Ahmadinedschad in New York "Fahr zur Hölle"

Von , New York

2. Teil: "Er ist ein Hassprediger!", ruft der jüdische Rentner Albert Marshak. "Ich will aber hören dürfen, was er sagt!", brüllt der Columbia-Absolvent Jacob Sabat zurück


Den Zündler zu ignorieren, schien den New Yorkern das falsche Rezept: Schon früh marschierten Hunderte Demonstranten vor dem Campus der "Ivy-League"-Uni in Morningside Heights im Norden Manhattans auf. Das Haupttor am Broadway wurde zur "Speakers' Corner" für Gegner und Vasallen Ahmadinedschads - wie Bollingers. Unter den Fenstern der Journalism School, wo alljährlich die Pulitzerpreise verliehen werden, prallten beide Seiten lautstark aufeinander: die, die Ahmadinedschad reden lassen wollten - und die, die ihn am liebsten postwendend wieder nach Iran zurückgeschickt hätten.

"Er ist ein Hassprediger!", rief der jüdische Rentner Albert Marshak. "Ich will aber hören dürfen, was er sagt!", brüllte der Columbia-Absolvent Jacob Sabat zurück. Paula Press war mit einem älteren "Post"-Titel angerückt: "Fahr zur Hölle!" Stadtrat Dov Hikind forderte, Ahmadinedschad auf der Stelle zu verhaften, sobald er aufkreuze.

Auch auf dem polizeilich abgeriegelten Campus gingen die Proteste weiter - beiderseits. Studenten hatten Wege, Wände, Mauern mit Flugblättern gepflastert, mit Zitaten aus Ahmadinedschads Hassreden und Fotos von Hinrichtungen. Einige hatten sich in iranische Flaggen gehüllt, andere in israelische.

"Ich möchte mich etwas beschweren"

Hunderte hockten auf dem Rasen an der Bibliothek vor einer Leinwand, auf der die Rede übertragen wurde, da die 600 Plätze im Saal binnen einer Stunde ausverkauft waren. "Lasst Iran für sich selbst entscheiden!", rief die iranische Filmstudentin Fatemeh Farshneshani, 21. Sie hielt ein Poster: "Kein Krieg mit Iran."

Bollinger hatte zwar angekündigt, hart mit Ahmadinedschad ins Gericht zu gehen - doch eine solche Zurechtweisung, von Gastgeber zu Gast, das hatte keiner erwartet. Auch Letzterer nicht, der noch gnädig ins Publikum gewunken hatte, bevor er sich setzte. "Wow", sagte jemand, als der Uni-Präsident zu Ende war. Ahmadinedschad zeigte sich irritiert. "Ich möchte mich etwas beschweren", begann er mit eiskaltem Lächeln und stach mit dem Zeigefinger in die Luft: Bollingers Worte seien "Geschwafel", "unfreundliche Behandlung", eine "Beleidigung" an die iranische Nation.

Danach verlor er sich in einem Vortrag über Gott, Wissenschaft und Politik, gespickt mit Vorwürfen, Anklagen und Andeutungen, von dem Bollinger später sagte: "Ich weiß nicht ganz, was er zu sagen versucht hat." Ahmadinedschad bestritt, den Holocaust zu leugnen, doch im nächsten Satz sagte er: Dies sei eine Theorie, für die es "noch keine ausreichenden Forschungen" gebe. (An dieser Stelle überschlug sich die Stimme der Dolmetscherin fast.) Und abermals bestand er auf Irans "Recht auf friedliche Nuklearenergie".

"Irgendwie mysteriös"

Bei der anschließenden Frage-und-Antwort-Runde gingen die Studenten Ahmadinedschad härter an als zuvor die Journalisten - wiewohl er keine einzige Frage beantwortete. Zu den Hinrichtungen Schwuler sagte er ohne eine Miene zu verziehen: "In Iran haben wir keine Homosexuellen wie in Ihrem Land." Hohngelächter und Buhrufe hallten durch die Aula.

"Ich glaube nicht, dass er sich direkt mit den Fragen befasst hat", sagte Bollinger. Doch darum ging es ja auch nicht - es ging ums Prinzip Meinungsfreiheit. Und mit der Meinungsfreiheit sei das nun mal so eine Sache, sagte der Uni-Präsident und zitierte den früheren US-Bundesrichter Oliver Wendell Holmes: "Sie ist ein Experiment, wie das ganze Leben ein Experiment ist."

Heute wird Ahmadinedschad vor der Uno-Vollversammlung sprechen - ohne böse Begrüßung, ohne freche Zwischenfragen. Seine Rede wurde absichtlich auf den Nachmittag gelegt, sechs Stunden nach der Rede von US-Präsident George W. Bush. Damit sich beide nur ja nicht über den Weg laufen müssen.

  • 1. Teil: "Fahr zur Hölle"
  • 2. Teil: "Er ist ein Hassprediger!", ruft der jüdische Rentner Albert Marshak. "Ich will aber hören dürfen, was er sagt!", brüllt der Columbia-Absolvent Jacob Sabat zurück


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