ai-Bericht zu Syrien Foltermorde in Assads Gefängnissen

Ihre Leichen wiesen Verbrennungen auf, Spuren von Elektroschocks, Stichwunden: Seit Beginn des Protests gegen Assad sind 88 Demonstranten in syrischen Gefängnissen umgekommen, berichtet Amnesty International - viele nach Folter und Misshandlungen. Das jüngste Opfer war 13 Jahre alt.

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DPA/ Shaam New Network

Die Sicherheitskräfte von Syriens Präsident Baschar al-Assad gehen nicht nur auf der Straße mit harter Gewalt gegen Demonstranten vor - offenbar foltern sie in Gefängnissen politische Gefangene bis zum Tod.

Laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International sind mindestens 88 Demonstranten, die seit Beginn der Proteste in Syrien verhaftet wurden, im Gefängnis gestorben. In mehr als der Hälfte der Fälle gebe es Beweise, dass Folter oder andere Formen der Misshandlung zum Tod geführt oder beigetragen haben.

"Die Todesfälle hinter Gittern haben ein massives Ausmaß angenommen", sagt Neil Sammonds, Syrien-Experte bei Amnesty International. "Die Berichte über Folterungen, die wir bekommen haben, sind erschreckend. Wir glauben, dass die syrische Regierung systematisch gegen das eigene Volk vorgeht."

Die Organisation hat die Fälle recherchiert und schockierende Details zusammengetragen. Zehn der Opfer waren noch Jugendliche, der jüngste soll gerade einmal 13 Jahre alt sein. Bei jedem zweiten der 88 Fälle gab es Videoaufnahmen der Leichen. Laut Zeugenaussagen und Videoaufnahmen weisen die Leichen Verbrennungen auf, Verletzungen durch stumpfe Gewalteinwirkung, Stichwunden und Schussverletzungen. In zehn Fällen gebe es klare Hinweise auf Elektroschocks, in zwei der Fälle auch an den Genitalien.

Die meisten Verhafteten seien abgeschirmt eingesperrt gewesen, ohne Kontakt zu Angehörigen. Familien erfuhren erst von der Verhaftung, als sie aufgefordert wurden, die Körper aus der Leichenhalle abzuholen.

Videos der Leichen ausgewertet

Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben kaum - auch die Menschenrechtsorganisation muss sich zu einem großen Teil auf die Angaben von Oppositionellen verlassen. Sie ist selbst seit mehr als einem Jahr aus Syrien ausgesperrt, wie seit einigen Monaten auch internationale Journalisten. Doch Amnesty hat Videos ausgewertet, die die misshandelten Körper zeigen, mit Pathologen gesprochen, geflohene Syrer in der Türkei und im Libanon interviewt, mit Angehörigen der Toten in Syrien telefoniert. Die Fälle bieten einen Einblick in die brutale Niederschlagung der Protestbewegung in Syrien. Einige der Fälle, wie sie Amnesty International rekonstruiert hat:

  • Tariq Ziad Abd al-Qadr, ein 27-Jähriger aus der Protesthochburg Homs, verschwand laut Amnesty am 29. April während einer Demonstration gegen Assad. Erst mehr als sechs Wochen später, am 16. Juni, wurde der Leichnam der Familie zurückgegeben: Der Körper zeigt Verbrennungen an Händen, Beinen, Fuß, Stichwunden im Rumpf, ein Zigarettenbrandmal auf der Schulter.
  • Sakher Hallak, 43 Jahre alter Arzt, wurde am Abend des 25. Mai entführt, laut einem Familienmitglied von der Shabiha-Miliz, einer vom Regime tolerierten Gruppe. Hallak wurde ins Gefängnis gebracht, drei Tage später erhielt die Familie einen Anruf, dass eine Leiche gefunden worden sei. Die offizielle Todesursache: Sauerstoffmangel durch Erhängen. Laut Amnesty zeigte seine Leiche auch gebrochene Rippen, Finger, Arme sowie verstümmelte Genitalien.
  • Der 72 Jahre alte Mahmoud Abld al-Rahman al-Zu'bi verschwand am 29. April, als bei einer Protestaktion in der Stadt Dera'a Hunderte festgenommen wurden. In Videoaufnahmen sind tiefe Wunden im Kopf des alten Mannes zu sehen.
  • Hamza Ali al-Khateeb, 13 Jahre alt, verschwand ebenfalls am 29. April in Dera'a. Vier Wochen hörte die Familie nichts, bekam erst am 24. Mai einen Anruf, der Leichnam sei in einem nahegelegenen Krankenhaus. In dem Video, das die Leiche des 13-Jährigen zeigen soll, sind tiefe Wunden an Gesicht, Kopf und Rücken zu sehen. Laut einer Zeugenaussage, so Amnesty, sollen auch die Genitalien des Jungen verstümmelt seien, das ist auf den Bildern jedoch nicht zu sehen.

Der Tod des Jungen hatte Ende Mai zu Protesten geführt. Eine offizielle Untersuchung kam zu dem Schluss, er sei durch Schüsse gestorben und weise keinerlei Spuren von Folter am Körper auf. Nur ein anderer der 88 Fälle wurde ebenfalls von den syrischen Behörden untersucht.

Zuletzt stieg die Zahl der Todesfälle hinter Gittern stark an

Die Menschenrechtsorganisation beklagt seit langem Todesfälle in Haft in Syrien - doch seit die Protestwelle im Frühjahr losbrach, sind die Zahlen offenbar stark angestiegen. In den vergangenen Jahren stellte Amnesty International pro Jahr rund fünf Todesfälle hinter Gittern fest. Die 88 Fälle, die nun dokumentiert sind, ereigneten sich in weniger als fünf Monaten, zwischen Anfang April und Mitte August.

Die Shabiha-Milizen, die den Arzt Sakher Hallak aus Aleppo entführt haben sollen, sind offenbar besonders rücksichtslos. Ein übergelaufener Offizier berichtete nun der Website "Lebanon Now", dass die Milizen die zentrale Rolle beim Niederschlagen der Proteste spielten. Kriminelle seien aus dem Gefängnis entlassen worden, um in den Reihen der Shabiha die Demonstranten zu bekämpfen.

Soldaten, die sich weigern auf Demonstranten zu feuern, würden nach den Aussagen des namentlich nicht genannten Offiziers erschossen. "Es gibt Hinrichtungen in den Militärgefängnissen", sagte er. "Andere Soldaten, die sich weigern, werden direkt während der Demonstration erschossen - als Exempel für andere, und um es so aussehen zu lassen, als ob die Demonstranten bewaffnet wären."

Als Exempel wertet Amnesty International auch den verheerenden Zustand vieler Leichen aus den Gefängnissen - das Regime wolle so Demonstranten abschrecken, heißt es im Bericht. Die Organisation spricht von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, und fordert die Ankläger des Internationalen Strafgerichtshofs auf, gegen Syriens Machthaber zu ermitteln. Insgesamt sind nach Schätzungen seit Beginn der Proteste mehr als 2000 Syrer gestorben.

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uinen_osse 30.08.2011
1. Werden wir weichgekocht
um endlich mal Ja zum nächstenn Kriegseinsatz zu sagen oder sollen wir schon vorbeugend die Augen schließen wenn die Nato ein neues Land zubombt? Allmählich bin ich es leid - es kann doch nicht sein dass die westlichen Staaten wie ein bis an die Zähne bewaffneter Wanderzirkus von einem arabischen Staat in den nächsten ziehen, ihre Bomben werfen und dann den nächsten Gegner suchen. Die Rüstungsindusterie muss doch schon high sein bei diesen Gewinnen. Natürlich müssen Oppositionsparteien und Oppositionelle die friedliche Ziele haben unterstützt werden. Aber es muss doch andere Möglichkeiten geben als einen Teppich der Zerstörung über den gesamten arabischen Sprachraum zu legen. Mit mir nicht - ich werde keine Partei wählen die eine militärische Beteiligung an derartigen kriegerischen Einsätzen (sprich: Kriegen!) forciert oder fordert. Basta!
henniman 30.08.2011
2. Achtung, die Propagandmaschine läuft wieder
Jetzt soll Syrien dran sein. Man glaubt, mit dem libyschen Plot nochmal durchzukommen. Dabei stinkt dieser schon an allen Enden. Bitte vorbereiten: Heute wird es 8-10 Artikel zu Assad und Syrien geben, alle voll mit unbewiesenen Behauptungen à la 'soll' und 'mutmaßlich'. Alle voll von angeblichen Grausamkeiten. Man will Eure Zustimmung zum nächsten Überfall. Algerien tauchte heute auch schon im Spiegel auf, ebenfalls ein Kandidat. Auch dort herrscht angeblich ein 'Regime' statt einer 'Regierung', an der Spitze heute noch mit einem Präsidenten, aber schon morgen kann er 'Despot' oder 'Tyrann' heißen. Man achte immer auf die Wortwahl. Die Namen aller dies verfassenden 'Journalisten' werden gesammelt.
aljoschu 30.08.2011
3. Damals und heute
Die Welt ist schockiert und empört über die grässlichen Menschenrechtsverletzungen und die Folter durch das Regime Assad - zu Recht! Aber: Hat nicht dasselbe Regime Assad, so wie das von Mubarak in Ägypten, beim Kampf gegen die Feinde Amerikas (und Europas) die heimliche Drecksarbeit in ihren Gefängnissen geleistet? Haben damals nicht deren Geheimdienste eng mit den Geheimdiensten der USA kooperiert. Wer hat damals wen ausgebildet - im Folterhandwerk? - Und wer hat das blutige Handwerk verrichtet und wer stand dabei und hat zugeschaut? Und hat Anweisungen gegeben? Ging es dabei nicht genau darum, die weiße Weste des vormaligen Präsidenten Bush sauber zu halten, der doch die Schweinereien angegeordnet hatte. Damals wurde doch genauso bestialisch gefoltert - auf Geheiß des Westens. Ja, die Empörung ist gerechtfertigt. Aber warum blieb sie damals weitgehend aus? - Und warum ist sie heute angesagt? Viele sind gewiss tief schockiert über die Ereignisse dort. Aber nicht wenige geben nur vor, schockiert zu sein. Vor denen müssen wir uns in Acht nehmen.
Steff-for 31.08.2011
4. Und....
Und ich wette.... auch solche Nachrichten gehen in der wirtschaftlichen Nabelschau in Europa unter! Und notfalls hilft einem auch die Sportschau oder VerblödungsTV über den Blutgeschmack in der Luft hinweg. Wann findet sich endlich eine Lösung, das Monster Assad schnellstmöglich auszuschalten? Jeder verlogen hinausgezögerte Tag bedeutet für viele Menschen dort unendliches Leid und Ungerechtigkeit! Steff (Ach.... Westerwelle sollte sich da mal raushalten!)
kulinux 31.08.2011
5. Na sowas! In Syrien wird gefoltert??
Das muss den deutschen Behördenvertretern, die den deutschen Staatsbürger M. Zammar dort verhört haben, der da seit 2001 gefangen gehalten wird, vollständig entgangen sein … und der deutschen Presse auch? Oder vielleicht doch nicht …? Was für eine Heuchelei!!
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