Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ahmadinedschads Uran-Ankündigung: Sprengsatz aus Teheran

Aus München berichtet

Erst Signale des Einlenkens, dann eine dreiste Provokation: Irans Winkelzüge im Atomstreit stellen die Entschlossenheit des Westens auf die Probe. US-Vertreter auf der Münchner Sicherheitskonferenz drohten offen mit einem Militärschlag - Präsident Ahmadinedschad spielt trotzdem weiter auf Zeit.

Irans Präsident Ahmadinedschad: "So Gott will wird die 20-Prozent-Anreicherung beginnen" Zur Großansicht
REUTERS

Irans Präsident Ahmadinedschad: "So Gott will wird die 20-Prozent-Anreicherung beginnen"

Das Regime in Teheran dominiert wieder einmal die weltweiten Schlagzeilen. Präsident Mahmud Ahmadinedschads Ankündigung im iranischen Fernsehen, ab sofort Uran hochanzureichern, brüskiert den Westen - und isoliert das Land am Persischen Golf immer weiter.

Wie sehr der Atomstreit auch die diesjährige Sicherheitskonferenz in München dominiert hat, zeigte sich an diesem Sonntag noch einmal, als Tagungsleiter Wolfgang Ischinger sein Resümee zog: Selbst wenn es jemanden gegeben haben sollte, der in den Münchner Auftritten des iranischen Außenministers Manutschehr Mottaki ein neues Verhandlungsangebot gesehen habe, handele es sich aus seiner Sicht doch eher um "einen Schritt weg von Verhandlungen".

Dabei hatte es vor Beginn der Sicherheitskonferenz so ausgesehen, als würde sich der Atomstreit zwischen Iran und der Weltgemeinschaft entspannen. Ahmadinedschad kündigte an, auf das internationale Angebot einzugehen: Schwach angereichertes iranisches Uran solle im Ausland weiter angereichert und dann wieder an Iran geliefert werden.

Doch erst zerredete Mottaki durch immer neue Bedingungen diese Möglichkeit - und dann spielte Irans Präsident am Sonntag wieder die Doppelstrategie aus Drohung und angeblichen Dialogangeboten aus.

Er wies die iranische Atomenergiebehörde an, selbst mit der Herstellung von hoch angereichertem Uran zu beginnen: In einer Sendung des iranischen Fernsehens sagte er: "So Gott will wird die 20-Prozent-Anreicherung beginnen", um Irans Bedarf für einen Forschungsreaktor in Teheran zu decken. Dabei beteuerte Ahmadinedschad zeitgleich, sein Land bleibe offen für Kompromissverhandlungen.

Die besten Zitate der Sicherheitskonferenz

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Mottaki und Ahmadinedschad im Doppelpack - das verärgerte die Konferenzteilnehmer in München massiv. "Ich interpretiere das als Drohung", sagte Ischinger mit Blick auf Irans Präsidenten. Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sah darin ein Zeichen, dass die ausgestreckte Hand vom Iran "nicht nur nicht ergriffen, sondern weggeschlagen wird".

Guttenberg setzt nun auf den Uno-Sicherheitsrat. Es könne sein, "dass die Sanktionsschraube angezogen werden muss". Iran müsse deutlich gemacht werden, "dass die Geduld nun wirklich am Ende ist".

Manche gehen noch weiter. Bereits am Vorabend, also noch vor Ahmadinedschads Uran-Ankündigung, hatte der amerikanische Senator Joe Lieberman in München mit einem Militärschlag gedroht: "Wir müssen uns entscheiden: Entweder für harte Wirtschaftssanktionen, damit die Diplomatie funktioniert, oder wir stehen vor militärischem Eingreifen."

Karzai im Hintergrund

Iran beherrschte die Agenda der drei Tage von München. Die Planung war eigentlich eine andere, insbesondere die Zukunft von Nato und Afghanistan sollte im Mittelpunkt stehen. Als Ischinger vor der Presse über die Rückschritte mit Iran sprach, betrat hinter ihm Afghanistans Präsident Hamid Karzai den Tagungssaal im Bayerischen Hof. Das war sehr treffend: Der Iran rückt in den Vorder-, Afghanistan in den Hintergrund.

