Ahmadinedschads Gnadenakt Abgrund an Heuchelei

Die 15 britischen Geiseln in Iran kamen schneller frei, als zu befürchten stand. Sie waren der Spielball höherer Mächte - und eines Präsidenten, der die Freilassung als perfide Show inszenierte. Trotzdem sind jetzt Fortschritte in Nahost denkbar.

Von


Es war ein Akt des Humanismus aus dem Geiste des Islam, der den iranischen Präsidenten dazu bewogen hat, die britischen Geiseln in die Freiheit zu entlassen. Es lag an der britischen Regierung, die sich "schlecht benahm", dass es zu einer Konfrontation gekommen ist.

So einfach ist das, sagt Machmud Ahmadinedschad.

Man muss ihm genau zuhören. Es lohnt sich immer. So viel Abgrund an Heuchelei ist selten.

Ahmadinedschad bei Verabschiedung der Briten: "Viel Glück, viel Erfolg"
REUTERS

Ahmadinedschad bei Verabschiedung der Briten: "Viel Glück, viel Erfolg"

Man muss ihm gut zusehen, zum Beispiel wenn er es sich nicht nehmen lässt, wie ein guter Gastgeber seine Gäste, die Gefangenen, nach Hause zu verabschieden, gelassen und selbstbewusst und im Eingedenken, dass diese Bilder um die Welt gehen und mit den Worten: "Viel Glück, viel Erfolg."

Die 15 Geiseln kommen frei: Das ist die gute Nachricht, die so schnell nicht zu erwarten war.

Ein bisschen Zeit gewonnen

Was es für sie bedeutete, in Ungewissheit irgendwo irgendwie gefangen gehalten zu werden, lässt sich kaum vorstellen. Sie waren Spielball höherer Mächte, ein paar Tage lang, nicht 15 Monate wie der Hochseefischer Donald Klein. Soviel wir bislang wissen, hat der iranische Außenminister einen Brief aus London bekommen, in dem steht, was darin zu stehen hat: Großbritannien gedenkt, die iranischen Hoheitsgewässer zu achten. Ahmadinedschad wird daraus das Eingeständnis herauslesen, dass die beiden Schlauchboote in iranischem Gewässer fuhren, als die Revolutionswächter die 15 hochnahmen. Die Briten dürfen für sich beanspruchen, dass sie Selbstverständliches gelassen aufgeschrieben haben.

Und sonst? Vermutlich schließt der Deal, den London, Teheran und Washington eingegangen sind, die Freilassung der fünf Iraner ein, die im Irak in die Fänge der US-Besatzungsmacht gerieten. Vermutlich lag dem unerträglichen Hin und Her der vergangenen Tage ein Machtkampf im Iran zugrunde, der mit dem Sieg der eher Maßvollen - relativ gesehen - zu Ende ging.

Damit ist ein bisschen Zeit gewonnen, um die neuen Entwicklungen in dieser Weltengegend in den Blick zu nehmen. Dem Treffen der Außenminister Mitte April steht nichts mehr im Wege. Der iranische Außenminister wird dann an einem Tisch mit Condoleezza Rice sitzen, ein Umstand, der ein paar Leuten in Teheran, die sich an 15 Briten vergriffen, nicht passen dürfte. Diese internationale Konferenz ist momentan der einzige Lichtblick, den der Irak hat.

Die Freilassung ist Voraussetzung für alles Weitere

Damit hat auch der saudi-arabische König Zeit gewonnen, der sich mit großer Intensität darum bemüht, für Stabilität in der Region zu werben. Auf seine Initiative hin ist in Palästina eine Regierung der nationalen Einheit gegründet worden. Auf Initiative der US-Außenministerin hin gedenken der israelische Premierminister und der Präsident der Autonomiebehörde einander im Zwei-Wochen-Takt zu treffen.

Dass gerade Nancy Pelosi, die Mehrheitsführerin der Demokraten im US-Abgeordnetenhaus, in Damaskus weilt, wäre nicht weiter erheblich - wenn sich nicht auch dieses Treffen ganz gut in die herrschenden Anstrengungen um Eindämmung der Konflikte fügen würde.

Es ist wie immer: Man kann die Nase rümpfen über die Vielzahl der Gespräche und Treffen und die Bekundungen wohlmeinender Absichten, im weiteren Nahen Osten Frieden zu schaffen. Man kann aber auch sagen: Besser und überfällig, sie reden miteinander. Und vielleicht kommt sogar etwas dabei heraus.

Die Freilassung der Geiseln in Teheran ist die Voraussetzung für alles weitere. Gut, dass sie dieses seltsame Land verlassen dürfen.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.