Agentendeal mit Moskau: Obama entsorgt Russlands Spione per Luftfracht

Von , Moskau

Zwei Flugzeuge landen in Wien, diskret und schnell steigen 14 Spitzel von einer Maschine in die andere: Mit einem Agentenaustausch wie im Kalten Krieg haben die Präsidenten Obama und Medwedew den Spionageskandal um Anna Chapman & Co. beendet. In Moskau werden die Ausgeflogenen wie Helden empfangen.

"Anna kommt heim", sagt Irina Kuschtschenko. "Endlich kann ich meine Tochter wieder in die Arme schließen."

Ob Töchterchen Anna aber, die Russland schon vor Jahren den Rücken kehrte, die in London und Amerika das schillernde Leben der Business-Bohème schätzte und New York als größte Inspiration ihres Lebens pries, gerne zurückkommt? Nach Moskau?

Anna Chapman, 28, geborene Kuschtschenko und in den vergangenen Wochen als Russlands attraktive "Agentin 90-60-90" zu gewisser Bekanntheit gelangt, ist auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo gelandet. Gemeinsam mit den neun weiteren russischen Spionen, die dem amerikanischen FBI vor zwei Wochen ins Netz gegangen waren, wurde Kuschtschenko alias Chapman jetzt nach Moskau ausgeflogen und gegen vier Russen ausgetauscht. Letztere sollen für westliche Geheimdienste Informationen in Russland beschafft haben. Der Nuklearwissenschaftler Igor Sutjagin etwa saß deshalb bereits zehn Jahre in Haft.

Der Agentenaustausch auf dem Flughafen in Wien ruft Erinnerungen an den Kalten Krieg wach. Auch damals tauschten Ost und West Gefangene aus, zum Beispiel über die Glienicker Brücke zwischen Westberlin und Potsdam.

"Nichts zu berichten, was wir nicht ohnehin schon wussten"

Aber es gibt einen Unterschied: Im Kalten Krieg dauerte es Jahre, bis sich Kreml und Weißes Haus auf vergleichbare Deals verständigten. US-Pilot Francis Gary Powers, dessen Aufklärungsmaschine 1960 über der Sowjetunion abgeschossen wurde, musste fast zwei Jahre darauf warten, bis er die Brücke im Februar 1962 in die Freiheit überschreiten konnte. Die Amerikaner ließen im Gegenzug Rudolf Abel frei, einen sowjetischen Top-Spion, schon 1957 verhaftet und verurteilt.

Die Präsidenten Dmitrij Medwedew und Barack Obama boxten den "Spy Swap" dagegen nun in rekordverdächtigem Tempo durch. Die Übereinkunft sei dank des "neuen Geistes der russisch-amerikanischen Beziehungen und des hohen Niveaus des gegenseitigen Verständnisses der Präsidenten beider Länder" möglich, hieß es aus dem Kreml. Ähnlich euphorisch äußerte sich der Sprecher des Weißen Hauses, Ben Rhodes.

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Russische Agenten in den USA: Meinen Spion gegen deinen Spion
Ein namentlich nicht genannter US-Top-Beamter berichtete der "New York Times", CIA-Chef Leon Panetta und Michail Fradkow, Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR, seien unmittelbar in die Verhandlungen involviert gewesen. Washington habe sich auch deshalb zu dem Austausch entschlossen, weil die gefassten Agenten "uns wirklich nichts zu berichten gehabt hätten, was wir nicht ohnehin schon wussten".

Obama hat, mit freundlicher Unterstützung des Kremls, die erste echte Belastungsprobe seit dem "Neustart" der Beziehungen gemeistert - und die für das bilaterale Verhältnis derzeit wohl gefährlichsten Risikofaktoren zügig außer Landes geschafft. Als der Skandal Mitte Juni hochkochte, ätzte Russlands Außenminister Lawrow, der Augenblick des FBI-Zugriffs sei "ja raffiniert gewählt". Obama und Medwedew aber reagierten besonnen. Als der US-Präsident von einem Reporter zu dem Thema befragt wurde, beschied er ihn mit einem schlichten "Thank you". Mehr nicht.