Tatsächlich wiederholte Karzai bei seinem Münchner Kurzauftritt am Sonntag bereits Bekanntes: Dass man bis 2012 mindestens 300.000 afghanische Sicherheitskräfte in Armee und Polizei aufgestellt haben müsse. Dass er mit Blick auf die Taliban auf Versöhnung einerseits und Reintegration andererseits setze. Während Karzai auf der politischen Ebene eine Versöhnung mit Taliban-Führern anstrebt, sollten jene, "die nicht unbedingt ideologisch gegen uns eingestellt sind", wieder eingegliedert werden: Das betreffe "Tausende von Taliban, die den bewaffneten Kampf gegen ihr eigenes Land aufgenommen haben".

Dabei wurde eines in München deutlich: Nicht nur Deutschland, nicht nur die USA haben einen Abzug aus dem Land am Hindukusch fest im Blick - auch Karzai selbst will es. Bis 2015 sollte Afghanistan in der Lage sein, Sicherheit für seine Bevölkerung herzustellen, sagte er - "so dass wir nicht länger eine Last auf den Schultern der Weltgemeinschaft sind".

Auch Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen betonte genau diesen Aspekt. Nach und nach werde man die "Führungsverantwortung" an die Afghanen übergeben, kündigte er an. Er wisse zwar nicht, "wann dieser Prozess abgeschlossen sein wird - aber wann er beginnt: in diesem Jahr".

Das ist die Linie: Den Abzug kalkulieren, aber kein Datum nennen - und Selbstkritik üben. So räumte Guttenberg offen Fehler in der bisherigen Afghanistan-Strategie ein. Deshalb vervierfache Deutschland nun die Zahl seiner militärischen Ausbilder in Afghanistan, auch gebe es mit dem sogenannten Partnering ein neues Konzept. Das mag wenig aufsehenerregend klingen, könnte den deutschen Einsatz aber stark verändern. Denn bisher bildete die Bundeswehr zwar Soldaten der afghanischen Armee aus, zog aber nicht mit ihnen in den Kampfeinsatz. Genau das aber bezeichnen die Amerikaner als "Partnering".

Guttenberg gegen Westerwelle

Jüngst hatte Guttenberg bereits erklärt, ein Soldat, "der ausbildet, muss sich schützen können und auch in der Lage sein zu kämpfen". Die USA entsenden schon bisher kleine Soldatengruppen direkt in kämpfende Ana-Einheiten. Das ist riskant.

Der Afghanistan-Einsatz habe seinen Preis, sagt Guttenberg in München. Er sei "mit einem hohen Risiko verbunden". Die USA, die die Hauptlast trügen, könnten sich aber auf die deutsche Solidarität verlassen: "Wir haben den Einsatz gemeinsam beschlossen, wir werden ihn gemeinsam zu beenden haben - und wir wollen ihn erfolgreich beenden."

Guttenbergs Auftritte in München fielen auf. Insbesondere in der amerikanischen Delegation war man hoch erfreut über den redegewandten neuen Mann im Amt. Der Bayer, seit Jahren schon Teilnehmer der Sicherheitskonferenz, traf auf den Gängen des Bayerischen Hofs immer wieder alte Bekannte.

Ganz anderes Außenminister Guido Westerwelle (FDP). Der wählte am Samstag zwar auch deutliche Worte in Richtung Iran, traf sich zudem eine halbe Stunde zum Zwiegespräch mit Mottaki. Doch aus Sicht der Teilnehmer repräsentiert Guttenberg die Deutschen.

Vor einem Jahr noch war ein ganz anderes Minister-Tandem in München angetreten. Da war der unglückliche Franz Josef Jung (CDU) der Verteidigungs- und Frank-Walter Steinmeier (SPD) der Außenminister. Und es war klar, wer den Ton angab: der Vize-Kanzler.

Ein Jahr später gilt dies nicht mehr.

