Von Marc Pitzke, New York
Die New Yorker begrüßen alle Besucher, auch unerwünschte. Den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad empfängt die "New York Post" also mit einem ganz besonderen Willkommensgeschenk: Sie schickt dem Holocaust-Leugner einen Präsentkorb ins Hotel - vollgestopft mit jüdischen Spezialitäten.
Da finden sich Delikatessen wie Gefilte Fisch, Bagel von H&H und Käse von Zabar's. Außerdem eine Eintrittskarte für die Off-Broadway-Show "Old Jews Telling Jokes", ein Prospekt des Holocaust-Museums und der 9/11-Bericht als Bilderbuch. Die Botschaft der Zeitung: "Schalom und willkommen in NYC!"
Dieser Spott hat Tradition. Einmal im Jahr kommt Ahmadinedschad zur Generaldebatte der Uno-Vollversammlung nach New York. Einmal im Jahr nutzt er diese Weltbühne für seine dreisten Lügen und verklausulierten Drohungen gegen den Westen und Israel. Und einmal im Jahr steigen seine Kritiker auf die Barrikaden, und die Medien spielen verrückt.
"Wundervolle Menschen in den USA"
So auch diese Woche, bei seinem achten und wohl letzten Besuch am East River vor Ende seiner Amtszeit. Obwohl international immer isolierter und daheim immer unpopulärer, sorgt Ahmadinedschad für so nervöse Schlagzeilen wie sonst kaum einer der mehr als 120 Staatschefs, die gerade hier sind. Ein Grund auch: Keiner weiß, wie ernst die Lage ist und was hinter seinen Drohgebärden steckt.
Schon zwei Tage vor seiner Uno-Rede am Mittwoch - ausgerechnet an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag - nutzt er die Gelegenheit für Rundum-Schmähungen, serviert mit süffisantem Lächeln. Er ahnt: Dies ist sein letztes Gefecht - aber auch ein zynischer Zirkus, bei dem alle brav mitspielen.
Denn seine Auftritt haben zunächst einmal Entertainment-Potential. Die US-Medien reichen Ahmadinedschad freudig ihr Megafon. Allen voran der Frensehsender CNN, der ihm am Montagabend eine ganze Sendestunde zur Verfügung stellt. Talkmaster Piers Morgan müht sich wacker, muss aber vor Ahmadinedschads haarsträubenden Anmaßungen kapitulieren.
"Ich möchte all die wundervollen Menschen der Vereinigten Staaten grüßen", säuselt Ahmadinedschad da. "Wir lieben die Menschen der Vereinigten Staaten." Und dann legt er los.
Er zeigt Verständnis für die Proteste gegen das Mohammed-Video, spricht allen Menschen das Recht zu, "ihre Meinung frei zu äußern" - tut aber so, als wisse er von Massenverhaftungen in Iran nichts. Er dementiert Waffenlieferungen an Syrien und behauptet, er vermittle zwischen den Bürgerkriegsparteien, sagt dann aber im nächsten Satz: "Ich kann in die internen Angelegenheiten Syriens nicht eingreifen."
Er beklagt den Tod von Qaida-Chef Osama bin Laden. Er zweifelt an der offiziellen Version der 9/11-Anschläge. Er wettert gegen Homosexualität. Er drückt sich um die Antwort auf die Frage, ob er den Holocaust anerkenne. Nicht nur das: Er drückt sich um alle klaren Antworten.
Westerwelle: "Nukleare Bewaffnung Irans nicht akzeptieren"
Vor allem aber schmäht er Israel: Der Staat sei eine "Fabrikation", arbeite aufs eigene "Ende" hin, sei "sehr, sehr abenteuerlustig" - doch Iran werde sich natürlich verteidigen, solle es zu einem militärischen Konflikt kommen. Nur seine altbekannte Behauptung, Israel müsse von der Landkarte getilgt werden, die mag Ahmadinedschad nicht explizit wiederholen.
Was davon ist Polterei, was Politik? Hinter verschlossenen Türen sind Diplomaten diese Woche vorsichtig, Ahmadinedschads Gerede einfach nur abzutun. Zwar kennen sie das Theater, die leeren Parolen. Aber sie wissen auch, dass man nichts einfach abtun darf, was aus dem Munde eines Diktators kommt.
Ahmadinedschad beginnt schon kurz nach seiner Ankunft, die Stimmung aufzuheizen. Und das, obwohl ihn Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon zum Auftakt ausdrücklich vor den "schädlichen Konsequenzen hetzerischer Rhetorik" gewarnt hat.
Für den Iraner scheint das ein Ansporn zu sein. Schon beim Frühstück mit handverlesenen Reportern schmäht er Israel als historische Fußnote, ohne "Wurzeln" im Nahen Osten. Die Instant-Reaktion des Weißen Hauses: "Ekelhaft, beleidigend und abscheulich", erklärt Tommy Vietor, der Sprecher des US-Sicherheitsrats.
In seiner ersten offiziellen Uno-Rede, beim Hochrangigen Treffen zur Rechtsstaatlichkeit, setzt Ahmadinedschad seine Tiraden fort - wenn auch diesmal, ohne einen Staat namentlich zu nennen. Israels Delegation verlässt trotzdem aus Protest das Plenum - ein Vorgeschmack auf den traditionellen Eklat, der am Mittwoch droht. Auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle ist da schon weg: Er leitet parallel eine Sicherheitsratssitzung zu Syrien.
Ahmadinedschads Tiraden beschäftigen aber auch Westerwelle. "Ich verstehe die große Sorge, nicht nur in Israel, sondern in der gesamten Region", hat der Deutsche schon am Sonntag hier nach einem Treffen mit jüdischen Organisationen gesagt. "Deutschland wird eine nukleare Bewaffnung Irans nicht akzeptieren."
"Unerhört, dass das Hotel einem Terrorregime Unterkunft bietet"
Das dürfte auch Obama an diesem Dienstag vor der Vollversammlung betonen. "Es darf Iran nicht erlaubt werden, eine Atomwaffe zu entwickeln", wiederholt sein Sprecher Jay Carney. Amerikas Verpflichtung zur Sicherheit Israels sei "so stark wie immer und von Natur aus unzerbrechlich". Obwohl Obama diesmal natürlich leider keine Zeit hat, den israelischen Premier Benjamin Netanjahu hier zu treffen.
Denn auch Ahmadinedschad weiß, dass die US-israelischen Beziehungen schon mal besser waren - und sieht darin vielleicht eine Chance.
Netanjahu, der einen Tag nach ihm vor der Uno sprechen wird, trommelt ja ebenso: Er denkt immer lauter über einen Militärschlag gegen Iran nach und hat sich direkt in den US-Wahlkampf eingemischt, indem er Obama öffentlich unter Druck setzte und sich von seinen Rivalen Mitt Romney hofieren ließ.
Unterdessen brodeln in Manhattan die Proteste. Vor Ahmadinedschads Hotel, dem Warwick in Midtown, wüten am Dienstag Dutzende Demonstranten auch gegen den Gastgeber. Die Gruppe United Against Nuclear Iran (UANI) hat das Zimmer 1121 angemietet und stolziert mit Anti-Ahmadinedschad-T-Shirts durch die Lobby. "Es ist unerhört, dass das Warwick einem Terrorregime Unterkunft bietet", sagt UANI-Sprecher Nathan Carleton.
Der jüdische Präsentkorb hingegen bleibt liegen. Die "New York Post" lässt ihn zwar zustellen, doch ein Agent des Secret Service fängt ihn ab.
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