Airbus-Absturz in Ägypten Die rätselhafte Rolle des "Islamischen Staats"

Die Flugkatastrophe im Sinai bleibt rätselhaft. Ist das Bekennerschreiben des IS authentisch? Konnten Terroristen eine Bombe an Bord schmuggeln? Was wir wissen - und was nicht.

AFP

Von


Die ägyptischen Rettungskräfte hatten gerade erst das Wrack des abgestürzten Airbus A321 erreicht, da meldete sich schon die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) zu Wort. Via Twitter übernahm die "Provinz Sinai" des selbsternannten Kalifats die Verantwortung für den Absturz des Flugzeugs der russischen Fluggesellschaft Kogalymawia, das auf dem Weg von Scharm al-Scheich nach St. Petersburg war. "Soldaten des Kalifats" hätten mehr als 220 "russische Kreuzzügler" getötet - eine Vergeltung für die russischen Luftangriffe in Syrien, bei denen täglich Dutzende Menschen sterben müssten.

Das Bekennerschreiben gleicht in Wortwahl und Layout den Verlautbarungen, die der IS in den sozialen Netzwerken verbreitet. Wenig später veröffentlichte al-Bayan, der im irakischen Mossul ansässige Radiosender der Dschihadisten, eine Audiobotschaft, in der sich der IS ebenfalls damit brüstete, den Flugzeugabsturz verursacht zu haben.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil der IS bislang nicht dafür bekannt ist, dass er sich zu Anschlägen bekennt, die er nicht begangen hat. Sollte das in diesem Fall anders sein, wäre es für die Dschihadisten riskant. Denn wenn sich herausstellt, dass die Maschine auf Grund technischen oder menschlichen Versagens abstürzte, wäre die Terrororganisation der Lüge überführt. Das würde dem Ansehen des IS innerhalb der dschihadistischen Szene massiv schaden.

Flugzeug war außerhalb der Reichweite von Manpads

Das Bekennerschreiben offenbart allerdings keinerlei Insiderwissen. Die Dschihadisten sagen weder, ob sie das Flugzeug mit einer Rakete abgeschossen haben, noch, ob sie eine Bombe an Bord schmuggelten, die dann über dem Sinai explodierte.

Die Terrororganisation Ansar Bait al-Makdis, die sich vor einem Jahr dem IS angeschlossen hat, ist seit 2011 im Nordsinai aktiv. Die Miliz verfügt auch über Luftabwehrraketen, sogenannte Manpads. Damit schossen IS-Kämpfer im vergangenen Jahr einen Hubschrauber der ägyptischen Armee ab.

Karte des Unglücksorts: Unzugängliches Terrain
Google Maps

Karte des Unglücksorts: Unzugängliches Terrain

Bereits 2013 schloss Israel kurzzeitig den Flughafen im Badeort Eilat am Roten Meer. Die Armee hatte Hinweise erhalten, dass Dschihadisten vom Sinai aus Raketen auf startende oder landende Jets feuern könnten.

Doch nach Einschätzung von Sicherheitsexperten sind die Waffen des IS nur in der Lage, niedrigfliegende Flugzeuge oder Helikopter anzugreifen. Die Kogalymawia-Maschine war hingegen in einer Höhe von 33.500 Fuß unterwegs, als sie plötzlich abstürzte. In mehr als 10.000 Meter Höhe befand sich das Flugzeug außerhalb der Reichweite von sogenannten Manpads.

Bleibt die Möglichkeit einer Bombe oder eines Selbstmordattentäters an Bord. Für diese Theorie spricht die Tatsache, dass der Kontakt zum Flugzeug abriss, ohne dass die Piloten vorher Probleme meldeten oder gar einen Notruf absetzten. Außerdem zerbrach der Airbus offenbar in großer Höhe. Die Trümmerteile sind auf einer Fläche von etwa 20 Quadratkilometern verstreut.

Ägypten will Terrorverdacht aus der Welt schaffen

Die Airline hat einen technischen Fehler oder menschliches Versagen als Unglücksursache ausgeschlossen. "Das Flugzeug war in exzellentem Zustand", sagte Kogalymawia-Chef Alexander Smirnow. Ein "äußerer Einfluss" müsse den Absturz herbeigeführt haben.

Bei der Aufklärung gibt es durchaus gegenläufige Interessen: Ägypten etwa unternimmt alles, um den Terrorverdacht aus der Welt zu schaffen. Beamte hatten Gerüchte gestreut, das Flugzeug habe technische Probleme gehabt und der Pilot um eine Notlandung gebeten. Diese Angaben haben sich inzwischen als falsch erwiesen. Für die ohnehin angeschlagene Tourismusbranche in der Ägypten wäre ein Terroranschlag als Absturzursache eine Katastrophe.

Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow sagte am Montagvormittag, derzeit könne keine Theorie ausgeschlossen werden. Am Samstag hatte die russische Regierung noch erklärt, es deute nichts daraufhin, dass die Maschine abgeschossen wurde. Ministerpräsident Dmitrij Medwedew fordert eine detaillierte Prüfung des Vorfalls, russische Experten sind vor Ort.

Die Untersuchung des Flugdatenschreibers und des Stimmenrekorders aus dem Cockpit läuft.

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.