Diesen Artikel...
Forum - Irans Atomprogramm - wie gefährlich ist es wirklich?
insgesamt 2664 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
spieglfechter 16.12.2009
Zitat von sysopMit Raketentests und einer harten Haltung im Atomstreit provoziert Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad den Westen. Trotz Sanktionsdrohungen rückt er nicht von seinem Nuklearprogramm ab - auf jeden diplomatischen Fortschritt scheint ein Rückschlag zu folgen. Wie groß ist die Gefahr wirklich?
Es besteht tatsächlich die Gefahr, daß Israel sein nukleares Monopol verliert. Diese mögliche Veränderung der Machtbalance kann Israel natürlich nicht gefallen. War sonst noch was ?
2.
sayada.b. 16.12.2009
Zitat von sysopMit Raketentests und einer harten Haltung im Atomstreit provoziert Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad den Westen. Trotz Sanktionsdrohungen rückt er nicht von seinem Nuklearprogramm ab - auf jeden diplomatischen Fortschritt scheint ein Rückschlag zu folgen. Wie groß ist die Gefahr wirklich?
Leider kann es wohl niemand so genau einschätzen, wie groß die Gefahr weiklich ist, da Herr A. jedes gegebene Wort und jede Zusage in kürzester wieder zurück nimmt und mit genau dem Gegenteil droht. Siehe Urananreicherung im Ausland... Somit tendiert die Glaubwürdigkeit des gegenwärtigen Regimes gegen Null. Und wer will schon A-Waffen in den Händen dieses Fanatikers sehen?
3.
lebenslang 16.12.2009
wenn es vorher ausgeschaltet wird, ist es nicht gefährlich, soviel ist sicher.
4.
sayada.b. 16.12.2009
Zitat von lebenslangwenn es vorher ausgeschaltet wird, ist es nicht gefährlich, soviel ist sicher.
Durch Verhandlungen? Gut! Durch Zerstörung? Sehr bedenklich! Gewalt erzeugt wieder Gewalt...
5. Gewalt erzeugt Gewalt
Axel Warburg, 16.12.2009
Zitat von sayada.b.Durch Verhandlungen? Gut! Durch Zerstörung? Sehr bedenklich! Gewalt erzeugt wieder Gewalt...
sayada, die Kombination aus den Drohgebährden und der Entwicklung von Nuklearwaffen IST Gewalt und wird Gewalt erzeugen. Wenn einer Dir erklärt, dass Du bald tot sein wirst, die Waffe zieht, und nicht bereit ist, sie augenblicklich abzulegen, dann ist Deine Gewalt gegen ihn als Notwehr gedeckt, z.B. wenn Du die Waffe aus seiner Hand wegschießt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Irans Atomprogramm
Streit
AP
Iran unterzeichnete 1968 den Sperrvertrag für Atomwaffen . Dieser erlaubt die zivile Nutzung von Nuklearenergie und die dafür notwendige Forschung einschließlich der Urananreicherung .

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit Sitz in Wien kontrolliert die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags; sie erstellt regelmäßig Berichte über das iranische Atomprogramm .

Der Uno-Sicherheitsrat hat in seiner Resolution 1696 vom 31. Juli 2006 Iran erstmals aufgefordert, die Anreicherung von Uran einzustellen; Teheran weigert sich unter Berufung auf den Atomwaffensperrvertrag.

Als Vermittler tritt seit einigen Jahren auch die "EU-Troika" auf, bestehend aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

Anlagen
Arak : geplanter Schwerwasserreaktor
Buschehr : Atomkraftwerk, im Mai 2011 nach mehrfachen Terminverschiebungen in Betrieb genommen - zunächst zu Testzwecken. Im September 2011 ging der Reaktor in Regelbetrieb, allerdings noch nicht auf voller Leistung
Isfahan : Forschungsreaktor
Jasd: Uranminen
Natans : Anlage zur Urananreicherung, angeblich mit 6000 Zentrifugen in Betrieb. Im Herbst 2009 gab Iran bekannt, nahe der Stadt Ghom eine zweite Anlage zur Urananreicherung zu besitzen.
Teheran : Forschungsreaktor
Geschichte
1974: Unter Beteiligung von Siemens beginnt bei Buschehr der Bau eines Kernkraftwerks.
1979: Nach der Revolution und der Ausrufung der Islamischen Republik wird das Atomprogramm nicht weiter betrieben.
1980-1988: Im Irak-Iran-Krieg wird der Atomreaktor in Buschehr mehrfach bombardiert und dabei schwer beschädigt.
Neunziger Jahre: Deals auf dem Schwarzmarkt mit Abdul Qadir Khan , Pakistans "Vater der Atombombe"
1995: Abkommen mit Russland zum Wiederaufbau des Atomreaktors von Buschehr
2002: Iranische Oppositionelle im Exil berichten über ein geheimes Atomprogramm.
2003: Iran unterzeichnet das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag (bislang aber nicht vom Parlament ratifiziert).
2006: Der Uno-Sicherheitsrat verlangt in seiner Resolution 1696 erstmals den Stopp der Urananreicherung .
Juli 2008: Iran droht bei einem Angriff auf seine Atomanlagen mit militärischen Gegenschlägen. Das Regime testet Schahab-3-Raketen, die auch Ziele in Israel erreichen könnten.
November 2008: Iran hat nach eigenen Angaben die Zahl seiner für die Urananreicherung benötigten Zentrifugen auf 5000 erhöht.
Juni 2009: Iran hat laut Internationaler Atomenergiebehörde IAEA weitere tausend Gaszentrifugen im Atomzentrum Natans in Betrieb genommen und bisher knapp 1,4 Tonnen niedrig angereichertes Uran produziert.
Mai 2010: Nach Verhandlungen mit dem brasilianischen Präsidenten Lula und dem türkischen Regierungschef Erdogan erklärt sich Iran bereit, schwach angereichertes Uran im Ausland zu tauschen. Wenig später kündigt Teheran an, an der umstrittenen Urananreicherung auf 20 Prozent festhalten zu wollen.
Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat, die EU und die USA beschließen neue Sanktionen gegen Teheran. US-Präsident Obama spricht von den bisher härtesten Sanktionen überhaupt - doch Beobachter bleiben skeptisch, ob die Strafmaßnahmen Erfolg bringen.
Sanktionen
REUTERS
Uno-Sanktionen: Verbot von Waffen- und Nuklearhandel, Einfrieren von Konten, Reisebeschränkungen, verhängt in Resolution 1737 (23.12.2006), Resolution 1747 (24.03.2007), Resolution 1803 (03.03.2008)

