Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Afrikanische Diktatoren: Der Club der Schlächter

Von Erich Wiedemann

Sie verfüttern politische Gegner an Krokodile, hacken Gefangenen die Füße ab, geißeln ihr Volk durch Hungersnöte: Doch immer noch entziehen sich afrikanische Tyrannen der Gerechtigkeit. Ab heute muss sich "Charles, der Schlächter", Liberias Ex-Dikator Taylor,  vor Gericht verantworten.

In Gamboru kurz vor dem kamerunischen Schlagbaum wurde der Range Rover mit dem Diplomatenkennzeichen von zwei Bewaffneten gestoppt. Nigerianische Grenzpolizei, Zollkontrolle. Der große schwarze Mann im weißen Burnus blieb gelassen. Er stieg aus, ging um den Wagen herum und öffnete wortlos die Heckklappe - und dann eine Aluminiumkiste, die auf der Ladefläche stand. Bitteschön, die Herren sollten sich bedienen. Für zwei schlichte afrikanische Grenzer war es ein betörender Anblick: ein Viertelkubikmeter Dollarnoten, lauter große Scheine und alle fein säuberlich gebündelt. Doch die Beamten waren nicht bestechlich. Sie legten dem Rover-Fahrer Handschellen an und brachten ihn in die Provinzhauptstadt Maiduguri. Die Durchsicht der Papiere, die der Mann mit dem Burnus brachte eine Überraschung. Es war Charles Taylor, der ehemalige Staatspräsident von Liberia, den seine Landsleute "Charles, den Schlächter" nennen.

Taylor wurde in einem Regierungsjet in die liberianische Hauptstadt Monrovia und von dort in einem Uno-Hubschrauber weiter nach Sierra Leone geflogen. Am heutigen Montag wird Taylor in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, die Anklage verlesen. Großbritannien hat im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen beantragt, den Prozess gegen Taylor in die Niederlande nach Den Haag zu verlegen.

Seine Festnahme ist ein Etappensieg im Kampf um mehr Menschlichkeit und Gerechtigkeit in der Welt. Zum ersten Mal hat ein afrikanischer Staat einen ehemaligen Gewaltherrscher an unabhängige Richter ausgeliefert. In Afrika müssen jetzt ein paar Revolverpotentaten a. D. um ihren Ruhestand fürchten.

Charles Taylor hat in fast industriellem Ausmaß gemordet. Er ist verantwortlich für Kriegsverbrechen, die in Westafrika Hunderttausende Opfer gefordert haben. Allein der liberianische Bürgerkrieg, in dem er den Impresario spielte, kostete 250.000 Menschen das Leben. Nach dem Ende des Krieges in Liberia schürte Taylor Aufstände in den Nachbarstaaten Guinea und Sierra Leone. Die "Small Boys Units", die von ihm Waffen im Austausch gegen Diamanten bekamen, waren berüchtigt dafür, dass sie ihren Gefangenen Hände und Füße abhackten. Nach grauenhaften Gemetzeln um die Macht in Liberia setzte sich Taylor im August 2003 nach Ost-Nigeria ab. Seitdem lebte er mit seiner Entourage recht komfortabel in einer Villa am Stadtrand von Calabar am Rande des Niger-Deltas.

Die Liste, die es noch nicht gibt

Mit dem guten Leben war es Anfang letzter Woche vorbei, als Nigerias Staatschef Olusegun Obasanjo nach wochenlangem Drängen der amerikanischen und der liberianischen Regierung erklärte, Taylor müsse sich für seine Taten vor Gericht verantworten. Den Worten folgten aber keine Taten. Die Wachen vor der Villa in Calabar wurden zwar abgezogen, Taylor wurde aber nicht in Haft genommen. Der amtierenden liberianischen Präsidentin, Ellen Johnson-Sirleaf, ließ Obasanjo nur mitteilen, wenn sie Taylor haben wolle, müsse sie ihn sich in Calabar selbst fangen. Dass der prominente Asylant trotzdem festgenommen wurde, war eher Zufall. "Who's next?" fragte sich die "Biafrannigerian Worldnews" aus gegebenem Anlass.

Nummer eins und Nummer zwei auf der Liste, die es noch nicht gibt, sind Hissène Habré und Mengistu Haile Mariam, die entthronten Diktatoren von Tschad und Äthiopien. Habré sind schon seit Jahren die Fänger auf den Fersen. In den Kellern und Lagern seiner Geheimpolizei wurden in den achtziger Jahren über tausend Regimegegner zu Tode gefoltert. Nach seinem Sturz im Jahre 1990 lebte er mit seiner Familie zehn Jahre lang unangefochten in einem Nobelvorort der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Dann wurde er auf Initiative diverser Menschenrechtsgruppen wegen Massenmordes angeklagt. Auf Anordnung des Obersten Gerichtshofes in Dakar musste das Verfahren aber wieder eingestellt werden.

