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"Islamischer Staat" auf dem Sinai: Ägyptens gefährlichste Terrorgruppe

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IS in Ägypten: Terror auf der Touri-Halbinsel Fotos
AFP

Es wäre der erste Anschlag des "Islamischen Staats" auf ein Passagierflugzeug: Die Terrorgruppe behauptet, hinter dem Airbus-Absturz auf dem Sinai zu stecken. Sollte das stimmen, hätten die Dschihadisten gleich zwei Ziele erreicht.

Der "Islamische Staat" (IS) auf dem Sinai hält daran fest, für den Absturz des russischen Passagierflugzeugs verantwortlich zu sein. In einer erneuten Audiobotschaft behauptete die Terrorgruppe, das Flugzeug "heruntergeholt" zu haben. Details wolle sie vorerst nicht verraten.

Bereits wenige Stunden nach dem Absturz hatte die Gruppe eine Bekenner-Audiobotschaft veröffentlicht. Westliche Regierungen haben inzwischen eingeräumt, dass der IS durchaus hinter dem Absturz stecken könnte. Doch sicher ist dies bisher nicht. Die Untersuchungen des Unglücks dauern noch an.

Die Gruppe ist in Ägypten berüchtigt, gilt als gefährlichste Terrororganisation des Landes. Allein in den vergangenen Monaten wurde Ägypten bereits durch mehrere schwere Anschläge erschüttert:

  • Im Juni wurde der ägyptische Generalstaatsanwalt Hischam Barakat trotz hoher Sicherheitsvorkehrungen mitten in Kairo durch eine Autobombe getötet. Der IS auf dem Sinai hatte kurz zuvor zu Anschlägen gegen die ägyptische Justiz aufgerufen.

  • Im Juli führte die Gruppe einen Anschlag auf das italienische Konsulat in Kairo durch. Auf dem Sinai koordinierte sie eine Serie von Angriffen auf die ägyptische Armee, bei der über 100 Menschen getötet wurden.

  • Im August ermordete die Gruppe einen kroatischen Ingenieur, der in Ägypten gearbeitet hatte. Zudem verübte sie einen Bombenanschlag in Kairo auf das Gebäude der Staatssicherheit und auf ein Gericht in einem Vorort der Hauptstadt.

Auf dem Sinai soll die Organisation inzwischen bis zu 1500 Kämpfer zählen - eine Mischung aus Radikalislamisten und einheimischen Beduinen, die von Kairo seit Langem ausgegrenzt werden.

Altbekannte Gruppe, neuer Name

Die Gruppe ist nicht neu, nur ihr Name ist es. "Wilayat Sinai", also die "Provinz Sinai" des IS heißt sie erst, seit sie im November 2014 dem IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi die Treue geschworen hat. Davor trat sie ab 2011 als "Ansar Bait al-Makdis" in Erscheinung, also "die Unterstützer des Heiligen Hauses" - gemeint ist Jerusalem.

Dem ursprünglichen Namen entsprechend hatte sich die Gruppe lange auf israelische Ziele konzentriert. So sabotierte sie mehrmals Gasleitungen zwischen Ägypten und Israel. Im September 2012 gelang es drei Mitgliedern, die Grenze mit Israel zu überqueren und einen israelischen Soldaten zu ermorden. Mehrmals feuerte sie Raketen auf den israelischen Badeort Eilat ab.

Seit dem Sturz des Islamisten Mohamed Morsi als Präsident Ägyptens 2013 ist der Konflikt zwischen Kairo und Aufständischen, aber auch Radikalislamisten, auf dem Sinai wieder aufgeflammt. "Ansar Bait al-Makdis" hatte sich daraufhin zunehmend auf ägyptische Ziele konzentriert: Soldaten, Sicherheitskräfte und andere Menschen, die die Gruppe für Vertreter der ägyptischen Staatsmacht hielt.

Für die Gruppe wäre der Absturz ein doppelter "Erfolg"

Inzwischen nimmt die Gruppe offenbar auch immer häufiger Ausländer ins Visier: Im Februar 2014 wurden erstmals wieder seit Langem auf dem Sinai ausländische Touristen ermordet: Bei einem Anschlag auf einen Reisebus starben drei Südkoreaner.

Es ist möglich, dass die Gruppe den Flughafen auf dem Sinai infiltrieren und so eine Bombe an Bord des russischen Flugzeugs platzieren konnte. Doch solange keine gesicherten Erkenntnisse über die Absturzursache vorliegen, bleibt dies Spekulation. Allerdings vermuten inzwischen auch britische Ermittler den IS hinter der Flugkatastrophe. Russland hält sich noch bedeckt.

Sollte tatsächlich die "IS-Sinai-Provinz" für den Absturz verantwortlich sein, wäre dies ein großer Erfolg für die Gruppe, von dem sie doppelt profitieren könnte:

  • Es wäre ihr gelungen, dem verhassten Russland einen empfindlichen Schlag zu versetzen.
  • Gleichzeitig wäre ein solches Attentat ein erheblicher Angriff auf die Wirtschaft im ägyptischen Staat. Denn sollte sich die Bombentheorie bestätigen, hätte dies wohl Folgen für den wichtigen Tourismus-Sektor.

Schon jetzt meiden viele Reiseunternehmen die Sinai-Halbinsel. Und beim Tourismus verdient der Staat in Ägypten normalerweise kräftig mit.

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