Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Afghanistan: Zwei deutsche Journalisten erschossen

Unbekannte haben im Norden Afghanistans zwei deutsche Mitarbeiter des Senders "Deutsche Welle" erschossen. Die afghanische Polizei fand die Leichen der Deutschen in einem Zelt in der Nähe von Bamiyan. Die Hintergründe der Tat sind noch unklar.

Kabul - Die beiden Journalisten seien im Norden Afghanistans unterwegs gewesen, berichteten afghanische Behörden heute. Sie seien von der Provinz Baghlan in die Provinz Bamiyan gereist. Dabei seien sie in der vergangenen Nacht von unbekannten Tätern erschossen worden, sagte der Sprecher des Innenministeriums in Kabul, Zemarai Bashary. Die beiden hätten an einer Dokumentation gearbeitet.

Aus Sicherheitskreisen erfuhr SPIEGEL ONLINE, dass es sich bei der Frau um eine Mitarbeiterin der "Deutschen Welle" handelt. Ein Sprecher des Senders konnte heute noch keine Einzelheiten nennen, da es bisher noch keine Bestätigung vom Auswärtigen Amt in Berlin gebe. Die Chefredaktion des Kanals war am Morgen auf einer Klausurtagung von der tragischen Nachricht überrascht worden.

SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE erfuhr aus Kabul, dass es sich bei den beiden Journalisten um freie Mitarbeiter des deutschen Auslandssenders handelte. Demnach hat die Frau immer wieder als Reporterin gearbeitet, erst kürzlich berichtete sie auch aus dem Libanon. Ihr Lebensgefährte war beim "DW"-Projekt als freier Mitarbeiter für den Aufbau eines afghanischen Fernsehsenders tätig. Die "Deutsche Welle" betreut das Pilot-Projekt seit mehreren Jahren und bildet afghanische Journalisten aus.

Beide Reporter galten als erfahren in dem krisengeschüttelten Land am Hindukusch und waren dort seit Jahren für Reportagen unterwegs. Die zwei Journalisten seien am Freitag nicht mit einem konkreten Auftrag für den Sender unterwegs gewesen, hätten aber vielleicht später ihr Material aus dem Norden für Beiträge angeboten, so die Vermutung innerhalb des Senders.

Auf eigene Faust unterwegs

Der Sprecher der Internationalen Afghanistan-Schutztruppe in Afghanistan (Isaf), Dominic White, sagte, die beiden Journalisten hätten bis vergangenen Mittwoch "Arbeit im Zusammenhang mit der Isaf" geleistet und seien dann auf eigene Faust durchs Land gezogen.

Die in Pakistan ansässige Nachrichtenagentur AIP meldete, die beiden Journalisten seien in einem Zelt rund 150 Kilometer südlich von Baghlan ermordet aufgefunden worden. Die Leichen seien bereits nach Kabul übergeführt worden. Der Sicherheitschef der Provinz, General Azim Hashimi, sagte, die beiden hätten einen Fahrer gehabt, von dem jedoch jede Spur fehle.

Die Hintergründe der Tat waren auch Stunden später unklar. Offensichtlich handelte es sich bei dem Angriff nicht um einen Raubmord. Aus Sicherheitskreisen in Kabul hieß es, in dem Zelt der beiden Deutschen seien ihre Kameraausrüstung sowie ihre Pässe und andere persönliche Gegenstände gefunden worden. Ebenso habe sich bisher keine Gruppe zu dem Mord bekannt.

Das Auswärtige Amt (AA) wollte die Berichte weder bestätigen noch dementieren. Man bemühe sich gemeinsam mit der Botschaft "um Einzelheiten über den Vorfall", so das Statement eines Sprechers der Behörde von Außenminister Steinmeier (SPD). Aus gut informierten Kreisen in Berlin heißt es, die Regierung wisse seit heute Morgen über den Tod der beiden Deutschen Bescheid. Seitdem versuchten die Botschaft und auch die ansässigen Verbindungsbeamten der deutschen Behörden in Kabul Details zu bekommen. Ob die beiden Familien der Toten bereits über die Geschehnisse informiert worden sind, ist nicht bekannt.

Der Norden Afghanistans gilt unter erfahrenen Besuchern der Krisenregion als relativ sicher - allerdings nur im Gegensatz zum umkämpften Süden, wo fast jeden Tag internationale Soldaten ums Leben kommen. Die Region um Bamiyan hat für Archäologen und in letzter Zeit sogar für wagemutige Touristen einen besonderen Reiz, da man dort die Überreste von zwei riesigen Buddhas besichtigen kann, welche die Taliban gegen scharfen internationalen Protest im Jahr 2001 hatten sprengen lassen. Seit Jahren gibt es in Bamiyan ein Projekt der Uno, um die beiden historischen Monumente wieder aufzubauen.

Fünfter Jahrestag des Kriegsbeginns

In den letzten Monaten gab es in Kabul immer wieder Reiseanbieter, die angeblich sichere Trips in den Norden anboten. Auch in mehreren Afghanistan-Magazinen erschienen Anzeigen, die solche Exkursionen anboten. Ob die beiden Journalisten einen solchen Führer dabei hatten, hat sich bisher noch nicht klären lassen.

Heute ist der fünfte Jahrestag des Kriegsbeginns in Afghanistan. Die US-geführte Koalition stürzte das radikal-islamische Taliban-Regime Ende 2001. Die Taliban hatten sich geweigert, den Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001, Osama bin Laden, auszuliefern.

Die Taliban wiesen jede Verantwortung für den Mord an den beiden deutschen Journalisten zurück. "Unsere Mudschaheddin greifen keine Journalisten an", sagte Taliban-Sprecher Kari Jussuf Ahmadi heute. "Das ist nicht unser Ziel. Wir greifen nur Amerikaner und ihre Unterstützer an."

Die Authentizität solcher Aussagen ist schwer nachzuvollziehen, da die Guerilla-Gruppe keine wirklichen Sprecher hat. Jedoch neigten die Taliban in der Vergangenheit eher dazu, sich auch für Anschläge zu bekennen, die sie gar nicht ausgeführt hatten.

ler/mgb/dpa/Reuters/AFP

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: