Aggression gegen Israel "Iran erhebt Irrsinn zum Staatsprogramm"

Die geplante Holocaust-Konferenz in Iran ist nach Einschätzung des Historikers Götz Aly brandgefährlich. Dort könnten sich unberechenbare "Spinner mit einer Staatsmacht verbinden". Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt Aly, wie in Iran aus Vorurteilen eine Staatsideologie wird.


SPIEGEL ONLINE:

Die iranische Regierung plant eine Konferenz zum Thema Holocaust. Gibt es tatsächlich Defizite in der Aufarbeitung der Judenvernichtung während des Nationalsozialismus?

Aly: Die internationale Forschung zum Holocaust ist sehr gründlich. Es gibt kein Thema des 20. Jahrhunderts, das differenzierter erforscht ist als der Mord an den europäischen Juden während des Zweiten Weltkriegs. Dass diese Forschung noch nicht abgeschlossen ist und abgeschlossen sein kann, dass es daher notwendigerweise immer Defizite gibt, und dass jede Generation an ein solch traumatisches Ereignis andere Fragen stellt, versteht sich von selbst.

Ahmadinedschad: Obsessive Geschichtskonstrukte
REUTERS

Ahmadinedschad: Obsessive Geschichtskonstrukte

SPIEGEL ONLINE: Neben Vertretern der "hergebrachten Sicht des Holocausts" wollen die Veranstalter vor allem Zweifler und Leugner einladen wie die Revisionisten Horst Mahler, den Franzosen Robert Faurisson und den russisch-stämmigen Israeli Israel Shamir.

Aly: Mir erscheint die geplante Konferenz als Ausdruck erheblicher politischer Verbohrtheit. Mit Geschichtswissenschaft hat das nichts zu tun. Ein Mann wie Mahler versteht von der Sache nichts. Es genügt nicht, professioneller Rechthaber zu sein und Ressentiments zu verbreiten. Diese Konferenz wird gewiss keine neuen Erkenntnisse gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Es soll etwa um die Zahl der in Auschwitz ermordeten Juden gehen.

Aly: Man muss klar sagen: Diese Zahl ist lange übertrieben worden. Offiziell war in dem ehemaligen Lager auf einer Tafel noch 1989 zu lesen, es seien allein in Auschwitz vier Millionen Menschen umgebracht worden. Diese Zahl ist unter anderem durch mein Betreiben kurz nach der Wende revidiert worden. In Auschwitz wurden etwa eine Million Menschen ermordet. Diese Korrektur war notwendig, das ändert jedoch nichts am Charakter des Vernichtungslagers.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es weitere Beispiele dafür, dass mit falschen Fakten operiert wurde?

Aly: Ich denke an die Ermordung der Sinti und Roma. Da wird inzwischen selbst in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand unter der wissenschaftlichen Verantwortung von Peter Steinbach behauptet, es seien 500.000 Menschen aus dieser Gruppe von den Nazis umgebracht worden. Das ist weit übertrieben. Des Weiteren: In Deutschland hat es fast 50 Jahre gedauert, bis man allgemein akzeptiert hat, dass die Wehrmacht im Krieg in Ost- und Südosteuropa fürchterliche Verbrechen beging. Bis man die Zahl der Toten nach dem britischen Bombardement auf Dresden von über 300.000 Toten auf realistische 30.000 bis 40.000 Tote reduzierte, dauerte es in West- und Ostdeutschland Jahrzehnte. Die sudetendeutsche Landsmannschaft hat noch vor zehn Jahren behauptet, bei der Vertreibung der Sudetendeutschen aus Böhmen und Mähren seien mehr als 400.000 Deutsche ums Leben gekommen; auf der tschechischen Seite verdrehte man offiziell ebenfalls die Fakten, und sprach von einigen Tausend Selbstmorden. Inzwischen hat die deutsch-tschechische Historikerkommission ermittelt, dass zwischen 15.000 und 40.000 Menschen bei diesen Vertreibungen umkamen.

SPIEGEL ONLINE: Um eine ähnlich ernsthafte Auseinandersetzung dürfte es der iranischen Führung kaum gehen ...

Aly: ...nach allem, was ich über die Veranstalter weiß, zweifle ich an deren lauteren Absichten. Offensichtlich liegt dem Ansinnen eine politische Obsession zu Grunde, nicht wissenschaftliche Wahrheitssuche.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker aus Iran etwa aus dem Verband muslimischer Journalisten werfen westlichen Ländern vor, ihre Gesetze gegen die Holocaust-Leugnung beschränkten die Meinungsfreiheit. Mit ihrer Konferenz wollten sie Historikern eine "freie und demokratische Plattform" bieten.

Aly: Als Historiker halte ich Gesetze, die verbieten, irgendetwas zu leugnen für Quatsch. Genauso wie ich das Gesetz in der Türkei für Unsinn halte, das festschreibt, es habe den Völkermord an den Armeniern nicht gegeben. Gesetze gegen die Holocaust-Leugnung gehen doch ins Leere. Es wird immer einige Verrückte geben, an denen Tatsachen einfach abperlen.

SPIEGEL ONLINE: Sie stimmen den iranischen Kritikern zu?

