Afghanistan Wahlkampf im Ausnahmezustand

Afghanistan wählt einen neuen Präsidenten. Seine Aufgabe: den Vielvölkerstaat nach Abzug der Nato zusammenzuhalten. Drei Kandidaten buhlen um Wähler, trotz täglicher Gewalt. Es wäre die erste geordnete Machtübergabe in der Geschichte des Landes.

AFP

Aus Kabul berichtet


Der Wahlkampf hat den Kandidaten sichtlich mitgenommen. Fast zwei Monate lang ist Ashraf Ghani durch Afghanistan getourt, in den Provinzen trat der frühere Finanzminister und Weltbankmanager vor Tausenden Menschen auf, hat mit ihnen gebetet und dann für sich geworben.

Am Mittwochmittag nun klettert der hagere Mann mit der Glatze in braunen Pluderhosen und langem Hemd auf die Bühne der Loya-Jirga-Halle am Rand von Kabul. Eigentlich tagen hier die Stammesältesten, heute dient die schmucklose Halle als Ort des Wahlkampfabschlusses vor der Abstimmung am Samstag.

Mit heiserer Stimme krächzt Ghani fast nur noch, muss sich erst mal sammeln, nimmt einen Schluck Wasser. "Ich danke Gott, dass ich ein Afghane bin", brüllt er dann. Die Halle tobt. In den ersten der rund 50 Stuhlreihen hocken seit Stunden geduldig afghanische Würdenträger und Dorfälteste mit langen Bärten, Turbanen und traditionellen Gewändern. Hinter den VIP-Plätzen stehen junge Leute mit Jeans und Gel-Frisuren auf ihren Stühlen. Sie schwenken afghanische Fahnen, applaudieren wild. "Ihr seid die Zukunft", ruft Ghani, "lasst uns die Aufgabe angehen!"

Erste friedliche Machtübergabe in der Geschichte

Die Aufgabe ist riesig. Zum ersten Mal in der Geschichte soll mit der Präsidentschaftswahl eine friedliche Machtübergabe über die Bühne gehen, nach zwei Amtszeiten muss Amtsinhaber Hamid Karzai seinen Stuhl räumen. Ghani, wie Karzai ein Paschtune aus dem Süden, gehört zu den drei aussichtsreichsten Kandidaten. Er und seine beiden Konkurrenten, der Ex-Außenminister Zalmai Rassoul und Abdullah Abdullah, früher Sprecher des Volkshelden Ahmed Schah Massud, ringen 13 Jahre nach dem Ende des Taliban-Regimes um den Platz im Präsidentenpalast.

Um Politik ging es in diesem Wahlkampf eher am Rande, keiner der Kandidaten hat ein richtiges Programm vorgelegt. Stattdessen setzten alle drei auf Massenveranstaltungen als Symbol. Wahlen in Afghanistan werden traditionell von dem gewonnen, der die verschiedenen Volksgruppen in dem Vielvölkerstaat hinter sich bringen kann. Ghani und Rassoul setzen auf die Paschtunen aus dem Süden, Abdullah kann sich auf die Tadschiken aus dem Norden verlassen. Dass ein Kandidat im ersten Wahlgang gewinnt, gilt als unwahrscheinlich; erst eine Stichwahl Ende Mai wird die Entscheidung bringen.

Im komplizierten Machtgefüge Afghanistans machten die Kandidaten einige Verrenkungen. Ghani, der sich seit Jahren als moderner Reformer gibt, holte mit General Abdul Raschid Dostum einen Usbeken aus dem Norden in sein Team. Dass Dostum wegen seiner blutigen Rache an Tausenden Taliban im Jahr 2001 weltweit als Kriegsverbrecher und wegen seines exzessiven Lebensstils als unberechenbar gilt, störte nicht. Vielmehr setzt Ghani darauf, dass Dostum ihm die Stimmen von rund zwei Millionen treuen Usbeken aus dem Norden sichert.

