Ahmadinedschads Welt Die Kunst des Märtyrertods

Die Welt fürchtet sich vor Mahmud Ahmadinedschad. Was treibt den iranischen Präsidenten an, was bestimmt sein Denken? Der Politologe Matthias Küntzel analysiert in einer vierteiligen Serie die Rolle seiner wichtigsten Unterstützer: die Bassidsch-Miliz, die für den Märtyrertod wirbt.


Hamburg - In seinem Brief an US-Präsident George W. Bush präsentiert sich Mahmud Ahmadinedschad als ein Anwalt der Entrechteten und als Sprecher der Dritten Welt: Er geißelt die Kriegsführung der Amerikaner im Irak, beschwört die Werte in der Tradition von Jesus Christus und fragt: "Wie lange noch wird das Blut unschuldiger Kinder vergossen?"

Den Einsatz iranischer Kinder im Krieg gegen den Irak (1980-1988) erwähnte der iranische Präsident nicht. Damals regelte ein iranisches Gesetz, dass Kinder ab zwölf Jahren auch gegen den Willen ihrer Eltern auf die Minenfelder durften. Vor jedem Einsatz wurde ihnen ein kleiner Plastikschlüssel um den Hals gehängt, der ihnen, so die Zusicherung, die Pforte zum Paradies öffnen werde. 500.000 dieser Schlüssel hatte das Regime aus Taiwan importiert.

"Früher sah man freiwillige Kinder, vierzehn-, fünfzehn-, sechzehnjährige", schrieb die halbamtliche iranische Tageszeitung "Ettela'at". "Sie gingen über Minenfelder. Ihre Augen sahen nichts, ihre Ohren hörten nichts. Und wenige Augenblicke später sah man Staubwolken aufsteigen. Als sich der Staub wieder gelegt hatte, war nichts mehr von ihnen zu sehen. Irgendwo, weit entfernt in der Landschaft, lagen Fetzen von verbranntem Fleisch und Knochenteile herum." Derartige Szenen würden nunmehr vermieden, versicherte "Ettela'at": "Vor dem Betreten der Minenfelder hüllen sich die Kinder jetzt in Decken ein und rollen auf dem Boden, damit ihre Körperteile nach der Detonation der Minen nicht auseinanderfallen und man sie zu den Gräbern tragen kann."

Die Kinder, die sich so in den Tod rollten, gehörten der 1979 von Ajatollah Chomeini ins Leben gerufenen Massenbewegung der Bassidsch an. Die "Bassidsch-e Mostasafan" ("die Mobilisierten der Unterdrückten") waren kurzfristig rekrutierte Milizionäre. Die meisten von ihnen waren noch keine 18 Jahre alt. Sie zogen zu Tausenden und mit Begeisterung in ihr Verderben. "Die jungen Männer räumten mit ihren eigenen Körpern die Minen", erzählte im Frühjahr 2002 ein Kriegsveteran, "es war zum Teil wie ein Wettrennen, ohne Befehl der Kommandeure, jeder wollte der erste sein".

Wenig Interesse für die Bassidsch

Die westlichen Medien legten für die Bassidsch wenig Interesse an den Tag: Sei es, weil Journalisten beim Kriegsgeschehen nicht dabei sein durften, sei es, weil man den Berichten nicht glaubte. Dabei ist es bis heute geblieben. Der Giftgas-Angriff Saddam Husseins auf die Kurden von Halabdscha mit 5000 Toten hat sich in unserem Gedächtnis erhalten. Über die Kinder der Minenfelder ging die Geschichte hinweg.

Heute aber tritt Ahmadinedschad öffentlich in Bassidsch-Uniform auf. Mit ihm eroberte die Generation der Teilnehmer jenes Krieges die Macht im Land. Es war die Bassidsch der Gegenwart, die Ahmadinedschads Wahlkampagne geprägt und ihn im Sommer 2005 auf ihren Schultern ins Präsidentenamt getragen hatten. Der Sieger zeigte sich erkenntlich: Im Herbst 2005 rief der neue Präsident zur "Bassidsch-Woche" auf. Nach einem Bericht der Zeitung "Kayan" kamen neun Millionen Bassidsch, die "eine Menschenkette über eine Entfernung von 8700 Kilometern bildeten (...). Allein in Teheran waren 1.250.000 Menschen auf der Straße." Ahmadinedschad rühmte in seiner Ansprache die "Bassidsch-Kultur" und die "Bassidsch-Macht", mit der Iran heute "auf der internationalen und weltdiplomatischen Ebene präsent" sei.

Der Vorsitzende des Wächterrates, Ajatollah Ahmad Jannati, stellte selbst die Fortschritte des iranischen Atomprogramms als den Erfolg jener Menschen dar, "die der Bassidsch-Bewegung dienen und eine Bassidsch-Psyche und Bassidsch-Kultur besitzen".

Seit Ahmadinedschads Amtsantritt wird die Opferung der Bassidsch-Kinder im Krieg gegen den Irak mehr denn je gefeiert. Bereits in einer seiner ersten Fernsehansprachen schwärmte der Präsident: "Gibt es Kunst, die schöner, göttlicher und ewiger wäre als die Kunst des Märtyrertods?"

Das Ursprungsverbrechen des politischen Islam

Revolutionsführer Ali Chamenei pries den Krieg gegen den Irak angesichts der Furchtlosigkeit der Bassidsch gar als den Prototyp künftiger Auseinandersetzungen an. Schon deshalb sollten wir uns für deren Geschichte interessieren. Doch es gibt noch einen zweiten Grund: Der Kriegseinsatz der Bassidsch ist das Ursprungsverbrechen des politischen Islam: Hier hat der Kult des religiös motivierten Selbstmordattentats seinen Anfangspunkt. Wenn wir verstehen wollen, warum heute im palästinensischen Parlament eine Frau sitzt, die dafür verehrt wird, drei ihrer fünf Söhne in den Tod gejagt zu haben, wenn wir wissen wollen, warum sich auch heute noch über 50.000 junge Iraner für Selbstmordattentate bewerben, dann kommt man an den Bassidsch nicht vorbei. Die erste Station unserer Reise in eine fremde Welt führt uns auf die Schlachtfelder des iranisch-irakischen Kriegs.

1980 bezeichnete Chomeini den irakischen Angriff auf Iran als ein Geschenk des Himmels. Dieser Krieg bot ihm den willkommenen Vorwand, die Gesellschaft und den Staatsapparat Irans zu islamisieren.

Seit der Revolution von Februar 1979 hatte Chomeini die irakischen Schiiten unentwegt aufgerufen, "sich gegen den verbrecherischen Mörder Saddam und seine Sippe zu erheben". Iranische Untergrundorganisationen erhielten Geld aus Teheran und iranische Radiosender wurden zu Propagandazwecken nahe der iranischen Grenze stationiert. Im September 1980 antwortete der Irak mit einem Einmarsch in Iran. Chomeini konnte in dieser Situation auf die regulären, vom Schah aufgebauten Streitkräfte nicht verzichten. Doch suchte er ihren Einfluss zu mindern: Binnen kürzester Frist wurden die Chomeini fanatisch ergebenen Revolutionsgarden (Pasdaran) zu einer eigenständigen Armee inklusive Marine und Luftwaffe ausgebaut. Gleichzeitig wurde der Aufbau der Volksmiliz der Bassidsch forciert.

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