Jetzt wird in gleicher Sache von der Staatsanwaltschaft in Brüssel ermittelt. Senegals Staatschef, Abdoulaye Wade, hatte schon vor vier Jahren signalisiert, er gedenke, Habré an Belgien auszuliefern. Doch es blieb bei den Absichtserklärungen. Obwohl die Faktenlage übersichtlich ist, hat sich das Verfahren in Belgien festgefahren. Die Zusammenarbeit mit juristischen Instanzen in Europa ist bei afrikanischen Führern nicht populär - weil einige von ihnen gleichfalls mit Strafverfolgung rechnen müssten, wenn die Regeln des Haager Strafgerichtshofs auf sie angewendet würden.

"Beleidigung der afrikanischen Würde"

Die mörderischen Warlords in Somalia zum Beispiel und das Regime in Khartum, das für die Treibjagden auf die Schwarzen in der Darfur-Provinz verantwortlich ist, Kagame von Ruanda und Museveni von Uganda, die für die Massaker im Ostkongo mitverantwortlich sind. Jetzt sollen Juristen der Afrikanische Union (AU) den Fall aufarbeiten. Die Präsidenten von führenden AU-Mitliedsstaaten haben aber schon zu verstehen gegeben, dass sie, unabhängig vom Resultat, einer Überstellung Habrés an ein Gericht in den Niederlanden niemals zustimmen würden. Denn das, so Kongos Staatschef Denis Sasso Nguesso, sei "eine Beleidigung der afrikanischen Würde".

Weitgehend unbehelligt blieb bis heute der äthiopische Kulakenkiller Mengistu Haile Mariam, der als Erfinder des "Roten Terrors" in die afrikanische Geschichte einging. Er setzte Napalm und Splitterbomben und sogar Hungersnöte als Mittel der Kriegsführung gegen Zivilisten ein. Seinen Zwangsumsiedlungen fielen mindestens hunderttausend Bauern zum Opfer. Mengistus Vorbilder waren die chinesischen Kommunisten. Im Prozess gegen einen seiner Gouverneure sagte ein Zeuge aus, sein Vater sei geköpft worden, nur weil er einen eigenen Acker besaß und deshalb als Feudalist galt. Der abgeschlagene Kopf sei anschließend auf dem Marktplatz zum Kauf angeboten worden. Mengistus Henker waren auch dafür berüchtigt, daß sie die Leichen von hingerichteten Oppositionellen erst zum Begräbnis freigaben, wenn die Angehörigen "Patronengeld" gezahlt hatten.

Seit seinem Sturz im Mai 1991 lebt Mengistu Haile Mariam in einer weißen Villa an der Cowie Road 2 in der simbabwischen Hauptstadt Harare. Staatschef Robert Mugabe lässt niemanden an seinen Gast heran, obwohl der die simbabwische Staatskasse mit hohen Telefonrechnungen belastet und manchmal im Suff seine Diener verprügelt. Ende 1999 entging Mengistu nur knapp der Zwangsrepatriierung nach Addis Abeba, als er im "Garden City Hosptial" in Johannesburg eine Herzkrankheit behandeln ließ. Die südafrikanische Regierung hatte ihm freies Geleit zugesichert. Doch als der äthiopische Botschafter mit einem Auslieferungsantrag anrückte, fühlte sie sich nicht mehr an ihr Versprechen gebunden. Mengistu konnte sich gerade noch mit dem nächsten Flugzeug nach Harare retten, bevor ihn die Polizei abholte. Seine Botschaft an die Genossen in Pretoria, die er zu Apartheid-Zeiten nach Kräften politisch und finanziell unterstützt hatte: "Undankbare Bastarde."

Es sind nicht nur die Afrikaner, die ihre schützenden Hände über gestrauchelte Tyrannen halten. Idi Amin Dada, vormals Präsident von Uganda und mutmaßlich blutrünstigster Despot der afrikanischen Nachkolonialgeschichte, lebte nach seinem Sturz 25 Jahre lang friedlich in der saudischen Hafenstadt Dschiddah, bevor er, kurz nach seinem 75. Geburtstag, an Nierenversagen starb. Die Saudis hatten "Big Daddy", wie er unter Freunden hieß, immer wie einen guten Freund behandelt. Er hatte Kost und Logis frei, dazu eine ordentliche Apanage und immer den neueste Straßenkreuzer in der Garage. Jedermann wusste, dass er mindestens 300.000 Menschen hatte umbringen lassen. Aber er war auch ein guter Muslim, der zweimal täglich die Moschee besuchte. Das zählte mehr bei den saudischen Theokraten.

