaus zunächst einmal gestoppt werden.

Mutmaßliche Taliban-Kämpfer haben seit Frühlingsbeginn zahlreiche Anschläge in Afghanistan verübt, die meisten im Süden und Osten des Landes.

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