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Al-Masri-Brigaden: Die Aasgeier des Terrorismus

Von Yassin Musharbash

Wann es immer es einen größeren Anschlag gibt, übernehmen die Abu Hafs al-Masri-Brigaden die Verantwortung - heute etwa für die Bomben in Istanbul. Trotz etlicher Falschbekundungen halten es Experten für möglich, dass die Truppe zur al-Qaida gehört. Die Brigaden selbst bezeichnen sich als deren Europa-Filiale und drohen weiter.

Bombenanschlag in Istanbul: PKK oder Islamisten?
AP

Bombenanschlag in Istanbul: PKK oder Islamisten?

Berlin - "Die Mudschahidin der Abu Hafs al-Masri-Brigaden haben (heute) die erste Operation in einer Serie von Anschlägen durchgeführt, die den europäischen Staaten bevorsteht", heißt es in einem Bekennerschreiben, dass die dubiose Truppe heute in einem einschlägigen islamistischen Internetforum publizierte. Als Grund für die angedrohte Reihe von Terrorakten nennen die Brigaden die Weigerung dieser Länder, "das Waffenstillstandsangebot, welches unser Scheich ihnen unterbreitet hat, anzunehmen".

Wer mit dem "Scheich" gemeint ist, darüber lassen die Abu Hafs al-Masri-Brigaden im weiteren Verlauf des Schreibens keinen Zweifel: Es handelt sich um Osama Bin Laden, den Chef des Terrornetzwerks al-Qaida. Ihr Bekennerbrief ist unterzeichnet mit: "Al-Qaida-Organisation - Distrikt Europa - Militärischer Flügel".

Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass die Brigaden sich selbst die Verantwortung für Terroranschläge zuschreiben: Die Explosionen, die am 11. März 2004 Madrid erschütterten, wollen sie ebenso verursacht haben wie den gigantischen Stromausfall in den USA im vergangenen Jahr. Was Madrid angeht, ist ihre Täterschaft unwahrscheinlich, im Falle der Stromausfälle ausgeschlossen. Es gibt also kaum einen Grund, der Organisation Glauben zu schenken, wenn die Brigaden heute behaupten, nicht etwa die Kurdenorganisation PKK, sondern sie hätten die Anschläge von Istanbul durchgeführt.

Gralshüter von Bin Ladens Ultimatum

Zugleich sind sich die Experten in den deutschen Behörden einig, dass eine Verbindung zwischen den Abu-Hafs-Brigaden und al-Qaida nicht ausgeschlossen ist. Zu genau passen die Verlautbarungen der Brigaden in die Strategie des Terrornetzwerks. Seit Osama Bin Laden im Frühjahr den europäischen Staaten einen Waffenstillstand anbot und im Gegenzug den Abzug aus dem Irak verlangte, haben sich die Abu-Hafs-Brigaden zu den Gralshütern dieses Ultimatums aufgeschwungen.

In mehreren Erklärungen haben sie in den vergangenen Wochen darauf hingewiesen, dass dieses Ultimatum bald ausläuft. Zuletzt in der vergangenen Woche drohten sie explizit Anschläge in Italien an. In Rom und anderen Städten des Landes stünden Zellen bereit. Ähnlich wie die Gruppe "Al-Tawhid wa al-Dschihad" des Jordaniers Abu Mussab al-Sarkawi im Irak oder die saudische al-Qaida-Filiale wollen auch die Abu Hafs al-Masri-Brigaden offenbar mit einer ganz bestimmten Weltregion identifiziert werden.

Bekennerbrief der Abu-Hafs-Brigade zum Anschlag von Madrid (falsch formatiert): "Brüder der siegreichen Partei"
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Bekennerbrief der Abu-Hafs-Brigade zum Anschlag von Madrid (falsch formatiert): "Brüder der siegreichen Partei"

Wer auch immer hinter den Brigaden steckt, ist derzeit jedenfalls sehr aktiv, zumindest in den einschlägigen Internetforen und -seiten. Einige Experten neigen deshalb zu der Ansicht, es handle sich bei den Brigaden in Wahrheit um eine Art publizistisches Vorauskommando der al-Qaida.

Dazu würde wiederum passen, dass die Truppe am 1. Juli dieses Jahres sogar erstmals ein 16-seitiges Strategiepapier veröffentlichte. Es trägt den Titel "Die Roadmap der Mudschahidin". Unter anderem beinhaltet es eine Art Treueschwur gegenüber Bin Laden und eine längliche Erklärung dafür, warum die USA, "die Juden", Europa und die Uno einen gemeinsamen Kreuzzug gegen den Islam führen.

Aufruf zur Gründung von Organisationen

Unter der Überschrift "Was von Seiten der Brüder der siegreichen Partei (= des Islams) nötig ist" heißt es in dem Papier unter anderem: Es müssen "kleine Organisationen mit unterschiedlichen Namen gegründet werden, wie zum Beispiel 'Al-Tawhid wa al-Dschihad' und 'Abu Hafs al-Masri-Brigaden', denn das erschwert dem Feind deren Entdeckung (...) und zerschlägt die Anstrengungen der Sicherheitsapparate". Auch die Drohungen an Europa werden wiederholt.

Diese Art von Veröffentlichungen schließt freilich keineswegs aus, dass es sich bei den Brigaden um nichts als Trittbrettfahrer des Terrors handelt, denen allein daran gelegen ist, Furcht und Schrecken zu verbreiten. So wenig ist über sie bekannt, dass es nicht einmal undenkbar ist, dass nur eine einzige Person hinter all dem steht.

Nichtsdestotrotz äußern sich die Brigaden in ihrer heutigen Erklärung sehr konkret: "Die europäischen Hauptstädte werden in den kommenden Tagen eine Kette von Anschlägen sehen, (ausgeführt) von Mudschahidin, die schon auf der Lauer liegen."

Das problematische an dieser Art von Ankündigungen ist: Selbst wenn sie sich, wie schon so oft, als falsche Drohung erweisen, bedeutet das immer noch nicht zwangsläufig, dass es sich bei den Abu Hafs al-Masri-Brigaden nur um ein Phantom handelt.

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