Al-Qaida Bin Laden geht mit neuem Video auf Sympathisantenfang

Das neue Video von Osama Bin Laden belegt, dass der Qaida-Chef lebt - aber statt mit Anschlägen zu drohen, lädt er die Amerikaner diesmal ein, Muslime zu werden. Indem er den Philosophen und Antikapitalisten gibt, versucht er abtrünnige Anhänger und unzufriedene Nichtmuslime zugleich anzusprechen.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Das neue Video von Osama Bin Laden soll eine Länge von etwa 30 Minuten haben. Erste englische Übersetzungen des Bandes kursierten ab dem späten Freitagabend. Ihnen zufolge enthält die erste Ansprache des Qaida-Chefs seit mehr als einem Jahr keine konkreten Anschlagsdrohungen. Weil die relativ neu ins Amt gekommenen Staatsmänner Nicolas Sarkozy und Gordon Brown erwähnt werden, kann die Rede nicht älter als wenige Monate sein. Die Aufzeichnung wird von Experten als authentisch eingestuft. Trifft dies zu, ist der Film ein relativ aktueller Beweis dafür, dass der meistgesuchte Mann der Welt noch am Leben ist - fast genau sechs Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001.

Neues Video von Bin Laden: Kapitalismus- und Globalisierungskritik
AFP

Neues Video von Bin Laden: Kapitalismus- und Globalisierungskritik

Die Rede ist aus mehreren Gründen ungewöhnlich. Dies betrifft zum einen den Inhalt: Nie zuvor hat Osama Bin Laden sich derart als eine Art globaler Oppositionspolitiker inszeniert. Weite Teile der Ansprache bestehen aus reiner Kapitalismus- und Globalisierungskritik. "So wie ihr euch zuvor aus der Sklaverei der Mönche, Könige und Feudalherren befreit habt, so solltet ihr euch jetzt von den Irreführungen ... des kapitalistischen Systems befreien", sagt der Qaida-Gründer an einer Stelle.

Zum anderen ist ungewöhnlich, auf welche Art der Inhalt der Rede bekannt wurde. In der Nacht zum Donnerstag hatte die Qaida-nahe Produktionsfirma al-Sahab angekündigt, dass eine Rede des Terrorpaten bald veröffentlicht werde. Doch noch bevor die Terror-Propagandisten das Band publizierten, berichteten gestern US-Medien über die Kernaussagen Bin Ladens.

Am Freitagnachmittag war bekannt geworden, dass der US-Regierung ein Vorabexemplar der Rede vorlag. Auf welchem Wege sie es erhielt, ist noch unklar. Es kommen aber praktisch nur zwei Wege in Frage: Entweder beschafften Geheimdienste das Material, oder private Terrorforschungsinstitute erhielten frühzeitig Zugriff auf das Band und gaben es weiter. In jedem Fall kam es zu einer Premiere: Die Welt diskutiert über eine Bin-Laden-Rede, die al-Qaida noch gar nicht freigegeben hat.

Rede ist an "das amerikanische Volk" adressiert

Anders als in früheren Fällen liegt das Original-Band SPIEGEL ONLINE deshalb nicht vor. Auf den einschlägigen dschihadistischen Internetseiten stand in der Nacht zum Samstag noch immer nur die Ankündigung des Films zu lesen. Die Zitate in diesem Artikel basieren auf einem englischen Transkript, das der US-Fernsehsender ABC veröffentlicht hat:

Dieser Abschrift zufolge beginnt Bin Laden seine Rede mit einer geradezu höflichen Adresse an "das amerikanische Volk": "Ich werde über einige wichtige Dinge sprechen, die Sie angehen. Leihen Sie mir darum Ihr Ohr."

Was folgt, ist zunächst eine islamistische Tour d'Horizon: Politische, geschichtliche und moralische Erörterungen vermischend, zeichnet Bin Laden das Bild einer Nation, die auf der Verliererstraße ist. Obwohl militärisch übermächtig, könnten die Amerikaner im Irak nicht gewinnen - weil sie zwar moralisch argumentierten, in Wahrheit aber nur den Interessen internationaler Konzerne folgten.

Das Ansehen der USA sei deswegen ruiniert. Um "den Krieg zwischen uns" zu stoppen, gebe es zwei Möglichkeiten: Entweder die Mudschahidin stellten die Kampfhandlungen ein, was aber nicht gehe, weil sie eine Pflicht erfüllten. Oder die USA sähen endlich ein, dass sie die Verlierer im Irak seien. Es sehe aber so aus, als würden sie die eigenen Fehler aus dem Vietnam-Krieg und die der Sowjets aus dem Afghanistan-Feldzug wiederholen und sich vor der besseren Einsicht drücken.

Es gebe allerdings einen Ausweg, sagt Bin Laden weiter: Die Amerikaner sollten "nach einem alternativen, aufrechten Weg suchen", in dem es nicht darum gehe, andere zum eigenen Nutzen zu unterdrücken. Natürlich hat dieser Weg auch einen Namen: Die Amerikaner sollen zum Islam konvertieren. Bin Laden macht sich sogar die Mühe, Koranstellen aufzuzählen, in denen Jesus und Maria erwähnt werden.

Che Bin Laden will Sympathien gewinnen

Anders als in seiner vorherigen Ansprache aus dem Sommer 2006 droht er diesmal nicht mit Anschlägen. Der Terrorpate sinniert stattdessen über Bücher, zum Beispiel des linken Intellektuellen Noam Chomsky. Der Libanon-Krieg, der Konflikt zwischen Hamas und Fatah, die Anschlagsversuche in Großbritannien und Deutschland - all das wird nicht erwähnt.



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