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AKW-Störfall in Schweden: Der Mann, der den GAU verhinderte

Es war reines Glück, dass der Zwischenfall in einem schwedischen Atomkraftwerk nicht zum GAU wurde, sagen Experten. In letzter Sekunde sei die Welt vor einer Katastrophe bewahrt worden. Das lag daran, dass ein Mann sich über die Vorschriften hinwegsetzte.

Hamburg - Forsmark ist ein kleiner schwedischer Ort in der Provinz Uppland. Nur etwa sechzig Menschen leben in Forsmark. Dass überhaupt jemand den Namen des Dorfes kennt, liegt nur an dem Atomkraftwerk, das dort steht - eines von drei Kernkraftwerken und insgesamt zehn Reaktoren in Schweden.

AKW Forsmark: "Näher kann man an eine Kernschmelze nicht rankommen"
DPA

AKW Forsmark: "Näher kann man an eine Kernschmelze nicht rankommen"

Seit ein paar Tagen ist das Dorf in aller Munde, und Forsmark hat einen Helden: Nicklas Sjulander. Der 34-Jährige arbeitet im Atomkraftwerk Forsmark, in dem es vergangene Woche zu einem schweren Störfall gekommen ist. Experten bezeichneten den Zwischenfall als den gefährlichsten nach Tschernobyl und Harrisburg. Näher könne man an eine Kernschmelze nicht herankommen. Dass es dazu nicht gekommen ist, sei reines Glück gewesen, sagte der Kernkraftexperte Lars-Olov Höglund dem "Svenska Dagbladet."

Glück - vielleicht auch Geistesgegenwärtigkeit. Denn hätte Nicklas Sjulander nach der Vorschrift gehandelt, erst 30 Minuten nach dem ersten Alarm einzugreifen, wäre Forsmark vielleicht als neues Tschernobyl in die Geschichtsbücher eingegangen. Sjulander sagte der schwedischen Zeitung "Expressen": "Ich hatte keine Angst, ich wusste, dass schnell gehandelt werden musste."

Es war 13.21 Uhr am letzten Dienstag, als der Alarm im Kontrollraum von Reaktor 2 des Kernkraftwerks ertönte. "Ich habe mitbekommen, dass es mit Reaktor 1 ein Problem gab", sagte Sjulander. Nach einem Kurzschluss und anschließendem Stromausfall war der Reaktor kaum mehr zu kontrollieren. Das Personal im Kontrollraum habe ihm bedeutet, es bekomme die Situation nicht mehr alleine in den Griff.

Zusammen mit seinem Kollegen Joakim Karlsson eilte Sjulander seinen Mitarbeitern zur Hilfe. "Als wir ankamen, waren knapp acht Minuten vergangen, seit der erste Alarm ertönt war. Es herrschte fiebrige Aktivität, wir sind ja trainiert darin, schwierige Situationen zu meistern", wird Sjulander in "Expressen" zitiert.

In den Sicherheitsanweisungen des Atomkraftwerks heiße es, das Personal solle in den ersten 30 Minuten nach dem Alarm keine manuellen Maßnahmen ergreifen. Zunächst müsse das Personal die Situation sorgfältig analysieren, erklärte Sjulander.

Aber wenn ein Zwischenfall in dieser Größenordnung passiere, breche eben Chaos aus, so Sjulander. Es gebe niemanden, der direkte Anweisungen erteile, zunächst werde eine Krisensitzung einberufen. Ein Problem könne schließlich mehrere Ursachen haben.

Resultat der Beratungen am Dienstag der vorherigen Woche war, dass Sjulander nach genau 21 Minuten und 41 Sekunden - also gut acht Minuten bevor die Mitarbeiter eigentlich in Aktion treten sollen - handelte. Sjulander ging in den Kontrollraum und drückte einen Knopf, der die fehlerhafte Schaltanlage steuert. "Ich habe Strom aus einem externen Netz angekoppelt, und dadurch sind die beiden Dieselgeneratoren wieder angesprungen", sagt Sjulander. Forsmark war gerettet. "Nicklas stoppt die Katastrophe", titelt "Expressen".

anr

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