Attentäter von Toulouse Al-Dschasira hält Mordvideo unter Verschluss

Der arabische Nachrichtensender al-Dschasira wird die Aufnahmen der Morde von Toulouse und Montauban nicht veröffentlichen. Als Grund nannte das Unternehmen "Professionalität und Respekt vor den Opfern". Auf den Videos sind die Anschläge des Terroristen Mohammed Merah zu sehen.

Mohammed Merah: Al-Dschasira verfügt über ein Video, das er während der Morde filmte
REUTERS / France 2

Mohammed Merah: Al-Dschasira verfügt über ein Video, das er während der Morde filmte

Von , Paris


Nach dringenden Anrufen aus Frankreich hat der Nachrichtensender al-Dschasira auf die Ausstrahlung der Mörder-Videos von Toulouse und Montauban verzichtet. Die Mitschnitte der Attentate, die Mohammed Merah während seiner Anschläge auf drei Militärs und eine jüdische Schule mit einer Minikamera gefilmt hatte, sollen nicht gezeigt werden. Das hat die Zentrale der arabischen TV-Station in Katar entschieden, erfuhr SPIEGEL ONLINE aus dem Pariser Büro von al-Dschasira. "Wir werden die Bilder nicht verbreiten", sagte ein Redakteur des Nachrichtensenders im Bürohochhaus am Bahnhof Montparnasse.

Der Killer oder ein möglicher Komplize hatte die Videos am vergangenen Mittwoch an das Pariser Büro der arabischen TV-Station geschickt, die eine Kopie an die französische Polizei weiterleitete. In einem beiliegenden nicht unterzeichneten Schreiben voller orthografischer Fehler bekennt sich der Autor zu den Taten und gibt an, auf Befehl Gottes und al-Qaidas gehandelt zu haben.

"Wir sind kein Sensationssender", heißt es in der Begründung von al-Dschasira, "wir werden keine Bilder verbreiten, ohne deren Risiken und Konsequenzen abzuschätzen." Und weiter: "Wir tun das aus Anerkennung vor den Werten der Republik. Wir hätten die Bilder gestern schon senden können, die französischen Medien haben uns gebeten, ihnen das Material zu überlassen. Aus Professionalität und Respekt vor den Opfern haben wir darauf verzichtet."

Die etwa 25-minütige Montage aus Bildern von den Morden in Toulouse und Montauban seien mit "religiösen Liedern und rezitierten Koranversen unterlegt", beschrieb Zied Tarrouche, Bürochef von al-Dschasira, das dem Nachrichtensender zugespielte Material im Pariser Infosender BFM-TV. "Man sieht alle Angriffe von Toulouse und Montauban in chronologischer Reihenfolge, man hört die Stimme des Mörders, die Schüsse und Schreie der Opfer", so der Journalist zu den Bildern auf einem USB-Stick, die beim Pariser Büro eingegangen waren.

"Unter keinem Vorwand dürfen diese Bilder ausgestrahlt werden"

Zuvor hatte Präsident Nicolas Sarkozy sich mit Nachdruck dagegen ausgesprochen, die Videos zu verbreiten. "Unter keinem Vorwand dürfen diese abscheulichen Bilder ausgestrahlt werden", sagte Sarkozy, "aus Rücksicht auf die Opfer und aus Respekt für die Republik." Bei einer Ehrung im Elysée-Palast für die rund 150 Mitarbeiter von Kripo, Staatsanwaltschaft und Sicherheitskräften, die am Einsatz gegen den Attentäter Mohammed Merah beteiligt waren, teilte der Staatschef mit, dass die Behörden auf der Suche nach einem "dritten Mittäter" seien, der - neben dem Bruder von Merah - beim Diebstahl des Motorrads eine Rolle gespielt haben könnte.

Die Polizei in Toulouse geht davon aus, dass Merah die Aufnahmen nicht abgeschickt haben kann, weil die Sendung am Dienstag von einem Dorf im Norden der südfranzösischen Stadt abgeschickt wurde - als der Killer bereits von den Sicherheitskräften überwacht wurde. "Die Existenz einer kleinen Gruppe von Helfern um die Brüder Merah wird eindeutig in Erwägung gezogen", zitiert die Zeitung "Le Parisien" Ermittler.

"Wenn ich Vater eines solchen Monsters wäre, würde ich schweigen"

Sarkozy verband seine Hommage an die Staatsanwaltschaft und die Sicherheitskräfte mit der Wiederholung seiner Vorschläge, gegen "islamistischen Terrorismus" zu Felde zu ziehen. Neben den bekannten Forderungen, den Besuch von Internetseiten zu verfolgen, die zu Hass und Gewalt aufrufen, versprach er, gegen die Verbreitung von islamistischem Fundamentalismus in den Gefängnissen der Republik vorzugehen. Und er verband damit einen unverhohlenen politischen Kampagnen-Appell für ein "würdiges und starkes Frankreich" - sein Wahlkampfslogan für den Urnengang am 22. April.

Auch die Mutter eines der erschossenen Soldaten hatte bei einem Interview unter Tränen die Verantwortlichen in Katar gebeten, die Videos nicht zu veröffentlichen. Frankreichs Fernseh-Aufsichtsgremium, der Conseil Supérieur d'Audiovisuel (CSA), richtete an die Fernsehanstalten des Landes die Forderung, die al-Dschasira zugeschickten Aufnahmen nicht zu verbreiten. Offen bleibt, ob die Video-Bilder nicht über das Internet an die Öffentlichkeit gelangen könnten.

Abdallah Zekri vom Zentrum gegen Islamophobie unterstrich bei BFM-TV gleichermaßen die Forderung an al-Dschasira, die "schrecklichen Bilder von der Ermordung von Kindern und Erwachsenen" nicht zu zeigen. Nach den Angaben Zekris wird der Leichnam des getöteten Killers morgen aufgebahrt, bevor er frühestens am Donnerstag zur Bestattung nach Algerien überstellt wird.

Der 60-jährige Vater Merahs, der rund sechzig Kilometer südlich von Algier lebt, hat inzwischen mitgeteilt, er wolle gegen Frankreich eine Klage anstrengen, weil der Staat seinen Sohn "getötet habe". Eine Äußerung, die in Paris auf Unverständnis und Kritik stieß. "Wenn ich der Vater eines solchen Monsters wäre, würde ich vor Scham schweigen", sagte Außenminister Alain Juppé in einer Stellungnahme.

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.