Angst vor Religionskrieg in Syrien: Rims gefährliche Lüge für den Frieden

Von , Beirut

Eine junge Syrerin verfolgt einen riskanten Plan, um einen Religionskrieg in ihrem Land zu verhindern. Die Aktivistin gibt sich als Alawitin aus. Eine Lüge, mit der sie die Minderheit vor Racheakten sunnitischer Rebellen schützen will.

Bewohnerinnen von Duma, einem Vorort von Damaskus: Konfessionskrieg vermeiden Zur Großansicht
REUTERS

Bewohnerinnen von Duma, einem Vorort von Damaskus: Konfessionskrieg vermeiden

Jeden Tag geht Rim* dahin, wo geschossen wird. Die junge Frau mit mittellangem, dunkelbraunen Haar ist eine der Tausenden Aktivisten Syriens, die keine Waffen tragen, sondern den Aufstand gegen Präsident Baschar al-Assad friedlich unterstützen: Sie schmuggeln Ärzte, Medikamente und Essen in von der Armee belagerte Stadtviertel, behandeln dort Verwundete und bringen Videoaufnahmen wieder heraus, die sie dann auf YouTube veröffentlichen.

Rim gehört zu den Syrern, deren echte Namen Journalisten erst schreiben, wenn sie ums Leben gekommen sind: junge Akademiker mit guten Abschlüssen, Freunden im Ausland und Alternativen, die sich dafür entschieden haben, im umkämpften Syrien zu bleiben.

Die 32-Jährige hat eine besondere Mission. Sie will verhindern, dass sich der Aufstand gegen den Staatschef zu einem Krieg der Konfessionen ausweitet: einem Kampf der sunnitischen Mehrheit, der die Rebellen angehören, gegen die alawitische Minderheit, deren Anhänger Assad und seine Getreuen sind.

Es ist eine Gefahr, vor der nicht nur Experten warnen, sondern die jedem im Land bewusst ist. Schließlich sahen die Syrer die Nachbarländer Libanon und Irak in langen, blutigen Bürgerkriegen versinken. Viele der eine Million Flüchtlinge aus diesen Ländern schilderten zudem ihre schrecklichen Erlebnisse.

Deshalb behauptet Rim nun bei ihren Hilfseinsätzen mitten in den Aufständischenvierteln von Damaskus, eine Alawitin zu sein. Eine Lüge. Sie will den Sunniten in den ärmeren Vororten vermitteln, dass nicht alle Alawiten schlecht sind. "Dort haben sie nur eine Erfahrung mit einem Alawiten: Das ist der Mann, der auf uns schießt oder unser Haus zerstört."

Bestohlen, entführt oder ermordet

Erstmals log sie am 25. Juli, damals war sie im Damaszener Vorort Duma unterwegs. Eine Familie lud Rim mit anderen Aktivisten dankbar auf einen Tee ein. Die Gastgeber fragten sie nach ihrem Namen und Heimatort. Rim nannte mit "Mustafa" einen Familiennamen, den eher Alawiten tragen und gab ein alawitisches Dorf nahe der Küstenstadt Tartus als Geburtsort an. Die Gastgeber stutzten kurz, dann stellten sie dem nächsten Aktivisten in der Runde dieselben Fragen. "Ich hoffe, sie denken das nächste Mal auch an mich, wenn sie über Alawiten sprechen", sagt Rim.

Für die junge Frau könnte die Lüge schnell zur Gefahr werden: Immer wieder gibt es Berichte, nach denen Rebellen Syrer aufgrund ihrer Konfession bestohlen, entführt oder ermordet haben. Am Wochenende wurde in Damaskus der Regisseur Bassam Mohieddin getötet - er war Alawit. Aus Aleppo, wo seit Tagen erbitterte Kämpfe toben, werden immer wieder Rebellen-Exzesse berichtet.

Angst davor, dass die Aufständischen sie als vermeintliche Alawitin angreifen könnten, hat Rim trotzdem nicht. "Sie kennen mich in Duma als Aktivistin. Das ist das Einzige, das zählt."

Nicht alle Alawiten haben von Assads Herrschaft profitiert. Doch viele sind Mitglieder der Sicherheitskräfte und werden nun quasi in Geiselhaft genommen. Die Parole des Regimes: Gehen wir unter, seid auch ihr dran. Je länger die meisten Alawiten zögern, dem Staatschef und seinen Getreuen den Rücken zu kehren, desto größer ist das Misstrauen, das ihnen die Aufständischen entgegenbringen.

Gleichzeitig machen es die Rebellen Syriens Minderheit nicht leichter: Teile der Aufständischen schlagen zunehmend religiöse Töne an, sie bezeichnen die Alawiten als Ungläubige, obwohl diese Muslime sind.