Leicht verblödeter Faxenmacher

Nur einmal war das freundschaftliche Verhältnis zwischen Amin und seinen Gastgebern gefährdet. 1989, als er aus seinem Exil ausbrach und in den Kongo flog, um dort Truppen für die Wiedereroberung Ugandas auszuheben, wie er später erklärte. Das Comeback misslang. Die Rückkehr ins Exil gestatteten die Saudis ihm nur gegen das heilige Versprechen, künftig allen politischen und militärischen Abenteuern zu entsagen. Er durfte nicht einmal mehr Interviews geben.

Amin wurde wegen seiner kriminellen Vergangenheit nie ernsthaft molestiert. Dass er politische Gegner an Krokodile hatte verfüttern lassen oder sie gezwungen hatte, sich gegenseitig mit Schmiedehämmern die Schädel einzuschlagen, wurde gern vergessen. Schwamm drüber. Auch im Westen blieb er nicht als Massenmörder, sondern eher als leicht verblödeter Faxenmacher in Erinnerung. Auch Kaiser Bokassa aus Zentralafrika, vormals französischer Elitesoldat, konnte sich auf seine guten alten Freunde verlassen, als er 1979 vom Thron gejagt wurde. Bis er 1986 leichtfertig seiner alten Heimat einen Besuch abstattete und dort prompt verhaftet wurde, lebte er unangefochten in Frankreich.

Dabei wussten die Franzosen sehr gut, wen sie mit ihrer Gastfreundschaft beehrten. Bokassa war ein notorischer Totmacher. In Keller unter seinem Palast in der Hauptstadt Bangui ging es schlimmer zu als in den Foltergefängnissen von Stalins NKWD. Kurz nach seiner Machtübernahme ließ er hundert Schulkinder, die gegen die Einführung von Schuluniformen demonstriert hatten, totprügeln. Einige Gefangene soll er buchstäblich aufgefressen haben. Bokassa wurde 1987 zum Tode verurteilt, bald darauf zu lebenslänglich Gefängnis begnadigt und nach ein paar Jahren Vorzugshaft auf freien Fuß gesetzt. 1996 starb er friedlich im Bett. Er hinterließ 17 Frauen und ungefähr 50 Kinder.

"Keine Kanonisierung von Heiligen"

Weil die Afrikaner selbst nichts dagegen unternehmen, hat die Boston University vor drei Jahren - und zwar ganz ohne sarkastischen Hintergedanken - eine Seminarreihe gegen die Tyrannei aufgelegt. Emeritierte afrikanische Diktatoren wurden aufgerufen, im Rahmen des "Lloyd G. Balfour African Presidents in Residence Fellowship", Vorlesungen über die Staatskunst zu halten. Die Regierung in Washington hatte auch generelle Straffreiheit zugesichert. Nach den Teilnahmebedingungen durften aber nur solche Dozenten ans Pult, die ihre Diktaturen freiwillig beendet hatten.

Das Echo war schwach. Als erster und einziger Gastprofessor qualifizierte sich Kenneth Kaunda, der langjährige Alleinherrscher von Sambia. Nur, er war einer von den softeren Diktatoren. Er hatte 27 Jahre regiert, dann demokratische Wahlen genehmigt und sie prompt verloren. Charles R. Stith, der Gründervater des Programms, sagte damals, man müsse Kompromisse schließen. "Wir betreiben nicht die Kanonisierung von Heiligen." Stith hätte auch Castro und Kim Jong-Il einen Lehrauftrag gegeben, obwohl sie geografisch und denkartlich beide nicht ins Programm passen. Nur auf die wichtigste Voraussetzung für die Erteilung des Lehrauftrags wollte er nicht verzichten: den freiwilligen Verzicht auf die Machtausübung.

Charles Taylor hätte diese Bedingung erfüllt. Er war am 10. August 2003 unter amerikanischem Druck, aber nicht unfreiwillig zurückgetreten, nachdem ihm Nigerias Staatschef Obasanjo das Agrément als Flüchtling erteilt hatte. Schon deshalb ist es gut, dass die Boston University ihre Seminarreihe nicht fortgesetzt hat.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Diktatoren Afrikas: Schlächter und Kulakenkiller

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: