Afghanistans Foltergefängnisse Die Hölle in Abteilung 90

Die Gefangenen berichten von Prügel, Stromschlägen und Todesdrohungen: Der Uno-Bericht über Folter in Afghanistan hat Menschenrechtler entsetzt - aber wenig überrascht. Seit Jahren habe man die Missstände angemahnt, passiert sei nichts. Das Innenministerium des Landes räumte Misshandlungen ein.

Afghanisches Gefängnis in Kandahar: Misshandlungen weit verbreitet
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Afghanisches Gefängnis in Kandahar: Misshandlungen weit verbreitet

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Kabul - Es sind erschütternde Szenen, die Häftlinge aus afghanischen Gefängnissen schildern: Schläge mit Stromkabeln, Elektroschocks, Todesdrohungen. Ein Uno-Bericht hat die schockierenden Verhältnisse in einem Bericht angeprangert. Nun haben Menschenrechtsorganisationen entsetzt auf die Ergebnisse der Studie reagiert - und Vorwürfe gegen die ausländischen Streitkräfte im Land erhoben.

Man habe die Internationale Schutztruppe Isaf schon vor Jahren auf die Missstände in den Haftanstalten des Landes hingewiesen, teilte Amnesty International mit. "Doch statt rasch zu reagieren, hat die Isaf die Situation völlig außer Kontrolle geraten lassen", sagte Sam Zarifi, Sprecher der Organisation für die Region. Nun seien die Regierungen in der Pflicht, zu erklären, wie es so weit kommen konnte. Amnesty hatte sich zu der Studie bereits im September geäußert, nachdem erste Details durchgesickert waren.

Auf 84 Seiten schildert der Uno-Bericht in teils drastischer Wortwahl den Umgang hinter den Mauern der afghanischen Gefängnisse.

Die Häftlinge tauchen anonymisiert auf, sie tragen daher Nummern. So berichtet Häftling 371: "Der Verhörführer benutzte Stromkabel, mit denen er mir auf die Hand schlug. Immer wieder sagte er mir, dass man mich töten würde, wenn ich kein Geständnis ablege."

Ein anderer Gefangener berichtet von stundenlanger Folter: "Sie hängten mich an den Handgelenken an einer Stahltür auf, mein Kopf war mit einer Kapuze verhüllt. Irgendwann fingen sie an, mit Plastikrohren auf meine Beine und Füße einzuschlagen", so Häftling 243. In dem Bericht schildert er außerdem Misshandlungen im Genitalbereich.

Bericht zeigt das Ausmaß der Misshandlungen

Über viele Seiten erstrecken sich die Berichte, laut Uno wiesen viele Befragte Narben auf, die zu ihren Leidensgeschichten passten. Doch nicht nur in seiner Detailtreue ist die Studie bisher einzigartig. Sie zeigt auch anhand von konkreten Zahlen das Ausmaß der Misshandlungen, die bisher stets nur vermutet worden waren.

Bei der Uno sieht man nun die lokalen Behörden am Zug: "Folter ist eine der schwersten Menschenrechtsverletzungen, die es gibt. Dies gilt sowohl für internationales Recht, als auch unter afghanischer Rechtssprechung. Daher müssen diese Vorfälle Konsequenzen haben", sagte Georgette Gagnon, Menschenrechtsbeauftragte der Uno-Mission in Afghanistan (Unama). Immerhin hätten die Behörden vor Ort während des Untersuchungszeitraums gut mit der Unama kooperiert.

Fast ein Jahr lang Häftlinge befragt

Der Aufwand, mit dem die Uno-Mitarbeiter ihre Studie durchführten, war enorm. So wurden mehr als 300 Gefangene befragt, die wegen bewaffneter Auseinandersetzungen einsitzen. Insgesamt besuchten die Researcher 47 Haftanstalten im ganzen Land.

Während der Interviews waren keine Wachleute anwesend, die Gespräche fanden zudem in der Muttersprache der Häftlinge statt. Insgesamt dauerte die Interview-Serie knapp elf Monate - von Oktober 2010 bis August 2011.

Allein in den Gefängnissen der afghanischen Nationalpolizei ermittelte die Studie, dass mehr als ein Drittel aller untersuchten Häftlinge gefoltert oder misshandelt wurde.

Noch schlimmer ist die Situation laut Uno-Bericht jedoch in den Haftanstalten des Inlandsgeheimdienstes NDS: Hier wurde fast die Hälfte (46 Prozent) der befragten Gefangenen während ihrer Haftzeit mindestens einmal Foltermethoden ausgesetzt. Bei beiden Erhebungen stellt die Studie fest, dass nicht mehr von einer Reihe von Einzelfällen, sondern von systematischer Folter ausgegangen werden muss.

Qualen in "Abteilung 90"

Besonders drastisch schildert der Report das Leid der Gefangenen, die in der gefürchteten "Abteilung 90" untergebracht waren. Hier sperrt der Geheimdienst Terrorverdächtige und andere mutmaßliche Staatsfeinde ein - und misshandelt sie offenbar reihenweise. Von 28 Befragten gaben nur zwei an, während ihrer Inhaftierung von Repressalien verschont geblieben zu sein. Unter den Opfern der Staatsgewalt befanden sich auch Minderjährige. Immer wieder bezeichneten sie das Gefängnis in den Interviews als "Hölle".