Einige der größten Aufständischengruppen Syriens versprachen am Mittwoch nun in einem Manifest, die Menschenrechte von Kriegsgefangenen zukünftig zu achten und niemanden aufgrund seiner ethnischen oder konfessionellen Zugehörigkeit zu bestrafen. Ob das Versprechen hält, muss sich zeigen. Rim will weiter ein Zeichen setzen.

Video-Bürgerjournalisten als erste im Visier der Sicherheitskräfte

Sie erzählt, dass ihr Friedensplan für Syrien bereits Nachahmerinnen gefunden habe: "Viele der sunnitischen Aktivistinnen, die kein Kopftuch tragen, geben sich nun als Alawitinnen aus, wenn sie in den Vororten unterwegs sind." Ihren echten Namen würden aus Sicherheitsgründen sowieso die wenigsten nennen, wenn sie zum Helfen unterwegs seien.

Die größere Gefahr sieht Rim für sich nach wie vor im Regime. Kürzlich hat sich die junge Frau eine Videokamera gekauft, wagt es aber noch nicht, damit zu filmen. "Ich muss mir erst klar werden, ob ich bereit bin, die Konsequenzen zu tragen."

Syriens Video-Bürgerjournalisten kommen als erste ins Visier der Sicherheitskräfte. Viele wurden schon erschossen, darunter im Mai der Christ Bassel Shehadeh und im Juli der Alawit Emad Khaddour. Rim kannte beide.

* Name aus Sicherheitsgründen geändert

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
7eggert 10.08.2012
Zitat von sysopEine junge Syrerin verfolgt einen riskanten Plan, um einen Religionskrieg in ihrem Land zu verhindern. Die Aktivistin gibt sich als Alawitin aus. Eine Lüge, mit der sie die Minderheit vor Racheakten sunnitischer Rebellen schützen will. Aktivisten kämpfen in Damaskus gegen Syriens drohenden Religionskrieg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,849060,00.html)
Und damit die Minderheit doch nicht vor der Rache geschützt ist, kommt das hier auf der Titelseite?
2.
timorieth 10.08.2012
Zitat von sysopEine junge Syrerin verfolgt einen riskanten Plan, um einen Religionskrieg in ihrem Land zu verhindern. Die Aktivistin gibt sich als Alawitin aus. Eine Lüge, mit der sie die Minderheit vor Racheakten sunnitischer Rebellen schützen will. Aktivisten kämpfen in Damaskus gegen Syriens drohenden Religionskrieg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,849060,00.html)
Ach, die ist ebenfalls eine Terroristin. Wie alle anderen da unten.
3. Konsequenzen der Verweigerung
Bourgeois2000 10.08.2012
Die Alewiten haben sich mehrheitlich gegen die Revolution gestellt. Die Konsequenz wird sicher schlimmer als nur der Verlust der Macht.
4. ungläubige
rst2010 10.08.2012
Zitat von sysopEine junge Syrerin verfolgt einen riskanten Plan, um einen Religionskrieg in ihrem Land zu verhindern. Die Aktivistin gibt sich als Alawitin aus. Eine Lüge, mit der sie die Minderheit vor Racheakten sunnitischer Rebellen schützen will. Aktivisten kämpfen in Damaskus gegen Syriens drohenden Religionskrieg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,849060,00.html)
soweit ich weiß, nennt der koran diejenigen ungläbige, die an keinen oder an mehrere götter glauben. die anhänger der montheistischen religionen judentum und christentum - von denen mohammed zumindest inspiriert wurde - sind keine ungläubigen.
5. Friede
Izmi 10.08.2012
Zitat von sysopEine junge Syrerin verfolgt einen riskanten Plan, um einen Religionskrieg in ihrem Land zu verhindern. Die Aktivistin gibt sich als Alawitin aus. Eine Lüge, mit der sie die Minderheit vor Racheakten sunnitischer Rebellen schützen will. Aktivisten kämpfen in Damaskus gegen Syriens drohenden Religionskrieg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,849060,00.html)
Einer der ganz wenigen Artikel, die die besondere Lage in Syrien objektiver betrachtet. Scheinbar musste ihm aber das Mäntelchen einer sich selbst alevitisch nennenden Sunnitin umgelegt werden, die (wenn es denn so stimmt) gegen Hass und möglichen Völkermord arbeitet. Ich zweifele nur am Erfolg ihrer Mission. Leider. Egal, wie der Konflikt ausgeht, die jetzt eskalierenden Spannungen zwischen den ethnischen und religiösen Gruppen werden noch auf Jahrzehnte bestehen bleiben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Bürgerkrieg in Syrien
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 42 Kommentare
  • Zur Startseite

Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Syrien-Reiseseite

Video

Fotostrecke
Aleppo: Zerstörte Stadt

Karte der Stadt Aleppo Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Karte der Stadt Aleppo