Aly: Ganz und gar nicht. Die genannten Gesetze sind unnütz, die Meinungsfreiheit bedrohen sie nicht. Die Gefahr der iranischen Konferenz liegt darin, dass sich hier einige Spinner mit einer Staatsmacht verbinden können, die erhebliche Macht hat, aus ideologischen, hier vor allem antisemitischen Obsessionen Taten folgen zu lassen. Insofern hat das eine ganz andere Qualität, als wenn irgendein wild gewordner NPD-Mann behauptet, den Holocaust habe es nicht gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Eine Verfolgungsideologie ist in Iran bereits politisches Programm. Präsident Mahmud Ahmedinedschad hat mehrfach gefordert, Israel müsse aus dem Nahen Osten verschwinden. Wie sollte dieser Politik begegnet werden?

Aly: Der Historiker ist da überfragt. Da gibt es die üblichen politischen und militärischen Mittel. Wenn man sieht, was sich in Iran gerade zusammenbraut - die Atompolitik ist ja komplementär zu dieser verstärkt aggressiven Haltung gegen Israel zu sehen -, dann ist die Weltgemeinschaft aufgerufen, sich damit zu befassen.

SPIEGEL ONLINE: Iran wirft Israel vor, den Holocaust zu funktionalisieren. Das "Institut für Forschung und Studien über Zionismus" in der heiligen Stadt Ghom regt Arbeiten zu den "Implikationen des Holocausts für die Entstehung und Legitimierung des zionistischen Regimes" an. Ist der im Iran virulente Antisemitismus in Wahrheit ein Antizionismus?

Aly: Ich bin mir da nicht sicher. Die arabische Welt hat sich lange dadurch ausgezeichnet, dass sie den europäischen Rassenhass nicht übernahm. Historisch gesehen, muss die zionistische Idee als Reflex auf den europäischen Nationalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts eingeordnet werden, und natürlich bildeten die nationalsozialistische Vertreibungspolitik und der Mord an sechs Millionen europäischen Juden eine sehr konkrete zusätzliche Voraussetzung für die Entstehung des Staates Israel. Den Wunsch der überlebenden Juden, und der Juden überhaupt, nicht noch ein weiteres Mal in dieser wehr- und hilflosen Weise Opfer zu werden, sondern einen eigenen Staat mit eigenem Militär anzustreben, halte ich für legitim, jedenfalls wird er jedem vernünftig und gerecht Denkenden plausibel sein.

SPIEGEL ONLINE: Ahmedinedschad untergräbt diese Legitimität, wenn er behauptet, der Holocaust sei ein Märchen. Ist dies nicht verwunderlich, da in der arabischen Welt die Schoah häufig als positives Ereignis gepriesen wird?

Aly: Gegen obsessive Geschichtskonstrukte lässt sich mit Argumenten und einfachster Logik nicht ankommen. Es ist einfach absurd, wenn man sich, was es ja leider gibt, einerseits bei Hitler-Deutschland für den Holocaust bedankt und im nächsten Schritt sagt, es habe die Ermordung von sechs Millionen Juden gar nicht gegeben. Wie ein Staat, der sich durchaus zu modernen Lebensformen bekennt, offensichtlichen Irrsinn zum Staatsprogramm erheben kann, ist schwer zu verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Empfehlen Sie, die angekündigte Holocaust-Konferenz als Grille abzuhaken?

Aly: Keineswegs. Wir sind, was den Iran betrifft, im Augenblick Zeugen eines politischen Prozesses, in dem aus Vorurteilen, die es in jeder Gesellschaft massenhaft gibt, eine Staatsideologie wird. Das Ressentiment verkoppelt sich mit den Möglichkeiten staatlicher Macht.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklärt sich die Herzlosigkeit und Brutalität, deren es bedarf, um die Vernichtung eines Staates anzustreben?

Aly: Darüber wissen wir in Deutschland einiges. Die Schaffung eines universellen Feindbildes kann Staaten als politisches Bindemittel dienen. Staaten, die in sich schwach, die schlecht geführt sind, in denen Korruption herrscht und die ihre ökonomischen Chancen nicht richtig nutzen. Das Feindbild dient dazu, einen ideologischen Schutzraum zu ziehen, in dem die kollektivistische Verhetzung von den Zwängen der Moderne ablenkt, die ein ständig steigendes Maß von gesellschaftlicher Differenzierung und immer neue Anpassungsleistungen verlangen. Die Großideologien, der Großgruppenhass des 20. Jahrhunderts - und nun schon des 21. Jahrhunderts - lenken von dieser Erfordernis ab.

SPIEGEL ONLINE: Und da bietet sich im Nahen und Mittleren Osten Israel an?

Aly: Das Feindbild Israel dient einigen arabisch-muslimischen Regierungen des Nahen und Mittleren Ostens dazu, innenpolitisch über die eigene Unfähigkeit hinwegzutäuschen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie an der Konferenz in Iran im Falle einer Einladung teilnehmen?

Aly: Nein, man müsste überlegen, ob man mit arabischen und israelischen Intellektuellen und Holocaust-Forschern aus der ganzen Welt eine Gegenkonferenz organisiert.

SPIEGEL ONLINE: Wer soll die ausrichten?

Aly: Das könnte die Europäische Union tun. Über den Holocaust hinaus sollte man weitere Geschichtsbilder thematisieren, die zu Hass, Mord und zur Verweigerung des Existenzrechtes von Millionen von Menschen geführt haben. Was in Iran momentan passiert, ist uns aus der europäischen Geschichte so fremd nicht. Wir müssen nur 60, 70, 90 Jahre zurückgehen, dann rückt uns ganz nah, was uns heute als verrückt und aberwitzig erscheint.

Das Interview führte Alexander Schwabe



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