Ahmadinedschad bei Mursi Die Scheinehe

Irans Präsident Ahmadinedschad und Ägyptens Präsident Mursi haben einiges gemeinsam: Beide sind Islamisten, in innenpolitische Machtkämpfe verstrickt, gelten als Antisemiten, beschimpfen gern den Westen. In Kairo zelebrieren sie nun ihre neue Freundschaft. Klingt harmonisch - ist es aber nicht.

Politiker Ahmadinedschad, Mursi (in Kairo): Küsschen links, Küsschen rechts
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Politiker Ahmadinedschad, Mursi (in Kairo): Küsschen links, Küsschen rechts


Kairo - So herzlich wurde Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad wohl schon lange nicht mehr empfangen. Direkt vom Flughafen in Kairo hat ihn sein ägyptischer Kollege Präsident Mohammed Mursi abgeholt - mit kräftiger Umarmung und Kuss auf die Wangen.

Es ist ein besonderer Moment: Seit 1979 war kein iranischer Präsident mehr zu Besuch in Ägypten. In Teheran übernahmen US-kritische Religiöse das Sagen. Ägypten dagegen schloss Frieden mit Israel und pflegte ein enges Bündnis mit den USA. Kairo und Teheran stellten ihre diplomatischen Beziehungen ein. Nun soll alles anders werden, der Beginn einer neuen großen Freundschaft - so soll es zumindest aussehen.

"Die iranische Regierung versucht, wo sie nur kann, sich mit den Ägyptern gut zu stellen", sagt Mehrzad Boroujerdi, Iran-Experte und Leiter des Nahost-Programms an der amerikanischen Universität von Syracuse. Teheran versuche, einen Keil zwischen Kairo und Washington zu treiben.

Iran macht Kairo seit den Massenprotesten und dem Sturz von Husni Mubarak 2011 Avancen. Teheran bejubelte die ägyptische Revolution als Aufstand der Religiösen und sah Parallelen zur eigenen Geschichte. Mit Mursi steht nun ein Mann an der Spitze Ägyptens, der Teheran gefallen dürfte: ein Islamist, der in der Vergangenheit "Zionisten" als "Blutsauger" bezeichnete und sich vom Westen nichts gefallen lassen will.

Mursi und Ahmadinedschad stecken in Schwierigkeiten

Und Ägyptens Präsidenten wiederum kommt ein Flirt mit Teheran gerade recht. "Mursi will sich in der Außenpolitik von seinem Vorgänger Mubarak klar abheben", sagt Nahost-Experte Adel Abdel Ghafar, der als Gastforscher derzeit an der Amerikanischen Universität von Kairo arbeitet. Mubaraks regelmäßiges Einknicken vor Israel und den USA kam bei der eigenen Bevölkerung nicht gut an. "Mursi will zeigen, dass seine Außenpolitik nicht von den USA diktiert wird", sagt Abdel Ghafar.

Außenpolitik ist eines der wenigen Felder, auf denen Mursi noch punkten kann. Innenpolitisch ist er angeschlagen. Die Wirtschaft ist am Boden. Das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte sorgt für immer massivere Kritik. In mehreren Städten kommt es seit über einer Woche zu Krawallen. "Mursi will politisches Kapital auf der internationalen Bühne sammeln, um es innenpolitisch einzusetzen", sagt Abdel Ghafar.

Da kann wohl auch Ahmadinedschad mitfühlen. Denn er steckt zu Hause ebenfalls in einem erbitterten Machtkampf. Mit seinem Gegenspieler Ali Laridschani, Sprecher des Parlaments, lieferte er sich am Sonntag einen Schlagabtausch. Live übertragen im Staatsradio, stritten sich die beiden Politiker darüber, wer von ihnen beiden korrupter sei.

Laridschani gilt als möglicher Präsidentschaftskandidat bei den Wahlen am 14. Juni. Ahmadinedschad wird nach zwei Amtszeiten nicht mehr kandidieren können, will jedoch einen seiner Vertrauten gegen Laridschani in Stellung bringen. Kaum machte Ahmadinedschad sich auf den Weg nach Kairo, wurde sein Verbündeter Said Mortasawi verhaftet. Zwar wäre dem Ex-Staatsanwalt sicherlich einiges vorzuwerfen, etwa die Folter von Häftlingen. Doch legt der Zeitpunkt seiner Verhaftung nahe, dass es sich um eine weitere Eskalation im Machtkampf zwischen Ahmadinedschad und Laridschani handelt.