Warum der Highspeed-Deal beiden nützt

Die beiden Staatschefs, die sich beim jüngsten USA-Besuch Medwedews beim Burger-Essen fotografieren ließen, verbindet ein herzliches Verhältnis. Seit den monatelangen Marathonverhandlungen über den neuen Abrüstungsvertrag sind sie bestens miteinander vertraut.

Russische Medien vermuteten gar, die FBI-Operation gegen den russischen Spionagering sei wohl ein gezielter Schlag amerikanischer Falken gegen Obamas Kuschelkurs gegenüber Moskau. Immerhin hatten US-Behörden die "Deep-Cover"-Agenten bereits seit Jahren observiert und schlugen ausgerechnet im Anschluss an Medwedews Staatsbesuch im Juli zu. Die Mehrheit der russischen Bevölkerung ist laut Umfragen gar davon überzeugt, der ganze Skandal sei lediglich inszeniert worden, um Russland zu schaden.

Der Deal nützt nun beiden Seiten. Die zu erwartenden Enthüllungen in einem Prozess gegen Moskaus Späher wären Gegnern von Obamas Russland-Politik als Munition willkommen gewesen. Auch Russland entledigt sich eines Problems: Menschenrechtler kritisieren den Kreml seit Jahren für die Verurteilung von Wissenschaftler Sutjagin und halten an seiner Unschuld fest, genauso wie er selbst.

Jetzt unterzeichnete Sutjagin ein Anerkenntnis seiner Schuld. Es war die Bedingung für seinen Austausch.

"Schon die Tatsache, dass die Amerikaner über seinen Austausch verhandelten, beweist, dass er ihr Spion ist", sagte der kremltreue Politologe Sergej Markow. Ein Resultat der Affäre sei daher "die völlige Diskreditierung gewisser Menschenrechtler".

Wohnung und 2000 Dollar pro Monat für die russischen Pannenspione

Auch Washington verlangte seinerseits von den russischen Spionen allerdings ein Geständnis.

So stehen nun nicht nur deren Decknamen in den Unterlagen des US-Justizministeriums, sondern auch die Klarnamen: "Vereinigte Staaten g. Wladimir Gurjew, a/k/a 'Richard Murphy'". Als Richard Murphy hatte Gurjew gemeinsam mit seiner Frau Lydia ("Cynthia Murphy") in einem Vorort von Manhattan gewohnt. Dort führten die Murphys ein scheinbar typisch amerikanisches Leben, sie pflegten beste Kontakte zu ihren Nachbarn - und ihre Hortensien.

Anna Chapman, geborene Kuschtschenko, hat keinen Decknamen. Sie hat einst einen jungen Engländer geheiratet. Die Ehe ging in die Brüche - aber seither besitzt Chapman, ganz Weltbürgerin, nicht nur einen englischen Nachnamen, sondern auch die britische Staatsbürgerschaft.

Moskau wird sie wie eine Heldin empfangen, und der russische Staat hat jedem seiner aufgeflogenen Agenten eine Wohnung sowie monatlich 2000 Dollar versprochen.

Für Anna Chapman wird die russische Hauptstadt dennoch nur ein Zwischenstopp sein. Sie will fort, sagt ihr Anwalt Robert Baum. Sie will nach Großbritannien.

