Zivilisten im syrischen Afrin "Menschenleben zählen nichts"

Das türkische Militär hat die syrische Stadt Afrin eingekesselt. Die Bewohner haben kein Wasser, keinen Strom, kaum Medikamente - und Flucht ist ihnen kaum möglich. Sie werden von kurdischen Milizen aufgehalten.

Von , Istanbul


Abo Halbja hat bis zuletzt gehofft, dass der Krieg an seiner Heimatstadt Afrin vorüberziehen würde. Er harrte gemeinsam mit seiner Familie in der Wohnung aus, lebte von Vorräten, die er angehäuft hatte.

Das türkische Militär war am 20. Januar in die Provinz Afrin im Nordwesten Syriens einmarschiert, um die kurdische Miliz YPG zu bekämpfen. Stück für Stück waren die Soldaten von den Rändern ins Zentrum der Provinz vorgerückt. Seit Beginn dieser Woche belagern sie nun Afrin, wo sich nach Schätzungen zwischen 300.000 und 500.000 Menschen aufhalten, darunter viele Flüchtlinge aus umliegenden Dörfern und Gemeinden.

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Afrin und Ost-Ghuta: Tausende Syrer fliehen vor Gewalt

Die Angriffe durch die türkische Luftwaffe hätten beständig zugenommen, berichtet Halbja am Telefon. Explosionen erschüttern die Innenstadt. Kurdische Aktivisten vermuten, die Türkei wolle Zivilisten durch die Bombardements vertreiben. Etwa 150.000 Menschen sollen Afrin in den vergangenen Tagen verlassen haben. Im arabischen Fernsehen sind Kolonnen von Flüchtlingen zu sehen.

Auch Halbja entschied sich am frühen Freitagmorgen zur Flucht. Er packte das Nötigste in sein Auto und fuhr los. Aber am Stadtrand wurde er von YPG-Soldaten aufgehalten. Die Uno kritisiert, die YPG würde Zivilisten an der Flucht aus Afrin hindern. Halbja sagt, er musste umgerechnet 700 Euro an die Miliz zahlen, bevor er den Checkpoint passieren durfte. Er versteckt sich nun in einem Dorf, in einem Gebiet, das von Syriens Diktator Baschar al-Assad kontrolliert wird. "Wir wissen nicht, wie es weitergeht", klagt er. "Wir denken nur noch von Tag zu Tag."

In Afrin spitzt sich die Lage für Zivilisten zu. Schon seit eineinhalb Wochen gibt es in dem Ort kein Wasser mehr und keinen Strom. Vor den Bäckereien betteln die Menschen vergeblich um Brot. In den Krankenhäusern gehen die Medikamente aus.

Kurden wollen Afrin "um jeden Preis verteidigen"

Die Türkei, so berichtet ein westlicher Diplomat, der mit dem Kriegsgeschehen vertraut ist, habe der YPG angeboten, über einen Korridor aus Afrin in den Südosten abzuziehen. Die Miliz hätte dies jedoch abgelehnt. "Wir werden Afrin um jeden Preis verteidigen", sagte ein YPG-Kommandant zu kurdischen Medien. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wies Forderungen des Europaparlaments nach einem Ende der Kampfhandlungen ebenfalls zurück. "Wir werden in Syrien bleiben, bis unser Job erledigt ist", sagte er. "Was sie (die Europäer) sagen, geht bei uns ins eine Ohr rein und aus dem anderen wieder heraus."

Die Regierung in Ankara behauptet, bei der Operation "Olivenzweig" Rücksicht auf Zivilisten zu nehmen. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, einer Nichtregierungsorganisation mit Sitz in London, seien seit Mitte Januar bereits mehrere hundert Menschen bei den Gefechten ums Leben gekommen. Menschenrechtler warnen vor einem Massaker, sollte es nun, wie von beiden Kriegsparteien angekündigt, zu einem Häuserkampf in Afrin kommen.

