Afrin in Syrien Die neuen Herren übernehmen die Macht

Afrin ist eingenommen - nun zeigen türkische und verbündete Kämpfer, wer in der syrischen Stadt ab sofort das Sagen hat. Eine kurdische Heldenstatue wurde zerstört, Präsident Erdogan spottet über den Gegner.

AFP

Türkische Streitkräfte durchkämmen nach eigenen Angaben derzeit die eroberten Viertel von Afrin auf der Suche nach Sprengfallen und verbliebenen Nestern des Widerstands. Es existieren jedoch auch Aufnahmen, unter anderem von der britischen BBC veröffentlicht, die Kämpfer in Jubelpose zeigen. Immer wieder feuern sie mit Sturmgewehren in die Luft, scheinen sich dabei der Kamera sehr bewusst. Die Bewegtbilder stammen offenbar aus türkischen Armeekreisen.

Knapp zwei Monate nach dem Beginn der Offensive in Nordwestsyrien hatten das türkische Militär und verbündete Rebellen die kurdische Stadt eingenommen. Das Stadtzentrum sei seit 8.30 Uhr (Ortszeit) "vollkommen" von türkischen Einheiten kontrolliert, sagte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan am Sonntag.

Mit dem bloßen Feiern war es jedoch nicht getan. Kurz nach der Eroberung rollten Planierraupen vor und rissen eine Statue des Schmieds Kawa von ihrem Sockel. Dieser spielt in der kurdischen Mythologie eine wichtige Rolle. Aus Kreisen des kurdisch dominierten Militärbündnisses Demokratische Kräfte Syriens hieß es, die Zerstörung des Denkmals bedeute "eine eklatante Verletzung der kurdischen Kultur und Geschichte".

Diese Kritik schien Präsident Erdogan nur mäßig zu beeindrucken. Er spottete am Sonntag über "Terroristen, die mit eingekniffenem Schwanz davongerannt" seien.

Protürkische Rebellen sollen zudem Wohnhäuser und Geschäfte geplündert haben. Das teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Korrespondenten der Nachrichtenagentur AFP berichteten, die protürkischen Kämpfer hätten wahllos Güter auf ihre Pick-Ups geladen - Kisten mit Lebensmitteln, Ziegen, Decken und sogar Motorräder, bevor sie die Stadt verließen. Mit Traktoren hätten die Rebellen auch Autos aus der Stadt hinausgeschleppt.

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Eroberte syrische Stadt: In Afrin rollen die Bulldozer

"Im Zentrum von Afrin wehen jetzt die Symbole von Vertrauen und Stabilität - und nicht mehr die Lumpen der Terroristen", sagte Erdogan. Damit spielte er auf Filmaufnahmen an, die das Hissen der türkischen Flagge über offiziellen Gebäuden in der Stadt zeigen. Zudem war die Flagge der syrischen Rebellen zu sehen.

Komplett abfinden wollen sich die vertriebenen kurdischen Einheiten mit dem militärischen Misserfolg aber offenbar nicht. Sie kündigten einen Kampf zur Befreiung der mehrheitlich kurdischen Region Afrin im Nordwesten des Landes an. Der Widerstand gegen die türkische Besatzung werde so lange dauern, bis "jeder Quadratzentimeter von Afrin befreit ist und die Menschen in ihre Dörfer und Häuser zurückkehren", erklärten die Behörden der halbautonomen Region am Sonntag.

Im Video: Türkische Panzer rollen in Afrin

Weiter hieß es in der Erklärung: "Unser Krieg gegen die türkische Besatzung ist in eine neue Phase eingetreten. Wir gehen von einer direkten Konfrontation zu Überraschungsangriffen über." Die Widerstandskämpfer würden für die türkische Armee und die mit ihnen verbündeten syrischen Rebellen zum "ständigen Albtraum" werden.

jok/dpa/Reuters/AP



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