Aggressionsforscher Haim Omer "Israel ist vernünftiger geworden"

Die Bombardierung Kanas mit Dutzenden Toten, der Beschuss eines Blauhelm-Postens, bei dem vier Uno-Soldaten starben - die Welt ist geschockt über Israels Kriegsführung. Der Deeskalationsexperte Haim Omer erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, was er am derzeitigen Krieg dennoch positiv sieht.


SPIEGEL ONLINE: Herr Omer, als Deeskalationsforscher muss Ihnen die derzeitige kriegerische Auseinandersetzung zwischen der Hisbollah und Israel vollkommen zuwider sein.

Omer: Israels Reaktion war von Anfang an berechtigt. Wegen des konstanten Raketenbeschusses der vergangenen Jahre und der Entführung zweier Soldaten vor drei Wochen hatte es keine andere Wahl.

SPIEGEL ONLINE: Warum plädieren Sie als Experte für Konfliktbewältigung nicht für Verhandlungen oder für eine begrenzte Reaktion?

Omer: Die Attacken der Hisbollah kamen nach einem vollständigen Rückzug Israels aus dem Libanon, wie auch die Angriffe der Hamas im Gaza-Streifen nach einem kompletten Rückzug stark zunahmen. Würde man Israel das Recht absprechen, sich zu verteidigen, hätte dies weit reichende Konsequenzen. Dies bedeutete, dass Israel keine besetzten Gebiete mehr verlassen würde. Wenn die israelische Linke - zu der ich mich zähle - die jetzigen Angriffe kritisiert, plädiert sie indirekt gegen einen weiteren Rückzug aus den besetzten Gebieten.

SPIEGEL ONLINE: Will Israel diesen geplanten Abzug überhaupt noch?

Omer: Dies ist nach wie vor das erklärte Ziel der Regierung von Ministerpräsident Ehud Olmert und seiner Kadima-Partei. Israel lässt ja auch über die Scheba-Farmen an der Grenze zu Libanon und Syrien mit sich reden. Man ist bereit, dieses Stück Land aufzugeben. Das Problem ist nur: Die von der Hisbollah für den Libanon geforderte Parzelle gehört laut internationalen Karten zu Syrien - und mit Syrien verhandeln wir derzeit noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Möglicherweise wird sich Israel bald damit abfinden müssen, dass eine internationale Eingreiftruppe im Nahen Osten agieren wird. Gibt es damit das Machtmonopol ab?

Omer: Das Interessante daran ist ja, dass Israel zum ersten Mal von Anfang an für eine internationale Eingreiftruppe war. Früher war man immer dagegen, weil man fürchtete, dass eine solche Truppe zum Präzedenzfall werden könnte für internationale Truppen auch in der Westbank. Jetzt, da man die Westbank verlassen will, scheut man diese Idee nicht mehr; im Gegenteil: Eine internationale Truppe könnte beim Rückzug aus den Palästinensergebieten behilflich sein. Ich sehe darin eine positive, deeskalatorische Entwicklung.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben trotz der blutigen Kämpfe derzeit mehr Hoffnung als Zweifel für eine bessere Zukunft der Region?

Omer: Israel hat sich gebessert. Es ist vernünftiger geworden. Natürlich kann man manches an den jüngsten Angriffe scharf kritisieren - einiges ist kontraproduktiv ...

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen die tödlichen Angriffe auf Uno-Blauhelme und auf ein Haus voller Kinder in Kana?

Omer: Ja. Doch insgesamt zeigt Israel ein Maß an Vernunft und Selbstkontrolle, wie es dies in früheren Konflikten nicht hatte. Obwohl ich Regierungen im Allgemeinen kritisch gegenüber stehe - Ministerpräsident Ehud Olmert und Außenministerin Zipi Livni treten sehr besonnen und gemäßigt auf. Selbst Generalstabschef Dan Haluz ist relativ moderat.

SPIEGEL ONLINE: Aus der Armeespitze war anfangs zu hören, man bombe den Libanon auf den Zustand von vor 20 Jahren zurück.

Omer: Das ist zweifellos alte Rhetorik, die vereinzelt allerdings zu vernehmen ist, eine Wortwahl, die für die vorigen Konflikte typisch war. Vergeltungsgeschrei wie früher - "wir werden es ihnen zeigen" - ist inzwischen sehr wenig zu vernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie als Konfliktforscher eine Begründung für die Aggression der Hisbollah gegen Israel?

Omer: Ich will mich nicht in psychologische Spekulationen ergehen, etwa über einen Selbstdestruktionstrieb bei der Hisbollah. Es gibt einfach Fragen, die keine Antwort haben. Ich stelle nur fest: Der islamistische Fundamentalismus ist zurzeit sehr kriegerisch.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man tun, um ihn zu besänftigen? Geht dies nur militärisch?

Omer: In dieser Situation leider ja. Der Konflikt hat sich bereits verschärft, Bomben und Raketen fallen längst. Immerhin gibt es in diesem Krieg ein paar positive Ideen wie die bereits erwähnte Bereitschaft über eine internationale Eingreiftruppe zu reden. Eine große Lösung gibt es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ist Israel überhaupt bereit, kleine Schritte zu gehen? Es ignoriert etwa die Forderungen nach einem Waffenstillstand.

Omer: Nun ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Es wurden Chancen verpasst. Als die Hisbollah kurz nach der Entführung der israelischen Soldaten wissen ließ, den Gekidnappten gehe es gut, reagierte unsere Regierung nicht mit Drohgebärden, wie es frühere getan hätten, sondern sie nahm diese relativ freundliche Stimme des Gegners im Sinne einer Deeskalationsmethode positiv auf. Dies allerdings fand dann keine Entsprechung. Israel aber zeigte sich verhandlungsbereit. Das ist ein anderer, neuer Stil, den ich insgesamt für vielversprechend halte.

Das Interview führte Alexander Schwabe, Tel Aviv



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