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Anna Chapmann: Liebe Grüße aus Moskau

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 60 Beiträge
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1. ....
pietro-del-cesare 09.07.2010
Zitat von sysopZwei Flugzeuge landen in Wien, diskret und schnell steigen 14 Spitzel von einer Maschine in die andere: Mit einem Agentenaustausch wie im Kalten Krieg haben die Präsidenten Obama und Medwedew den Spionage-Skandal um Anna Chapman & Co. beendet. In Moskau werden die Ausgeflogenen wie Helden empfangen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,705658,00.html
Oh, in Wien. Fehlt ja fast nur noch Orson Welles als Harry Lime.
2. Es leben die Kalten Krieger
helmalb 09.07.2010
Zitat von sysopZwei Flugzeuge landen in Wien, diskret und schnell steigen 14 Spitzel von einer Maschine in die andere: Mit einem Agentenaustausch wie im Kalten Krieg haben die Präsidenten Obama und Medwedew den Spionage-Skandal um Anna Chapman & Co. beendet. In Moskau werden die Ausgeflogenen wie Helden empfangen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,705658,00.html
Offenbar ein Hochfest fuer die alten Kalten Krieger, wie der Sprachgebracu des Autors vermuten laesst: "Gary Powers ... Aufklärungsmaschine", aber "sowjetischer Top-Spion", usw usf ... Wieviel bekommen diese Leute eigentlich fuer ihre Borniertheit???
3. Abgeschossenes Spionageflugzeug
Chrysop 09.07.2010
Powers, war das nicht der Agent der Amerikaner, der statt das Gift zu nehmen und sein Spionage-Flugzeug selbst zu zerstören wie vorgeschrieben, mit dem Fallschirm ausstieg und in damit in die Hände der Sowjets geriet?
4. ....
pietro-del-cesare 09.07.2010
Zitat von ChrysopPowers, war das nicht der Agent der Amerikaner, der statt das Gift zu nehmen und sein Spionage-Flugzeug selbst zu zerstören wie vorgeschrieben, mit dem Fallschirm ausstieg und in damit in die Hände der Sowjets geriet?
Francis Gary Powers war Pilot der U.S. Air Force. Er wurde während eines Spionagefluges - Verzeihung, Aufklärungsfluges - über der Sowjetunion abgeschossen.
5. Fehlinformationen
jupiter999 09.07.2010
Wenn die Agenten bereits seit sieben Jahren observiert wurden ohne das sie dies auch nur ahnten (was deren Inkompentenz nur noch unterstreicht) frage ich mich wie lange die NSA sie schon gezielt mit Blödsinn gefüttert hat. :-D Ich meine die Situation ist ideal um die Agenten "erfolgreich sein zu lassen" und sie einen ausgemachten Unsinn nach Moskau schicken zu lassen. Es heißt einer von ihnen sollte wohl auf nicht näher erklärte Weise eine Freundschaft zu einem Experten für Bunkerbrechende Nuklearwaffen aufbauen, vermutlich über die Arbeit in der selben Firma, in der Hoffnung man könnte ihm so vielleicht das eine oder andere Geheimniss entlocken. Über den hätte man Moskau die unglaublichsten Märchen auftischen lassen können. :-D
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Agententausch im Kalten Krieg
In Zeiten des Kalten Krieges haben Ost und West mehrfach enttarnte Agenten des anderen Lagers gegen eigene Leute ausgetauscht. Spektakuläre Übergaben wurden an der Glienicker Brücke zwischen dem damaligen West-Berlin und Potsdam organisiert. Die von der DDR "Brücke der Einheit" genannte Stahlkonstruktion an der Nahtstelle der verfeindeten Blöcke wird mehrfach als "Brücke der Agenten" Schauplatz filmreifer Szenen. Klicken Sie auf die Überschriften, um mehr zu erfahren!
Februar 1962: Übergabe bei Nacht und Nebel
Am 10. Februar 1962 um 5 Uhr früh überschreitet - von Scheinwerfern in gespenstisches Licht getaucht - Gary Powers einen auf die Brücke gemalten weißen Strich in Richtung Freiheit. Der Pilot des 1960 über der Sowjetunion abgeschossenen US-Spionageflugzeugs U2 hatte sich damals mit dem Fallschirm retten können und war von einem sowjetischen Militärgericht zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Er wurde in der Nacht-und-Nebel-Aktion gegen den in den USA gefassten und zu 30 Jahren Gefängnis verurteilten sowjetischen Spitzenspion Rudolf Iwanowitsch Abel ausgetauscht.
Juni 1985: Showdown um 12 Uhr mittags
Der größte Agenten-Ringtausch während der Block-Konfrontation erfolgt "High Noon" am 11. Juni 1985. An dem nur sowjetischen Militärs und westlichen Militärmissionen vorbehaltenen Grenzübergang stehen sich um 12 Uhr mittags Agenten der Nachrichtendienste und Diplomaten gegenüber, darunter der DDR-Vermittler, Rechtsanwalt Wolfgang Vogel.