Fast täglich Anschläge vor der Wahl

Wie viel die teilweise riesigen Veranstaltungen über die Unterstützung der Kandidaten aussagen, ist nicht nur deswegen schwer abzuschätzen. Mit millionenschweren Wahlkampfbudgets organisierten die Präsidenten-Anwärter konzertiert Bustouren für ihre Auftritte, gerade in den bettelarmen Dörfern kann man mit einem solchen Ausflug in die Stadt inklusive Mittagessen und Unterhaltungsprogramm punkten. Trotzdem werten westliche Diplomaten den Wahlkampf als ersten Fortschritt; immerhin kam es bei keiner der Veranstaltungen zu schweren Zwischenfällen oder gar Angriffen der Taliban.

Die Sicherheitslage bleibt dennoch extrem angespannt: Kurz vor der Rede Ghanis sprengte sich nur wenige Kilometer entfernt ein Selbstmordattentäter in die Luft, nur Minuten später bekannten sich die Taliban zu der tödlichen Attacke am Eingang des schwer gesicherten Innenministeriums. In den Tagen zuvor hatte es ähnliche Attacken gegen die Wahlkommission, das einzige Luxushotel in der Stadt und eine ausländische Hilfsorganisation gegeben. Die Regierung schloss ein wenig hilflos Restaurants, die von Ausländern noch besucht wurden.

In den westlichen Botschaften sieht man die Lage trotzdem vorsichtig optimistisch. Erfolgreiche Wahlen und vor allem ein neuer Präsident, der anders als Hamid Karzai den Weg für die angepeilte Nato-Trainingsmission nach 2014 möglich machen soll, gelten bei den Nato-Nationen als Meilenstein für die weitere Unterstützung Afghanistans.

Die fast tägliche Gewalt müsse man deswegen relativ sehen, heißt es nun, schließlich fürchtete man als "worst case" sogar, dass während des Wahlkampfs einer der Kandidaten umgebracht oder bei einem Anschlag getötet werden könnte.

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Seite 1
erwakue 04.04.2014
1. Eine Farce ist diese Wahl!
Diese Wahl ist doch eine Farce, denn wer da gewählt wird, egal unter welchen Umständen, der will nur eins Macht und das Geld der Geberländer für seine Clans. Das Volk ist in diesem Fall nur das Stimmvieh für ihre Herrscher.
jjcamera 04.04.2014
2. verspäteter Aprilscherz
Zitat von sysopAFPAfghanistan wählt einen neuen Präsidenten. Seine Aufgabe: den Vielvölkerstaat nach Abzug der Nato zusammenhalten. Drei Kanditen buhlen um Wähler. Trotz täglicher Gewalt: Es wäre die erste geordnete Machtübergabe in der Geschichte des Landes. http://www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-wahlkampf-um-praesidentenamt-a-962368.html
Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass im Land der Drogenbarone, Stammesführer und Warlords eine "geordnete Machtübergabe" stattfindet?
ichsagwas 04.04.2014
3. Kaputtes Land - zerstörte Kultur
Hauptaufgabe des Präsidenten ist und war immer nur das Verteilen von sogenannten Hilfsgeldern aus dem Westen, die als Entwicklungs- und Militärhilfe getarnt, in das umfangreiche System von Korruption und Vetternwirtschaft fließen. Afghanistan hat noch einen sehr weiten Weg vor sich. Die armen Menschen dort. Sie werden durch die Globalisierung zerrieben. Ihre traditionellen Produkte kauft niemand mehr - die schönen Teppiche mit jahrhundertealten bis jahrtausendealten Mustern treffen nicht mehr den Geschmack unserer öden, kulturlosen Konsumgesellschaft. Bleibt der Drogenanbau. Was sonst ?
Berliner Göre 04.04.2014
4.
Dem Artikel kann ich nicht entnehmen, ob den Frauen ebenfalls das Stimmrecht gewährt wird. Weiß es jemand?
ricson 04.04.2014
5. @Berliner Göre
Ja Frauen dürfen wählen, und werden sogar besonders umworben. Alle Kandidaten haben Frauen im wahlkampfteam und Versprechen Frauen als Ministerinnen. Zu dieser Wahl kann man sagen auch eine lange Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Erst in einigen Jahrzehnten wenn sich Parteien und Stroemungen etabliert haben werden die Menschen wissen wer sie am besten vertreten kann. Besonders wichtig werden oppositionsrechte sein, damit der wahlverlierer auch seine oppositionsrolle annimmt. Leider habe ich da wenig Hoffnung.
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