Al-Qaida im Irak Neue Spekulationen um getötete Terrorführer

Post von Bin Laden, ein Verräter und eine weitere Festnahme: Aus dem Irak dringen neue Details zu der Operation, bei der die Doppelspitze von al-Qaida im Land ausgeschaltet wurde. Aber Skepsis bleibt: Die Polizei dementiert den Tod von Abu Omar al-Baghdadi.

Irakischer Premier Maliki mit Fotos der Getöteten: Abu Wer? Abu Was?
AFP

Irakischer Premier Maliki mit Fotos der Getöteten: Abu Wer? Abu Was?

Von Yassin Musharbash


Berlin - Vier Monate: So lange haben irakische und US-amerikanische Spezialeinheiten die Doppelspitze von al-Qaidas Irak-Filiale angeblich im Visier gehabt, bevor sie in der Nacht zum Montag zuschlugen und - nach eigenen Angaben - die beiden meistgesuchten Männer des Landes in einem Gefecht töteten.

Einen Tag, nachdem Premierminister Nuri al-Maliki den spektakulären Erfolg persönlich verkündete, dringen nun Details zu der Operation an die Öffentlichkeit, bei der nicht nur der Chef der Qaida-Filiale, Abu Ajjub al-Masri, ums Leben gekommen sein soll. Sondern auch der "Amir" des "Islamischen Staates Irak", einem von al-Qaida gegründeten Terror-Dachverband, Abu Omar al-Baghdadi.

So berichtete ein irakischer Nachrichtendienstler, der an der Attacke beteiligt war, dass die beiden Terroristen sich mit einigen Gefolgsleuten in einem abgelegenen, einstöckigen Lehmhaus aufgehalten hätten. Ein schon vor Wochen festgenommener Qaida-Kader habe den Unterschlupf preisgegeben. US-amerikanische und irakische Soldaten hätten das Haus zunächst umstellt und dann ein Feuergefecht eröffnet. Schließlich baten die Iraker um US-Luftunterstützung. US-Kampfhubschrauber beschossen daraufhin das Haus mit Raketen.

Masris Ehefrau hat überlebt

Die Iraker, so der Geheimdienstmann, hätten das Gebäude zunächst nicht stürmen wollen, weil es hieß, dass Masri einen Sprengsatz umgeschnallt habe. Erst als von drinnen nicht mehr geschossen wurde, betraten sie das Gebäude. Sie seien auf vier Tote gestoßen, die man als Abu Ajjub al-Masri und Abu Omar al-Baghdadi identifiziert habe, außerdem als Baghdadis Sohn und einen Assistenten von al-Masri. Zwei Frauen hätten den Angriff überlebt, eine sei Masris Ehefrau.

"Wir sind uns sehr sicher, dass die beiden wirklich die beiden (Gesuchten) sind", wird der Nachrichtendienstler zitiert. Diese Zuversicht teilten offenbar auch Premier Maliki, der bei einer Pressekonferenz am Montag Fotos der Getöteten präsentierte, und US-Vizepräsident Joe Biden, der in Washington ebenfalls keinen Zweifel daran zuließ, dass al-Qaidas Doppelsitze im Irak ausgeschaltet sei.

Doch es herrscht noch immer Skepsis, auch unter Terrorexperten. Zum einen hat al-Qaida den Tod noch nicht bestätigt; zum anderen sind beide nach offiziellen irakischen Angaben in den vergangenen Jahren bereits mehrfach getötet oder verhaftet worden.

Ein Beispiel für diese unaufgelösten Widersprüche fand sich am Dienstag in der irakischen Presse, wo ein Bagdader Polizeioffizier mit der Aussage zitiert wurde, die Meldung vom Tod Baghdadis könne nicht stimmen - schließlich befinde sich der Mann seit einem Jahr in einem Bagdader Gefängnis.

In der Tat hatte die irakische Polizei vor einem Jahr sogar im Staatsfernsehen einen Mann präsentiert, der von sich behauptete, Baghdadi zu sein und ein umfassendes Geständnis ablieferte. Sein Bild passt nicht zu dem, das Maliki gestern zeigte.

Lange Geschichte von Widersprüchen

Diese und andere Widersprüche (siehe Grafik) lassen sich zum Teil dadurch erklären, dass die irakische Qaida-Filiale aus dem Tod ihres Gründer Abu Musab al-Sarkawi im Juni 2006 die Konsequenz gezogen hatte, dass es besser sei, wenn die Anführer ihr Gesicht nicht zeigten und nicht allzu viel über sie bekannt wäre. Sarkawi war bei einem US-Luftangriff getötet worden; zuvor hatte ihn ein Kollaborateur verraten. Sein Gesicht war durch zahlreiche Propagandavideos bekannt, sein Tod dadurch nicht abzustreiten.

Anders ist es nun bei Masri - und noch mehr im Falle Baghdadis. Denn der "Amir" von al-Qaidas Phantasiestaat hat nie ein Bild von sich veröffentlicht, von ihm ist auch kein Klarname gesichert bekannt. Schon seit Jahren wird spekuliert, dass al-Qaida ihn als Kollektividentität nutzt, hinter der sich verschiedene Kader verbergen. In diesem Fall hat al-Qaida nun die Option, einfach zu behaupten, er sei noch am Leben - das Gegenteil nachzuweisen dürfte unmöglich sein.

Andererseits scheint es Indizien dafür zu geben, dass das gestürmte Haus tatsächlich von al-Qaida benutzt wurde und dass sich zum Zeitpunkt des Zugriffs mindestens hochrangige Kader dort befanden. So seien bei den Leichen Rechner und Dokumente sichergestellt worden, unter anderem eine Korrespondenz mit Osama Bin Laden, hieß es. Die wäre ein bedeutender Hinweis darauf, dass man al-Qaida im Irak wirklich an einer empfindlichen Stelle getroffen hat. Allerdings müsste die Authentizität über jeden Zweifel erhaben sein.

Ein Terrornetzwerk im Niedergang

Sollte der Angriff tatsächlich Baghdadi und Masri ausgeschaltet haben, dürfte die Qaida-Filiale im Irak in arge Probleme geraten. Die beiden sind die einzigen wirklich bekannten Anführer. Jeder Nachfolger müsste sich seine Reputation erst aufbauen. Das dürfte umso schwerer fallen, als die einst mächtigste aller Qaida-Filialen, die sogar von der Zentrale um Geld angepumpt wurde, mittlerweile deutlich an Kapazitäten eingebüßt hat.

Im Jahr 2008 durch die US-Armee gesicherte Unterlagen dokumentierten dies eindringlich.Darin beschwerten sich irakische Qaida-Kader über Inkompetenz auf allen Ebenen, Überbürokratisierung und selbstherrliche Anführer und Halbleiter.

Dass bei der Operation am Montagmorgen insgesamt offenbar bis zu 16 Qaida-Kader festgenommen wurden, kommt hinzu. Und am Dienstag ging angeblich - auf der Grundlage der Informationen desselben Kollaborateurs - ein wichtiger Lokalkommandeur ins Netz.

Anschläge auf Kirchen verhindert?

Aus Bagdad heißt es, durch den Zugriff sei eine geplante Anschlagsserie auf Kirchen verhindert worden; das würde zur Strategie al-Qaidas im Irak passen. In den vergangenen Monaten hatte das Netzwerk sich darauf verlegt, im Abstand von wenigen Wochen massive Bombenserien durchzuführen, die jedes Mal eine bestimmte Auswahl an Zielen umfassten: Beim ersten Mal Regierungseinrichtungen, beim zweiten Mal große Hotels, beim dritten Mal diplomatische Vertretungen. Baghdadi und Masri stellten diese Serienanschläge, denen Hunderte zum Opfer fielen, als Teil eines durchdachten "Plans der Ernte des Guten" dar. Als viertes Ziel christliche Gebetshäuser ins Visier zu nehmen, klingt in dieser Logik plausibel.

Analysten der Nachrichtendienste und Terrorexperten auf der ganzen Welt warten nun mit Spannung auf die erste Äußerung von al-Qaida im Irak. Den Tod von Abu Mussab al-Sarkawi hat das Netzwerk nie wirklich verwunden. Der Tod des "Schlächters von Bagdad" wurde damals als "frohe Kunde" verbreitet, weil er ja als Märtyrer zweifelsfrei ins Paradies einziehen würde. Sodann wurde die Parole ausgegeben, dass es in diesem Kampf um Religion und nicht um die Gefolgschaft zu einem bestimmten Mann gehe. Aber die Zustimmungsraten brachen dennoch ein, es fehlte ein charismatischer Anführer.

In den dschihadistischen Debattenforen im Internet gilt der verkündete Tod der Doppelspitze den meisten bislang noch als Intrige und Lüge der irakischen Regierung. Aber je länger al-Qaidas Dementi ausbleibt, desto häufiger werden Postings von Zweiflern. Erfahrungsgemäß wird al-Qaida sich nicht allzu lange Zeit lassen.

Mit Material von AP



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