Die Reaktionen aus Afghanistan sind bisher noch verhalten. Das Innenministerium in Kabul erklärte, es werde den Bericht zur Kenntnis nehmen und in den kommenden Tagen reagieren. Die Behörde räumte jedoch bereits ein, dass es "vereinzelt" zu Misshandlungen gekommen sei, und versprach an der "Lösung des Problems" zu arbeiten.

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insgesamt 19 Beiträge
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wika 11.10.2011
1. Wer waren denn …
… die Lehrmeister dieser Folterschergen. Wenn man sagt sie hätten vorbildlich gehandelt, dann meint dies ja nicht gut, sondern halt eben nicht ohne Vorbild. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Folter generell eine erbliche oder genetisch bedingte Ursache hat, also nur noch Ausbildung. Aber hierzu werden wir sicherlich keine weiteren Details erfahren, haben doch die Folterlehrer noch mit Enthüllungen in eigener Sache zu tun. Und so bleibt dem vor Übelkeit schon tief vorn über geneigten Leser nichts weiter asl lammfromm bei solcher *„Terror-Erzwingungs-Politik“* … Link (http://qpress.de/2010/10/09/terror-erzwingungs-politik/) zuzusehen und festzustellen, dass auch die Weltpolizei zu nichts taugt, außer selbst Gräuel zu verbreiten … natürlich alles im Namen der Menschlichkeit und zur Wahrung von Frieden, Demokratie und Freiheit … (°!°)
mark anton, 11.10.2011
2. Auch hier, der Westen kann nicht Konsiquent sein - Verlierermentalitaet
Zitat von sysopDie Gefangenen berichten von Prügel, Stromschlägen und Todesdrohungen: Der Uno-Bericht über Folter in Afghanistan hat Menschenrechtler entsetzt - aber wenig überrascht. Seit Jahren habe man die Missstände angemahnt, passiert sei nichts. Das Innenministerium des Landes räumte Misshandlungen ein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,791187,00.html
falls er Karzai haette nach seinen wiederholten Wahlbetrug haette fallen lassen, falls es konsiquent fuer Einhaltung der Menschenrechte und der Durchsetzung westlicher Normen, auch bei der Bildung/Gleichbehandlung von Maedchen eingetreten waaere, haette man als Steuerzahler noch Verstaendnis fuer diesen ansonsten nicht gewinnbaren Krieg gehabt. Aber im Zeichen von nichtentschuldbaren Fehlentscheidungen/ fehlender Konsiquenz gegenueber den Terroristennachschubstaat Pakistan, wird diese Mission in einer bitteren Niederlage enden, Vietnam laesst gruessen. Gegenueber dieser islamischen Kultur, die auf uns veraechtlich niederblickt, Infidel sieht, die Milliarden in Empfang nimmt und Natosoldaten anschliessend in den Ruecken schiesst, giebt es nur ein Mittel, gemeinsam einpacken und gute Zeit wuenschen. Unsere Freiheit wird natuerlich hier, nicht am Hindukusch verteitigt, islamistische Terroristgen gibt es inzwischen allerorts.
PaulBiwer 11.10.2011
3. Brunnen bauen...
...genügt nicht,wenn wir offiziell Verbündete und Förderer dieses Regimes sind.
Archivdoktor, 11.10.2011
4.
Zitat von sysopDie Gefangenen berichten von Prügel, Stromschlägen und Todesdrohungen: Der Uno-Bericht über Folter in Afghanistan hat Menschenrechtler entsetzt - aber wenig überrascht. Seit Jahren habe man die Missstände angemahnt, passiert sei nichts. Das Innenministerium des Landes räumte Misshandlungen ein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,791187,00.html
Man darf die Situation in Afghanistan halt nicht mit den Gegebenheiten in Europa vergleichen - dann wäre man nicht so entsetzt! Wo Mädchen Nasen abgeschnitten werden, wo 10-jährige Mädchen an alte Männer verkauft werden, wo Steinigungen + Scharia an der Tagesordnung sind, wo Frauen die Burka tragen müssen und Mädchen das Alphabet nicht lernen dürfen, kann man keine Rechtsstaatlichkeit fordern! Und die, die das nicht checken (wollen), sind doch etwas sehr naiv....
bansin 11.10.2011
5. Afghanistan, Deutschland wird dort verteidigt
Zitat von sysopDie Gefangenen berichten von Prügel, Stromschlägen und Todesdrohungen: Der Uno-Bericht über Folter in Afghanistan hat Menschenrechtler entsetzt - aber wenig überrascht. Seit Jahren habe man die Missstände angemahnt, passiert sei nichts. Das Innenministerium des Landes räumte Misshandlungen ein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,791187,00.html
Afghanistan ist seit 10 Jahren ohnehin auf der ganzen Linie eine Lüge. Wenn solche kleinen Auftritte die Zusammenhänge klar und deutlich beschreiben können, wieso verschließen unsere verantwortlichen Politiker davor die Augen? http://rundertischdgf.wordpress.com/2011/10/11/krieg-in-afghanistan-lugen-uber-lugen/
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