Sanktionen der USA: Vollständiger Handels- und Investitionsboykott, beruhend auf Executive Order 12959 von 1995, neue Sanktionen im Juni 2010

Sanktionen der EU: Einschränkungen für Handel und Investitionen, Einfrieren von Vermögen, Reisebeschränkungen, beruhend auf Verordnung (EG) Nr. 423/2007 des Rates (19.04.2007)

Nahost
dpa
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad erklärt, das israelische "Besatzungsregime" müsse "aus den Annalen der Geschichte verschwinden".
Israelische Politiker, darunter auch Kabinettsmitglieder, sprechen sich für präventive Militärschläge gegen Iran aus.
Personen
Said Dschalili , Atomunterhändler seit Oktober 2007
Yukiya Amano , Generaldirektor der IAEA
Der Verhandlungspoker um die Urananreicherung
Oktober 2009: Vertreter Irans, Deutschlands und der fünf Vetomächte im Sicherheitsrat kommen zu Atom-Gesprächen in Genf zusammen.
November 2009: Die IAEA kritisiert in einer Resolution die jahrelang geheim gehaltene iranische Urananreicherungsanlage bei Ghom. Teheran reagiert mit der Ankündigung, zehn neue Uran-Anlagen zu bauen.
Dezember 2009: Iran testet die Mittelstreckenrakete Sedschil 2. Diese habe größere Zielgenauigkeit als das Vorgängermodell Schahab 3.
2. Februar 2010: Ahmadinedschad zeigt sich bereit, auf einen Vorschlag der IAEA einzugehen, der eine Anreicherung iranischen Urans auf 20 Prozent im Ausland vorsieht. Wenige Tage später rudert er wieder zurück.
7. Februar 2010: Iran verkündet, man habe niedrig angereichertes Uran von 3,5 auf 20 Prozent gebracht und sei in der Lage, es auf 80 Prozent anzureichern. Damit könnten Atomwaffen hergestellt werden.
11. Februar 2010: US-Präsident Barack Obama kündigt als Reaktion umfangreiche neue Sanktionen gegen Iran an.
1. April 2010: Nach langem Widerstand gegen neue Sanktionen ist China bereit, sich an den Verhandlungen über den Text einer verschärften Uno-Resolution zu beteiligen.
25. April 2010: Zur Abwehr neuer Sanktionen besucht Irans Außenminister Manutschehr Mottaki Österreich. Gespräche mit dem Chef der IAEA, Yukija Amano, und Österreichs Außenminister Michael Spindelegger bringen jedoch keinen Durchbruch.
17. Mai 2010: Nach Verhandlungen mit Brasilien und der Türkei lenkt Iran ein und will Uran im Ausland anreichern lassen. Doch die internationale Gemeinschaft reagiert skeptisch auf die Ankündigung.
9. Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat beschließt schärfere Sanktionen gegen Iran. Sie beinhalten weitere Hürden für die iranische Finanzbranche und eine Ausweitung des Waffenembargos. Auch die USA und die EU setzen schärfere Maßnahmen gegen Iran in Kraft.
Januar 2011: Die Atomgespräche zwischen Iran und den westlichen Mächten in Istanbul scheitern. Teheran hatte weiterhin "ein Recht auf Urananreicherung" gefordert.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: