al-Baradei: "Nordkorea ist gefährlicher als der Irak"

Frankreich und die USA betreiben hektische Diplomatie hinter verschlossenen Türen. Die beiden Vertreter der gegnerischen Flügel im Uno-Sicherheitsrat versuchen, die unentschlossenen Länder jeweils auf ihre Sicht einzuschwören. Uno-Atomwaffeninspektor al-Baradei machte indessen klar, dass er die Bedrohung für den Weltfrieden nicht im Irak sieht.

Mohammed al-Baradei hält Nordkorea für gefährlicher als den Irak
AFP

Mohammed al-Baradei hält Nordkorea für gefährlicher als den Irak

New York/Bagdad - Der Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) Mohammed al-Baradei ist davon überzeugt, dass von Nordkorea eine größere Bedrohung für den Weltfrieden ausgeht als vom Irak. "In beiden Fällen sorgen wir uns um die Weitergabe von Atomwaffen", sagte er der "Bild am Sonntag". "Der Unterschied ist: Im Irak können wir jetzt mit einem Team hoch qualifizierter Inspektoren prüfen, ob es ein neues Kernwaffenprogramm gibt. Beweise dafür liegen uns nicht vor. In Nordkorea wurden die IAEO-Inspekteure dagegen im Dezember zum Verlassen des Landes gezwungen. Und wir wissen, dass Nordkorea in der Lage ist, atomwaffenfähiges Plutonium herzustellen." Der IAEO-Chef appellierte: "Das darf die internationale Gemeinschaft nicht tolerieren. Alle Staaten sollten gleich behandelt werden."

Zudem zeigte sich al-Baradei in dem Interview davon überzeugt, dass der Irak friedlich entwaffnet werden kann. Die Hauptverantwortung liege beim Irak. "Er muss in den nächsten Tagen und Wochen konkrete Abrüstungsschritte einleiten, wenn er die Anwendung militärischer Gewalt noch verhindern will", sagte al-Baradei laut Bams. Es lasse sich nie völlig ausschließen, dass die Uno-Inspektoren in Irak ein "kleines Waffenlager oder einen Stapel Dokumente" übersehen könnten, sagte er. "Eines darf man aber nicht vergessen: In den neunziger Jahren hat die IAEA die Abrüstung des irakischen Kernwaffenprogramms erreicht - obwohl damals die Bereitschaft Bagdads zur Kooperation deutlich geringer war und es keine militärische Drohkulisse gab."

Die Zusammenarbeit der Iraker reiche zwar noch nicht aus, sie sei aber deutlich besser geworden, sagte al-Baradei. Die Atomwaffen-Inspektionen machten wichtige Fortschritte. "In einigen Monaten wären wir in der Lage, zuverlässig zu beurteilen, ob der Irak sein Kernwaffenprogramm wieder aufgenommen hat oder nicht."

Auf die Frage, ob sich die Uno-Inspektoren von den USA unter Druck gesetzt fühlten, antwortete al-Baradei: "Keineswegs. Unsere Organisation pflegt ausgezeichnete Beziehungen zu den Amerikanern." Die USA haben Irak eine Frist bis 17. März gesetzt, um vollständig abzurüsten und so einen Krieg zu verhindern. Über einen entsprechenden Resolutionsentwurf soll der Uno-Sicherheitsrat nach dem Willen der USA kommende Woche abstimmen.

Werbefeldzug der USA und Frankreichs

Frankreich und die USA bemühen sich wenige Tage vor der Abstimmung um Unterstützung für ihre gegensätzlichen Positionen. Der französische Außenminister Dominique de Villepin will offiziellen Angaben zufolge am Sonntag bei den unentschlossenen Ratsmitgliedern Guinea, Kamerun und Angola dafür werben, den US-britischen Resolutionsentwurf abzulehnen. US-Präsident George W. Bush sagte am Samstag, einem Diktator wie Saddam Hussein zu erlauben, die Welt zu täuschen, diene nicht dem Frieden. Die USA haben den Rat aufgefordert, sich ab Dienstag für ein Votum bereit zu halten. Für eine Annahme der Resolution sind neun der 15 Stimmen im Sicherheitsrat nötig, außerdem darf es kein Veto geben.

Allerdings hat Bush klar gemacht, dass die USA eine "Koalition der Willigen" anführen würden, um Irak mit militärischen Mitteln zu entwaffnen, auch wenn eine entsprechende Resolution im Sicherheitsrat abgelehnt würde. Dort sind sich die USA nur der Unterstützung Großbritanniens, Spaniens und Bulgariens sicher.

Bush wandte sich in seiner wöchentlichen Hörfunkansprache an die unentschiedenen Ratsmitglieder. "Die Sache des Friedens wird nur vorankommen, wenn die Terroristen einen reichen Gönner und Beschützer verlieren, und wenn der Diktator vollständig und endgültig entwaffnet ist."

Unentschieden zeigte sich Chile. Präsident Ricardo Lagos sagte, er habe Bush in einem Telefonat mitgeteilt, dass den Uno-Waffeninspektoren in Irak mehr Zeit gegeben werden müsse. Sein Land hoffe weiter auf eine Resolution, die auf die Unterstützung aller Ratsmitglieder stoße. Auch Mexiko und Pakistan haben offiziell noch keine Entscheidung über ihr Abstimmungsverhalten getroffen.

Russland schließt Veto nicht aus

Russland hat ein Veto nicht ausgeschlossen. "Russland wird alles tun, um diese Resolution im Uno-Sicherheitsrat zu verhindern", sagte Vize-Außenminister Juri Fedorow der Nachrichtenagentur Interfax zufolge. Dass Russland dabei sein Veto-Recht anwende, sei eine Möglichkeit. Neben Russland haben die USA, Großbritannien, Frankreich und China ein Veto-Recht. Auch Frankreich hat im Sicherheitsrat mit seinem Veto gedroht und drängt weiter auf die Anwesenheit der Staats- und Regierungschefs, wenn der Rat über einen Irak-Krieg abstimmt.

"Wenn man über Leben oder Tod entscheidet, dann sollte dies auf der höchsten Ebene der Verantwortlichkeit geschehen", verlautete aus dem Umfeld des französischen Präsidenten Jacques Chirac. China und Deutschland lehnen die Resolution ebenfalls ab und fordern eine Fortsetzung der Uno-Waffeninspektionen. Dem schloss sich Syrien an.

Die USA und Großbritannien haben für einen Militärschlag mehr als 200.000 Soldaten in der Golf-Region zusammengezogen. Saudi-Arabien will dem US-Militär gestatten, zwei Flugplätze im Norden an der Grenze zu Irak zu nutzen. Dies sei aber nur zur Verteidigung oder zur Vorbereitung auf einen Flüchtlingsstrom im Kriegsfall erlaubt, sagte Verteidigungsminister Prinz Sultan bin Abdul Asis in Riad.

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