US-Angriff auf Wuhayshi Sein Tod trifft al-Qaida schwer

Er war Osama Bin Ladens persönlicher Assistent, galt als al-Qaidas Nummer zwei, die Spur des "Charlie Hebdo"-Anschlags führte zu ihm. Jetzt ist Nasser al-Wuhayshi bei einem US-Angriff getötet worden. Laufen seine Leute nun zum IS über?

AFP

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Die Bestätigung lässt nicht lange auf sich warten. Nasser al-Wuhayshi, 38 und Chef der jemenitischen al-Qaida (AQAP), sei bei einem US-Angriff ums Leben gekommen, liest Khaled Batarfi vor, ein behäbiger Dschihadist mit dichtem schwarzen Bart und dünnrändiger Brille. Das Video-Statement wird ab Samstag vom PR-Flügel der Terroristen im Internet verbreitet. Keine 24 Stunden zuvor wurde Wuhayshi von einer amerikanischen Drohne getroffen.

Innerhalb weniger Monate haben die USA damit vier prominente Vertreter der AQAP getötet. Mit Nasser al-Wuhayshi haben sie nun den wichtigsten Mann getroffen. Er hatte den einzigen Ableger von al-Qaida angeführt, der es weiterhin schafft, Anschläge im Westen zu planen. Seit 2013 firmierte Wuhayshi daher als oberster Terrorplaner, die Nummer zwei in der Hierarchie von al-Qaida hinter Ayman al-Zawahiri.

Bei den jüngsten internationalen Attentaten und Anschlagsversuchen hatte die Spur jedes Mal in den Jemen geführt:

  • "Charlie Hebdo": Mindestens einer der beiden Kouachi-Brüder, die elf Mitarbeiter der französischen Satirezeitschrift ermordeten, wurde von AQAP ausgebildet.

  • Paketbomben: Mehrere davon schickte die Gruppe 2010 an jüdische Einrichtungen in den USA versteckt in Druckerpatronen. Sie wurden rechtzeitig entdeckt.

  • Unterhosen-Bomber: 2009 versuchte AQAP-Mitglied Umar Farouk Abdulmutallab, auf einem Flug nach Detroit eine Bombe zu zünden, die in seiner Unterhose versteckt war.

Zehn Millionen Dollar hatte das US-Außenministerium auf Hinweise ausgeschrieben, die Wuhayshis Aufenthaltsort enttarnten.

Neue AQAP-Führung vor Richtungsfrage

Wuhayshi hatte AQAP 2009 mit anderen Dschihadisten aus Saudi-Arabien und dem Jemen gegründet. Er war ein Qaida-Veteran: In den Neunzigerjahren kämpfte er in Afghanistan, wurde zum persönlichen Assistenten Osama Bin Ladens und von diesem zur zukünftigen Führungskraft aufgebaut.

Nach dem Sturz der Taliban in Afghanistan 2001 wurde Wuhayshi auf der Flucht in Iran festgenommen und an sein Heimatland Jemen ausgeliefert. Dort saß er ohne Anklage in Haft, bis ihm 2006 gemeinsam mit 22 anderen militanten Islamisten die Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Sanaa gelang.

Zum Nachfolger hat AQAP Qassim al-Raimi ernannt, der manchmal auch al-Rimi geschrieben wird. Er war bisher AQAPs oberster Militärchef und ist ebenfalls langjähriger Qaida-Veteran: Er gehörte mit Wuhayshi zu AQAPs Männern der ersten Stunde und brach mit diesem zusammen 2006 aus dem Gefängnis aus.

Wuhayshi-Nachfolger: Qassim al-Raimi mit und ohne Vollbart
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Wuhayshi-Nachfolger: Qassim al-Raimi mit und ohne Vollbart

Anders als Wuhayshi hat Qassim al-Raimi jedoch keine persönliche Verbindung zur Qaida-Führung im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Es ist nicht bekannt, ob der 35- oder 36-Jährige dort selbst gekämpft hat. Sein älterer Bruder Ali al-Raimi hingegen wurde in Afghanistan gefangen genommen und sitzt noch immer in US-Haft in Guantánamo ein.

Dass der Dschihadisten-Führung im Jemen mit dem Tod von Wuhayshi der direkte Draht zu Qaida-Chef Ayman Zawahiri fehlt, wirft Fragen auf, in welche Richtung sich AQAP orientieren wird.

Auch im Jemen gibt es Dschihadisten, die sich lieber am "Islamischen Staat" als an al-Qaida orientieren und ein Kalifat im Hier und Jetzt ausrufen wollen. Zumal die Dschihadisten im Jemen inzwischen ebenfalls Gebiete kontrollieren. Manche von ihnen haben sich bereits zu einer Provinz des IS-Kalifats in Syrien und im Irak erklärt.

AQAP nutzt das Chaos des Bürgerkriegs

Die erfolgreichen US-Drohnenangriffe auf AQAPs Führung haben die Dschihadisten im Jemen bisher nicht entscheidend geschwächt. Im Jemen tobt derzeit ein erbitterter Bürgerkrieg. AQAP nutzt das Chaos, um sich selbst auszubreiten und wichtige Dschihadisten zu befreien.

Khaled Batarfi beispielsweise, das hochrangige AQAP-Mitglied, das Wuhayshis Tod per Video-Botschaft verkündete, wurde im April zusammen mit 300 anderen Inhaftierten von AQAP aus einem Gefängnis in der jemenitischen Küstenstadt Mukalla befreit.

Die Stadt, Jemens fünftgrößte, steht seit April de facto unter der Kontrolle von AQAP. In der Umgebung von Mukalla sollen auch Wuhayshi und die anderen drei getöteten AQAP-Kommandeure von US-Drohnen getroffen worden sein.

In Libyen hatten die USA am Wochenende mit Kampfjets einen Angriff auf ein Versteck geflogen, in dem Mokhtar Belmokhtar vermutet wurde, al-Qaidas führender Mann in Afrika. Doch ist noch offen, ob dieser tatsächlich getötet wurde. Die libysche Dschihadistengruppe Ansar al-Scharia bestreitet dies und bestätigt lediglich, dass mehrere ihrer Mitglieder getötet wurden.

Zusammengefasst: Die USA haben den Chef von al-Qaida im Jemen getötet. Der Ableger des Terrornetzwerks ist der einzige, der noch Anschläge im Westen verüben konnte. Der Nachfolger hat keinen direkten Draht zur Qaida-Führung im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Die Miliz steht nun vor der Frage, ob sie sich eher am "Islamischen Staat" oder weiter an al-Qaida orientieren will.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
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santoku03 16.06.2015
1. Gute Strategie
Eine sehr gute und ökonomische Strategie, die Führungsstrukturen dieser Vereine auf diese Weise regelmäßig etwas zu stören. Man sollte sich ebenso auf die Nachschubwege und Geldquellen fokussieren. Sinnvoller, als in die direkte Auseinandersetzung in offener Schlacht zu gehen. Glückwunsch!
pingjong 16.06.2015
2.
Al Quaida ist doch eh kaum noch relevant im Terrorgeschäft, aber gut das es wieder einer weniger ist.
managerbraut 16.06.2015
3. Kaum das einer von US Drohnen - Kampfjets
gemordet wurden, stehen 2 neue bereit die Lücken auszufüllen. Mit Nadelstichen in Millionenhöhe für einen Terroristen wird man weder Al Quaida, die Taliban, Broko Harem - ISIS und all deren Ableger je besiegen!
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