Bevölkerungsreichstes Land des Kontinents Nigeria wählt - Afrika hält den Atem an

Wenn Nigeria einen neuen Präsidenten bestimmt, hat das Auswirkungen weit über die Landesgrenzen. Schon heute ist die Lage für viele Menschen kaum erträglich. Kippt die Stimmung, bleibt ihnen nur die Flucht.

Nahverkehr im Zentrum der Megacity Lagos
REUTERS

Nahverkehr im Zentrum der Megacity Lagos

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In Nigeria hat mit einer Woche Verspätung die Präsidentschaftswahl begonnen. 84 Millionen Männer und Frauen sind registriert, um aus 73 Kandidaten einen neuen Präsidenten zu bestimmen. Die größten Chancen haben Amtsinhaber Muhammadu Buhari und Herausforderer Atiku Abubakar.

Warum ist die Wahl entscheidend?

Schon heute leben in Nigeria geschätzt 200 Millionen Menschen, und damit jeder fünfte Afrikaner. Die Uno prognostiziere eine Verdoppelung der nigerianischen Bevölkerung bis 2050, weil die Lebenserwartung stetig steigt und die Kindersterblichkeit sinkt.

Und viele Menschen im Land müssen sich äußert widrigen Lebensumständen stellen. Die Hälfte der Bewohner hat heute weniger als zwei Dollar am Tag zur Verfügung. Viele, die es sich leisten können, fliehen schon aus dem Moloch der 16-Millionen-Megacity Lagos, vor der ethnisch und wirtschaftlich bedingten Gewalt in der Landesmitte oder dem islamistischen Terror von Boko Haram im bettelarmen Norden.

Rauchende Trümmer in einem Flüchtlingslager in Nordnigeria
IRC/ AP

Rauchende Trümmer in einem Flüchtlingslager in Nordnigeria

In Deutschland stellten Nigerianer 2018 unter Asylsuchenden die viertgrößte Gruppe.

Doch nicht nur die Frage, wie viele Nigerianerinnen und Nigerianer ihr Glück woanders suchen, ist entscheidend. Die ganze Region Westafrika hängt von Nigeria ab. Salopp gesagt: Hat die riesige Volkswirtschaft Schnupfen, kriegt Westafrika die Grippe. Und seit Muhammadu Buhari regiert, schien es so, als ginge es Nigeria immer schlechter.

Der Amtsinhaber

Muhammadu Buhari (links)
STR/EPA-EFE/REX

Muhammadu Buhari (links)

Buhari, 76, will zwar eine zweite Amtszeit, aber Erfolge hat er bisher kaum vorzuweisen. Gestartet war er vor vier Jahren mit dem Versprechen, die Terrorgruppe Boko Haram zu besiegen und die chronische Korruption in Nigerias Regierungsapparat zu bekämpfen.

Das erste Ziel hat er verfehlt. Die Terroristen beherrschen weiter ganz Landstriche und starten immer wieder tödliche Attacken gegen die Sicherheitskräfte. Gegen Korruption ging Buhari zunächst hart vor. Inzwischen kommt aber sogar aus seiner eigenen Partei der Vorwurf, er unterscheide bei Korruptionsverfahren sehr genau nach Freund und Feind.

Der Muslim Buhari war 1983 selbst Militärdiktator in Nigeria, heute ist er ein schwacher Präsident. In einem denkwürdigen BBC-Interview ein Jahr nach Buharis Wahl sagte selbst seine Frau Aischa, wenn es mit der Regierungsführung bis zur nächsten Wahl so weitergehe, werde sie die Wiederwahl ihres Mannes nicht mehr unterstützen.

Ihr Hauptkritikpunkt: Buhari war damals in seinem Regierungsteam isoliert. In dem Interview beklagte die First Lady, weder ihr Mann noch sie würden die Schlüsselfiguren der Regierungsmannschaft richtig kennen. Entscheidungen würden auf Druck von Leuten gefällt, die nicht im Sinne der Partei APC handelten.

Der Herausforderer

Atiku Abubakar (links)
GEORGE ESIRI/EPA-EFE/REX

Atiku Abubakar (links)

Atiku Abubakar, 72, ist der Spitzenkandidat der als neoliberal geltenden People Democratic Party, die besonders im Süden Nigerias ihre Anhänger hat. Abubakar war von 1999 bis 2007 Vizepräsident seines Landes. Aus dieser Zeit stammen schwere Korruptionsvorwürfe.

Wegen dieser Anschuldigungen unterliegt er eigentlich einer Einreisesperre für die USA. Die wurde im Januar kurz aufgehoben, damit der mögliche nächste Staatschef in Washington vorsprechen konnte. Für das Kurzzeitvisum soll Abubakar einer Lobbyfirma 80.000 Dollar bezahlt haben, die dann beim US-Kongress die Ausnahme durchsetzte. Abubakar bestreitet die Korruptionsvorwürfe. Sein wichtigstes Wahlversprechen ist die Privatisierung des Ölsektors, und das wäre für Nigeria ein drastischer Schritt - besonders bei Abubakars Vorgeschichte.

Wie wird es ausgehen?

Eigentlich sollte schon vergangenen Samstag gewählt werden, doch Stunden vor Öffnung der Wahllokale wurde alles um eine Woche verschoben.

Die letzten Umfragen vor der Wahl sahen leichte Vorteile für Buhari. Andererseits: Beide Kandidaten stammen aus dem muslimischen Norden und ringen dort um die Stimmen. Im Süden Nigerias könnte Abubakars PDP wie bei früheren Wahlen mehr Stimmen holen, und es könnte für den Herausforderer reichen.