Auf DDR-Gebiet sitzen gefangene West-Spione in einem Bus und wissen nicht, was mit ihnen passiert. Auf der anderen Seite der Brücke warten ihre Ost-"Kollegen" in einem blauen Kombiwagen. Dann überschreitet der Unterhändler und spätere US-Botschafter in der Bundesrepublik, Richard Burt, die weiße Grenzlinie, steigt in den Bus und verkündet den nun jubelnden West-Agenten ihre Freilassung.

Danach fahren die insgesamt 25 in der DDR aufgeflogenen CIA-Agenten mit dem Bus nach West-Berlin. Im Gegenzug steigen vier Ost-Spione aus dem Kombi und gehen zu Fuß über die Brücke. Nach jahrelanger diplomatischer Vorarbeit geht der spektakuläre Austausch in nur einer halben Stunde über die Bühne.
Februar 1986: Schneetreiben und ein goldener Mercedes
Am 11. Februar 1986 gelangt auch der sowjetische Bürgerrechtler Anatoli Scharanski im Austausch gegen sechs Ost-Agenten über die Brücke nach West-Berlin. Der jüdische Computerspezialist am Moskauer Institut für Erdölforschung hatte 1973 einen Ausreiseantrag nach Israel gestellt. In den Jahren danach verlor Scharanski nach seinem Einsatz für Menschenrechte in der UdSSR erst seinen Job und dann seine Freiheit. Als angeblicher US-Spion landete er in einem Arbeitslager im Ural.

Nach Jahren hinter Stacheldraht wird die Symbolfigur des Widerstandes nun 1986 auf der Glienicker Brücke bei klirrender Kälte und Schneetreiben von zahlreichen Journalisten aus aller Welt erwartet. Auch DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel fährt vor - in einem goldfarbenen Mercedes - und eskortiert die Kleinbusse mit den Ost-Agenten in die DDR.
Der Kalte Krieg
Der Begriff "Kalter Krieg" bezeichnet die Konfrontation von Staaten oder Blöcken - ohne dass geschossen wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand der Begriff für den Konflikt der Supermächte USA und Sowjetunion. Höhepunkte waren die Blockade Berlins und die Kuba-Krise. Die Auseinandersetzung spiegelte sich vor allem in einem kostenintensiven Wettrüsten wider.

Als die DDR-Führung in Berlin 1961 die Mauer errichten ließ, standen sich in der geteilten Stadt sowjetische und amerikanische Panzer mit nur wenigen Metern Abstand gegenüber. 1962 drohte der "Kalte Krieg" nach der Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba erneut in eine militärische Konfrontation zwischen der UdSSR und USA zu münden. Die Welt stand am Rande eines Atomkriegs.

In den siebziger Jahren löste die Entspannungspolitik zunehmend das ideologische und militärische Machtspiel ab. Bei allen politischen Meinungsverschiedenheiten entfernten sich Ost und West immer mehr vom Blockdenken. Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989, dem Ende der Sowjetunion 1991 und der Auflösung des Warschauer Pakts im gleichen Jahr war der "Kalte Krieg" zu Ende.

Fotostrecke
USA: Verdächtige in der Vorstadt