Über Syrien sind beide völlig anderer Meinung

Der freundliche Empfang am Flughafen täuscht allerdings nicht darüber hinweg, dass Mursi und Ahmadinedschad mehr trennt, als sie eint. Ob Ahmadinedschads Besuch in Kairo im Rahmen des am Mittwoch beginnenden Gipfeltreffens der Organisation Islamischer Staaten eine Normalisierung der Beziehung beider Länder besiegelt, muss sich erst noch zeigen.

Ägyptens Salafisten schimpfen über angebliche schiitische Missionierungsversuche Teherans in ihrem Land. Das Schiitentum sehen sie als Irrglauben an. Als Irans Außenminister im Januar zu einem historischen Besuch in Kairo eintraf, organisierten die Ägypter kurzerhand gleichzeitig ein Treffen einer iranischen Separatistenbewegung in Kairo - ein klarer Affront.

"Das Bündnis zwischen Iran und Ägypten ist keine Liebesheirat sondern eine Zweckehe", sagt Iran-Experte Mehrzad Boroujerdi. International unterstützt Ägypten regelmäßig die Positionen der arabischen Golfländer, die wirtschaftlich wichtig sind und die mit Iran auf Kriegsfuß stehen. Doch vor allem in der Syrien-Frage sind Mursi und Ahmadinedschad zutiefst zerstritten. Teheran hilft dem Assad-Regime, was es bei vielen Ägyptern nicht gerade beliebt macht. Kairo dagegen ist Sitz der Opposition.

Doch um den Schein zu wahren, ist Teheran zu einigem bereit. Als Mursi auf dem Rückweg seiner ersten Auslandsreise in Teheran auf dem Gipfeltreffen der blockfreien Staaten stoppte, wetterte er dermaßen gegen das syrische Regime, dass dessen Vertreter empört den Saal verließen.

Für die iranischen Gastgeber hätte es kaum unangenehmer werden können. Doch sie wahrten die Contenance. Kurzerhand ersetzte der Dolmetscher auf Farsi das Wort Syrien jedes Mal durch Bahrain. In Bahrain waren mehrheitlich schiitische Aufstände von Saudi-Arabien niedergeschlagen worden unter iranischem Protest. Schon konnten Ägypter und Iraner in freundschaftlicher Einigkeit weiter Mursis Rede folgen.



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grass 05.02.2013
1. Zwar haben beide bezüglich Syrien unterschiedliche Positionen
Trotz der unterschiedlichen Positionen haben sie viele gemeinsame Interessen in Syrien. Der Iran braucht ein befreundetes Land in der nähe vom Libanon für die Waffentransporte zur Hisbollah. Ägypten will den Muslim-Brüdern in Syrien an die Macht helfen. Mögen die Positionen noch so unterschiedlich scheinen, so kollidieren ihre Interessen nicht. Schlussendlich werden Sie sich über den jeweiligen BATNAs finden.
lebmah 05.02.2013
2. Hallo???
Der Text grundsätzlich mit so wenigen belegen geschrieben ,ohne genaue Infos werden zwei Völker dargestellt ,die sich angeblich sich gegen seitig hassen.Dies ist grundsätzlich falsch!!
a.vomberg 05.02.2013
3. Bis auf den
polemischen Unterton an einigen Stellen ein sehr guter Artikel. Schön zu sehen, das es noch Qualitätsjournalismus gibt.
audumbla 05.02.2013
4. Vorsicht!!!!!!!
Wenn die beiden sich auch nicht verstehen, aber wenn es gegen den Westen geht, dann sind sie beide militante Islamisten.
hxk 05.02.2013
5. Gelten als Antisemiten??
Also wer Juden als Abkömmlinge von Affen und Schweinen bezeichnet, der ist ein Antisemit.
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