Al-Azhar-Uni in Kairo Im Imperium des gerechten Glaubens

Wer wird für die islamische Welt sprechen, wenn der "Kampf der Kulturen" verhindert werden muss? Offiziell niemand. Inoffiziell aber am ehesten die altehrwürdige al-Azhar-Universität in Kairo. Eine Spurensuche in der wichtigsten Stätte islamischer Gelehrsamkeit.

Aus Kairo berichtet Yassin Musharbash


Kairo - Selbstzweifel, Unsicherheit, Unterlegenheitsgefühle: Was westliche Beobachter der islamischen Welt gerne unterstellen, kennt Dekan Abdallah Hasan Ali Barakat nicht. "Setz Dich, höre zu, ziehe Nutzen aus dem, was Du hörst!", befiehlt er einer Studentin, die aus Versehen in das Interview platzt. Jetzt hockt sie auf der Kante eines Ledersessels und schreibt mit: "Der Kampf der Kulturen ist eine Erfindung des Westens. Der Islam steht für ein liebevolles Miteinander. Was den Westen angeht, bin ich nicht so sicher."

Betende vor al-Azhar: "Setz Dich, höre zu, ziehe Nutzen aus dem, was Du hörst"
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Betende vor al-Azhar: "Setz Dich, höre zu, ziehe Nutzen aus dem, was Du hörst"

Die islamische Welt hat viele Mittelpunkte. Die heiligen Stätten Mekka, Medina und Jerusalem zum Beispiel. Aber das bedeutendste intellektuelle Zentrum der Weltreligion, die der Prophet Mohammed vor über 1300 Jahren begründete, vertritt dieser Mann mit dem sauber gestutzten Vollbart, dem rot-weißen Fez und der bodenlangen Nadelstreifen-Disda'scha: al-Azhar, die älteste Universität der Welt, die einflussreichste Moschee des sunnitischen Islams, dem 90 Prozent der rund 1,4 Milliarden Muslime der Welt anhängen. Keine Fatwas finden mehr Beachtung als jene der al-Azhar, und kaum jemand hat mehr Autorität in der islamischen Welt als die Gelehrten der Hochschule.

Zwar sinkt das Renommee der al-Azhar seit einigen Jahren. Aber wenn westliche Politiker im Angesicht des eskalierenden Karikaturen-Streites einen "Dialog der Kulturen" fordern, um einen "Kampf der Kulturen" zu verhindern, könnte die al-Azhar wieder an Bedeutung gewinnen. Sie drängt sich mangels Alternativen als zentrale Gesprächspartnerin geradezu auf.

Aktion und Reaktion

"Es ist für den Westen unumgänglich, mit der al-Azhar zu kommunizieren", findet auch Dekan Barakat. Seine eigene Position in dem Bilder-Streit ist eindeutig und unverrückbar: Die Karikaturen sieht er durch die Pressefreiheit nicht gedeckt, und er wünscht sich eine Entschuldigung.

Der Westen kommt bei dem Gelehrten insgesamt nicht gut weg: "Er ist nicht zivilisiert genug, Konflikte friedlich zu lösen", sagt er. Zum Beleg führt er den Irak-Krieg an. Und, ohne jede Ironie: Dass die Kirchen im Mittelalter Wissenschaftler auf dem Scheiterhaufen verbrannten, während die islamische Welt sich, wie hier in al-Azhar, der Forschung zuwandte. Ganz so, als sei das gestern gewesen und es habe sich seitdem nichts geändert. Die von Muslimen in Brand gesteckten dänischen Botschaften lässt er als Gegenbeispiel nicht gelten: "Es gibt einen Unterschied zwischen Aktion und Reaktion."

Es ist eine Mischung aus Selbstsicherheit, Arroganz und Weltvergessenheit, aber auch einer gewissen Würde, mit der Barakat spricht - und die das Selbstbild der al-Azhar wohl angemessen widerspiegelt. Er sieht seine Hochschule aber auch als Garant eines moderaten, wenn auch traditionellen Islam, und damit als natürlichen Partner des Westens, wie er betont: "Al-Azhar ist die Bewahrerin des ausgewogenen Glaubens."

Damit hat er nicht Unrecht. Aufsehen erregende Äußerungen des Großscheichs der al-Azhar, Ahmad Sayyed Tantawi, aus den vergangenen Jahren belegen das: So erkannte er etwa palästinensischen Selbstmordattentätern den Märtyrerstatus ab, wenn sie Zivilisten zum Ziel nahmen. Er gestand ferner der französischen Regierung das Recht zu, das islamische Kopftuch zu verbieten, und forderte Musliminnen auf, sich daran zu halten. Prediger bat er außerdem, Juden und Christen nicht mehr als "Nachfahren von Affen und Schweinen" zu bezeichnen. Nicht alle Wortmeldungen Tantawis blieben ohne Widerspruch; er ist zudem permanent dem Vorwurf ausgesetzt, vom ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak ferngesteuert zu sein. Doch die eine Zeitlang befürchtete Unterwanderung der Universität durch Radikale hat sich nicht bewahrheitet.

Tantawi und andere wichtige Repräsentanten der al-Azhar drücken sich nicht vor Gesprächen mit westlichen Politikern, Glaubensführern oder Journalisten. Die Universität ist dialogbereit. Aber sie bringt mehr eigene Vorstellungen, mehr ungebrochenes Selbstbewusstsein mit, als manche im Westen ihr zugestehen wollen. Natürlich sei er bereit, über Terror zu reden, sagt Barakat. Aber eben nicht nur über den al-Qaidas, sondern auch über den Terror des Westens: im Irak, in den Palästinensischen Gebieten. Friedlicher Westen, blutiger Islam? Von al-Azhar, vom Zentrum der islamischen Welt aus betrachtet, sieht die Gleichung genau umgekehrt aus.

Imperium mit Hunderttausenden Studenten

Auf einem kleinen, schattigen Platz zwischen uralten, lehmfarbenen Gebäuden, acht Kilometer von Barakats Büro entfernt, steht derweil Abdallah Silah. An diesem Ort begann im Jahre 972 die Geschichte der al-Azhar, die heute ein Imperium mit Hunderttausenden Studenten und tausenden Vorbereitungsschulen inner- und außerhalb Ägyptens hat, die auf ein Studium hier vorbereiten. Deswegen musste Barakats "Da'wa"-Fakultät auch in einen nahen Stadtteil umgesiedelt werden. Abdallah stammt wie viele Azhar-Studenten aus dem Ausland. Er ist Senegalese. Seit Jahrhunderten lassen islamische Länder ihre Eliten hier ausbilden. "Zuhause", sagt er, "gibt es keine Universität, auf der man zugleich richtig Arabisch und die islamischen Grundlagen lernen kann." Er ist stolz, hier studieren zu dürfen. Auch er findet, dass die al-Azhar eine besondere Rolle bei der Verhinderung eines "Kampfes der Kulturen" spielen kann: "Sie ist das religiöse Zentrum des Islam, sie hat eine große Verantwortung."

Abdallah hat die Hoffnung, dass der Konflikt mit einer Entschuldigung der dänischen Regierung beendet werden kann. Sein Kommilitone Sliman Latif von der Elfenbeinküste ist kompromissloser: "Dieses Verbrechen kann nicht wieder gut gemacht werden." Er glaubt, dass schon bald "auch in Afrika" dänische Vertretung in Flammen stehen werden: "Die Westler verstehen nicht, was uns wichtig ist. Man macht so etwas mit einem Propheten nicht!" Persönlich wird er sich allerdings bei seinen Handlungen von den Meinungen derjenigen Professoren leiten lassen, die er am meisten schätzt. Rufen sie weiter zur Mäßigung auf, wird er folgen.

In der Vergangenheit, etwa im Kampf gegen die französischen Besatzer Ende des 18. Jahrhunderts oder noch 1948, im Krieg gegen den neu gegründeten Staat Israel, haben Azhar-Studenten die Initiative an sich gerissen und an der Führung der Hochschule vorbei selbst mobilisiert. Heute sieht es nicht danach aus. Nur selten dürfen Ausländer auf den Campus, denn die Universität will nicht alles zeigen, was sich hier abspielt. Aber wohin man in diesen Tagen auch schaut: Nirgends auf dem Gelände ein antidänisches Plakat. An keinem schwarzen Brett wird zu Aktionen aufgerufen. Die Azhar-Universität wirkt fast verschlafen.

Fußball und Koran?

Ganz richtig ist dieser Eindruck freilich nicht: Wie schon in der vergangenen Woche wird auch an diesem Freitag im Anschluss an das Mittagsgebet von hier aus eine Demonstration gegen die Karikaturen ihren Lauf nehmen. Dieser Marsch war bisher das einzige sichtbare Zeichen des Protests in Ägypten, und er verlief friedlich. Damit wird auch morgen gerechnet. Gleitet er in Ausschreitungen ab, sind sich Barakat und die afrikanischen Studenten einig, dürften die Rädelsführer wohl kaum von der al-Azhar stammen: "Die Radikalen sind woanders."

Abdallah und Sliman sind sich sowieso noch nicht sicher, ob sie an dem Marsch überhaupt teilnehmen werden. Sie haben nach dem Gebet eigentlich schon etwas anderes vor: Morgen ist das Finale im Afrika-Cup, Ägypten hat gestern durch einen Sieg ausgerechnet über den Senegal den Einzug geschafft. "Vielleicht kriegen wir ja noch Karten", sagen sie. Da zuckt der Begleiter, den die Uni mitgeschickt hat, kurz zusammen: Fußball und Koran, das will in seinen Augen nicht so ganz zu dem Bild passen, das die al-Azhar gerne vermitteln möchte.

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