Burschenschaftsball in Wien Rechts tanzt, Links demonstriert

Die Burschenschaften tanzen in der Wiener Hofburg und feiern ihren alljährlichen Ball, drum herum demonstrieren Tausende Menschen. Die Nacht von Freitag auf Samstag zeigt, wie gespalten die Gesellschaft in Österreich ist.

DPA/ FPÖ/ Robert Lizar

Von , Wien


Vor der Universität Wien, am Schottentor, steht eine Gruppe älterer Damen mit roten Mützen. Sie tragen Schals und dicke Jacken und Mäntel, sie singen und halten Schilder in die Höhe. "Omas gegen rechts" steht darauf. Sie haben in einer Facebookgruppe zusammengefunden, jetzt wollen sie gegen den "Akademikerball" demonstrieren, den alljährlichen Ball der Burschenschaften in Österreich.

Bis zur Hofburg wollen sie gehen, Sitz des österreichischen Präsidenten. Ausgerechnet dort, im repräsentativsten Gebäude der Republik Österreich, treffen sich die Rechten aus dem ganze Land, aber auch aus dem europäischen Ausland, alle, die Rang und Namen haben, und halten am Freitagabend ihren alljährlichen Ball ab: junge und alte Männer mit Kappen, Schärpen, Ehrenbändern und ihren Partnerinnen im Abendkleid. Mit FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache ist diesmal der Vizekanzler Ehrengast des Abends.

10.000 Menschen demonstrieren

Das, sagt Bernhard Weidinger vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, im Radiosender Ö1, sei "der letzte Schritt zur Bekräftigung der Salonfähigkeit der völkischen Verbindungen in der österreichischen Gesellschaft". Der Ball, der immer am letzten Freitag im Januar stattfindet, ist jedes Jahr umstritten und von Demonstrationen begleitet, aber diesmal ist der Protest besonders groß.

Im Video: Proteste in Wien

Schätzungsweise 10.000 Menschen sind auf der Straße: Studenten, Feministinnen, Gewerkschafter, Aktivisten, Antifaschisten, aber auch Leute, die sich als "ansonsten eher unpolitisch" bezeichnen. "Bei uns sind wieder Politiker an der Macht, die bis ins rechtsextreme Lager hineinreichen. Das darf doch nicht sein!", sagt eine der Omas, als sie am Burgtheater vorbeispazieren.

Im Internet verbreitet sich am Abend ein Tweet von Edwin Hintsteiner, Chef der Salzburger Identitären: "Wenn man länger lebt, als man nützlich ist und vor lauter Feminismus nie Stricken lernte. Meine Oma schämt sich für euch", schreibt der Rechtsextremist auf Twitter an die "Omas gegen rechts". Der Tweet zeigt, wie gespalten die österreichische Gesellschaft heute ist: Die Fronten zwischen Rechts und Links sind verhärtet, und immer wieder lugt eine menschenverachtende Fratze unter der braunen Decke hervor.

Anfang der Woche deckte die Wochenzeitung "Falter" auf, dass die Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt ein Liederbuch mit neonazistischen und antisemitischen Inhalten genutzt hat. Auch FPÖ-Chef Strache ist in Erklärungsnot geraten, weil er im Sommer ein Fest besucht hat, bei dem auch diese Burschenschaft geehrt wurde.

Der Versuch, sich von Rechtsextremisten zu distanzieren

Am Abend, kurz vor Beginn des Balls, sagt Strache deshalb: "Die Verantwortung und das Gedenken an die Opfer des Holocaust sind uns Verpflichtung und Verantwortung in der Gegenwart und für kommende Generationen. Wer das anders sieht, soll aufstehen und gehen. Er ist bei uns nicht willkommen." Antisemiten werde er beim Ball die Tür weisen. Es ist der Versuch, sich von Rechtsextremisten zu distanzieren. Das Fest in der Hofburg hingegen sei ein "traditioneller, friedlicher Ball, wo sich Menschen zum Tanzen treffen". Dass die Ballgäste "von Linksextremisten bespuckt oder mit Steinen oder Eiern beworfen" würden, sei inakzeptabel.

Später, in seiner Rede, räumt er Berichten zufolge ein, Vorwürfe gegen die Burschenschaften seien "da und dort leider auch berechtigt", etwa wenn es um "widerliche Liedtexte geht". Aber wenn das genutzt werde, um das gesamte burschenschaftliche Lager zu diffamieren, "dann ist das unredlich. Wir sind Demokraten in jeder Hinsicht." Journalisten sind beim Ball nicht zugelassen, und Ballteilnehmer müssen einwilligen, dass sie Fotos und Videos nur mit Einverständnis der Organisatoren machen.