Das türkische Militär hat die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK, die von der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft wird, bereits im Winter 2015/2016 im Südosten der Türkei bekämpft. Der Militäreinsatz erstreckte sich in manchen Städten über mehr als hundert Tage. Ganze Nachbarschaften wurden dem Erdboden gleichgemacht, hunderte Zivilisten wurden getötet, hunderttausende mussten fliehen. Beobachter rechnen damit, dass der Krieg gegen die YPG, den syrischen Ableger der PKK, mindestens genauso lange andauern wird - und noch blutiger werden könnte.

Bei den Menschen in Afrin wächst die Wut gegen das türkische Militär - aber auch gegen die YPG. "Hier in Syrien führt jeder seinen eigenen Krieg", sagt ein Bewohner, der sich noch in Afrin aufhält und anonym bleiben möchte. "Menschenleben zählen nichts."



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chico 76 17.03.2018
1. Kurdische
Milizen verhindern die Flucht von Zivilisten, das erinnert mich an die Geiselnahmen des IS um sich hinter Zivilisten zu verstecken/schützen. Dabei sollen es doch die "Guten" sein.
mmengi 17.03.2018
2. Nato
Wozu ist eigentlich die Nato gut? Sie wäre das adäquate Instrument, die Türkei zu bremsen. Dazu müßte natürlich ein sofortiges Waffenembargo kommen. Also, wozu sind diese Bündnisse und hochbezahlten Politiker und Militärs eigentlich gut?
adama. 17.03.2018
3. Bitte zurück ziehen!
Die Kurden sollten unbedingt ihre bewaffneten Leute zurückziehen. Bei einem Kampf haben nichts zu gewinnen, außer Propagandamaterial. Sie verteidigen dort nicht ihre Landsleute. im Gegenteil! Sie verstecken sich hinter ihren Frauen und Kindern. Das ist kein tapferer Kampf, das ist ein Verbrechen. Wenn sie denn kämpfen wollen, dann in unbesiedelten Gebiet. Auch dort kann man Hinterhalte legen, aber ohne Kinder als Schutzschild zu benutzen.
Farhad 17.03.2018
4. Ob die Türkei eroberte Gebiete von Syrien ohne weiteres verlässt,
ist höchst fragwürdig. Die Türkei wird bei den besetzten Gebieten womöglich eine Sicherheitszone einrichten und regionale Verwaltungen installieren. Die Präsenz der USA in Syrien mit bis 25 militärischen Stützpunkten wird von der Türkei als eine Bedrohung bewertet. Solange die USA in Syrien einmischen, wird sich die Lage dort nicht verbessern. Nur die Konfliktsorte verschieben sich.
KingTut 17.03.2018
5. Eine schlimme Tragödie ...
... für die die Türkei - entgegen ihren Beteuerungen - mit verantwortlich zeichnet. Wenn in der von türkischen Truppen eingekesselten Stadt Afrin das Notwendigste zum Überleben fehlt, dann liegt die Verantwortung dafür klar auf der Hand. Gerade gestern hat Erdogan in eine Rede dem EU-Parlament das Recht abgesprochen, sich zu den Vorgängen zu äußern. Also jene demokratische Institution, der die Türkei ja beizutreten gedenkt und wofür sie aus einem Topf von 10 Mrd. Euro Heranführungshilfen bekommt. Wie lange möchte sich die EU noch vom Despoten am Bosporus vorführen lassen. Bei der Gelegenheit erinnere ich auch an die Bewerbung der Türkei für die Fußball-EM 2024, die angeblich erfolgversprechend sein soll, wie kürzlich im n-tv Auslandsreport berichtet wurde. Wenn man angsichts dieser zum Himmel schreienden Not, maßgeblich durch die Türkei verursacht, einen solchen Propagandacoup zugesteht, dann ist man genauso naiv wie einst Daladier und Chamberlain. Ich hoffe, die internationale Staatengemeinschaft zeigt jetzt Rückgrat und zieht drastische Konsequenzen. Nur diese Sprache versteht E.
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