Buhari(l.) und Abubakar (Archivbild aus 2014)
AFP

Buhari(l.) und Abubakar (Archivbild aus 2014)

Was für das ganze Land gilt: Die Menschen sind von der politischen Klasse und den beiden großen Parteien enttäuscht. Gefährlich kann es werden, wenn Buhari knapp gewinnt, und die PDP dann das Ergebnis anzweifelt und anfechtet. Oder umgekehrt.

Ein weiteres Alarmzeichen: Der oberste Richter des Landes, Walter Onnoghen, wurde Anfang Januar verhaftet. Er habe sein Vermögen nicht korrekt angegeben und Millionen im Ausland versteckt, was unter Buhari verboten wurde. Onnoghen wäre es, der als Vorsitzender des Obersten Gerichts bei einer Anfechtung mit über die Rechtmäßigkeit der Wahl zu entscheiden hat.

Entspannt hat die spontane Verschiebung der Wahl die Lage nicht, im Gegenteil: Viele Menschen sind wütend, weil sie zum Wählen zurück in ihre Heimatregion gefahren waren und dann nicht abstimmen konnten. Und Buhari hat den Einsatz mit brutaler Rhetorik noch einmal erhöht: Wer versuche, das Ergebnis zu verfälschen, werde "mit seinem Leben bezahlen".



insgesamt 3 Beiträge
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blurps11 23.02.2019
1.
Ein Konfliktherd fehlt noch in der Aufzählung: Das Niger-Delta. Zwar ist es dort im Moment verhältnismäßig ruhig, sollte aber die Privatisierung des Ölsektors unter den jetzigen Vorzeichen tatsächlich durchgezogen werden, geht's da wieder richtig los.
lalito 23.02.2019
2. Nix Neues
War in den Neunzigern oft dort. Ende der Achtziger waren es geschätzte 80 Mio, heute sind es wohl über 200 Mio. Nichts wirklich Neues also. Eben bis auf die Tatsache, dass die Gesellschaft z. Zeit überwiegend aus Menschen besteht, die in den letzten 30 Jahren geboren wurde. DAS und was das für die Zukunft dort bedeutet, das können wir uns hier im Zentrum Europas doch überhaupt nicht vorstellen. Die Bildchen von der Agege Motor Road, oder hier über dem Text bisschen abseits eine Seitenstraße, sowie die Fotos von rauchenden Trümmern zeigen doch nichts und nie etwas vom Land und dessen Potential. Das Handelszentrum Kano für den Textilmarkt ganz Afrikas und sowie Bodenschätze überall neben dem genialen schwefelarmen Öl - NIGERIA ist DAS Zentrum Afrikas, nicht nur Westafrikas. Alleine schon die in den letzten 50 Jahren entwickelte Infrastruktur durch Julius Berger und Konsorten. Wie ein Fächer an der Wand aufgehängt und den Nagel zwischen Nigeria und Kamerun, dann sieht man genau wie die restlichen Länder des Kontinentes um Nigeria in gleichem Abstand herum positioniert sind. Damals zu Zeiten Babangidas und Abachas wurden die Grundzüge der Korruption verfestigt. Einer der besten Sprüche eines Freundes zur Demokratie in Nigeria: We had to bribe 10,000 military men, now we have to dash 50,000 democrats . . .
panzerknacker 51 23.02.2019
3. So ist es
Zitat von lalitoWar in den Neunzigern oft dort. Ende der Achtziger waren es geschätzte 80 Mio, heute sind es wohl über 200 Mio. Nichts wirklich Neues also. Eben bis auf die Tatsache, dass die Gesellschaft z. Zeit überwiegend aus Menschen besteht, die in den letzten 30 Jahren geboren wurde. DAS und was das für die Zukunft dort bedeutet, das können wir uns hier im Zentrum Europas doch überhaupt nicht vorstellen. Die Bildchen von der Agege Motor Road, oder hier über dem Text bisschen abseits eine Seitenstraße, sowie die Fotos von rauchenden Trümmern zeigen doch nichts und nie etwas vom Land und dessen Potential. Das Handelszentrum Kano für den Textilmarkt ganz Afrikas und sowie Bodenschätze überall neben dem genialen schwefelarmen Öl - NIGERIA ist DAS Zentrum Afrikas, nicht nur Westafrikas. Alleine schon die in den letzten 50 Jahren entwickelte Infrastruktur durch Julius Berger und Konsorten. Wie ein Fächer an der Wand aufgehängt und den Nagel zwischen Nigeria und Kamerun, dann sieht man genau wie die restlichen Länder des Kontinentes um Nigeria in gleichem Abstand herum positioniert sind. Damals zu Zeiten Babangidas und Abachas wurden die Grundzüge der Korruption verfestigt. Einer der besten Sprüche eines Freundes zur Demokratie in Nigeria: We had to bribe 10,000 military men, now we have to dash 50,000 democrats . . .
Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Ich habe in den späten 80er und in den fast kompletten 90er Jahren in Kano für CIM an der dortigen Polytechnic School gearbeitet. Wer von meinen Kollegen nicht der "richtigen" Ethnie (dort natürlich Haussa oder Kanuri) angehörte, hatte automatisch nichts zu melden. Von daher ist es eigentlich relativ egal, wer die Wahl gewinnt. Der zukünftige Amtsinhaber bedient mit Posten und Geld "seine Leute"; der Rest guckt wie immer in die Röhre.
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