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Proteste in Wien: Omas gegen rechts

Ansonsten herrscht Sorge vor Gewalt, aber auch vor aufsehenerregenden Aktionen. Die Burschenschaft Hysteria, in Wahrheit ein feministisches Satireprojekt, hat eine "Mitternachtseinlage" angekündigt, weshalb die Veranstalter die Sicherheitsmaßnahmen verstärkten und Kameras mit Gesichtserkennung installieren ließen. Hysteria besteht nur aus Frauen, kopiert die Rituale von Burschenschaften und fordert das Matriarchat, den "Schutz der Männer" sowie eine Einschränkung des Männerwahlrechts.

Doch die Proteste verlaufen friedlich und ohne Showeinlage. Ein paar Demonstranten zünden Böller und Leuchtraketen, ein Ballbesucher attackiert einen Fotografen mit seinem Gehstock, mehr passiert nicht. Etwa 3000 Polizisten sind im Einsatz, es ist ein anstrengender Tag für sie, denn zeitgleich besucht der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos die Stadt und es finden Syrien-Gespräche zwischen Vertretern der Kriegsparteien statt.

Verstrickungen zwischen Burschenschaften und FPÖ

Erst kürzlich hat Strache behauptet, Burschenschaften hätten mit der FPÖ nichts zu tun. Doch die Schlagzeilen dieser Tage zeichnen ein anderes Bild. Auch der Ball selbst ist ein Beispiel für die Verstrickungen zwischen Burschenschaften und FPÖ: Von 1952 bis 2012 hieß er "Wiener Korporationsball". Als Kritik aufkam, warum rechtsextreme Gruppierungen in einem Saal der Hofburg feiern dürften, übernahm die Wiener FPÖ die Organisation und nannte ihn in "Akademikerball" um.

"Wir demonstrieren auch gegen soziale Kürzungen", sagt ein Student, der ein Plakat mit der Aufschrift "Lasst Nazis nicht regieren" mit sich herumträgt. Seit Dezember 2017 ist eine Koalition aus christlich-konservativer ÖVP und rechtspopulistischer FPÖ im Amt. Das Problem von Strache ist: Je stärker er sich an das vergleichsweise gemäßigte Regierungsprogramm hält, desto größere Schwierigkeiten bekommt er mit seinen Wählern, die wegen seiner populistischen Aussagen für ihn gestimmt haben. Also gibt er sich mal staatsmännisch, um im nächsten Moment per Tweet abzusetzen: "Wir wollen österreichische Familien entlasten und kein Förderprogramm für Groß-Zuwandererfamilien."

Die Demonstrationen sind gegen 22 Uhr beendet, die Teilnehmer gehen nach Hause. In der Hofburg tanzen sie derweil bis weit nach Mitternacht.

insgesamt 29 Beiträge
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kevinschmied704 27.01.2018
1. alarmglocken
wenn ich solche Menschen sehe, die rumlaufen wie aus dem letzten Jahrhundert geflohen. läuten sofort die Alarmglocken, den meistens ist ihre denke genauso... aus dem letzten Jahrhundert...
justus65 27.01.2018
2. Akademikerball
Es ist eigentlich der Ball der Wiener Korporationen, die Burschenschaften sind da nur eine Gruppe von vielen und auch die Burschenschaften sind nicht alle Rechtsextremisten. Aber der ganze Ball wird in Misskredit gebracht, weil alle über einen Kamm geschert werden. Hier wäre auch Raum für eine ausgewogene Berichterstattung statt jährlich sich wiederholender Meinungsmache.
wahrsager26 27.01.2018
3. Vorsicht!
Das sich gegenseitige Bekämpfen ist nichts anderes als ein Machtanspruch um an der Macht bleiben wollen.Niemand sollte glauben, egal wer die Macht in Händen hält,das auch nur irgendetwas 'unter dem Strich' besser wäre...Menschenwerk! Danke
petruz 27.01.2018
4.
Die FPÖ ist eine reine rechtsextreme Partei. Dort sind Kontakte und Äußerungen Alltag, die bei der AfD (noch) auf "Unvereinbarkeitslisten" stehen. Der "Gottkanzler" Kurz hat da ohne Übertreibung eine historische Schuld auf sich geladen. Diese ganzen "Ausrutscher" sind passiert, als die Regierung gerade mal wenige Wochen am Werk ist und noch viel stärker beäugt wird, als vielleicht wenn eine gewisse Routine eingekehrt ist. Wie soll es erst dann werden?
zodiamc 27.01.2018
5. Mei...
Ganz ehrlich. Ich kenne Verbindungen & Menschen aus Verbindungen (sind ja nicht alle Burschenschaftler, vllt. sollte sich der Autor informieren). Und die Leute sind aus zwei Gründen dabei: Gratis Alkohol und fast Gratis Unterkunft. Das eine 1% das politisch Aktiv ist, ist in meinen Augen kaum relevant, schreit aber am lautesten. Ungefär so wie bei den Grünen. Knapp über 5% aber Glauben, man könnte dem Rest der Welt den Richter machen..
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