Kampf gegen Assad: Syriens al-Qaida

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Der Anführer von Syriens Nusra-Rebellen zeigt sich nur mit Maske. Dahinter vermuten Experten einen Dschihadisten aus dem Irak. Seine Truppe ist offenbar untrennbar mit al-Qaida im Nachbarland verwoben - das US-Außenministerium bezeichnet beide Organisationen sogar als identisch.

Nusra-Kämpfer in Aleppo: Die Rebellengruppe gehört offenbar zu Iraks al-Qaida Zur Großansicht
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Nusra-Kämpfer in Aleppo: Die Rebellengruppe gehört offenbar zu Iraks al-Qaida

Raucher brauchen sich gar nicht erst bei Dschabhat al-Nusra zu bewerben. Die radikalste syrische Rebellengruppe nimmt nicht jeden. Sie will nur Kämpfer, die sich zu einer erzkonservativen Version des Islam bekennen: keine Zigaretten, kein Alkohol, keine Skinny Jeans. Ziel der Nusra-Gruppe: die Errichtung eines Gottesstaats in Syrien wie im 7. Jahrhundert.

Die Dschabhat al-Nusra ist zur wichtigsten Rebellengruppe aufgestiegen nach Einschätzung eines neuen Berichts der Quilliam-Stiftung, die über dschihadistischen Terrorismus forscht. Sie ist nicht die größte Gruppe; nach Schätzungen zählt die Dschabhat al-Nusra zwischen 5000 und 7000 Mitglieder. Aber sie ist die effizienteste: Über 600 Attacken sollen auf ihr Konto gehen, darunter auch der Anschlag in Damaskus vom Juli 2012, bei dem der halbe Sicherheitsrat von Baschar al-Assad ums Leben kam. Im Norden Syriens hat sie eine starke Präsenz.

Nusra-Mitglieder bekämpften die Amerikaner im Irak

Dass die Nusra als schlagkräftig berüchtigt ist, liegt nicht nur an ihrem im Vergleich zu anderen syrischen Rebellengruppen strengen Auswahlverfahren. Sie zählt auch viele Kämpfer in ihren Reihen, die jahrelange Erfahrung mit Guerrillakrieg und Terrorismus mitbringen - von ihrer Zeit als al-Qaida-Kämpfer im Irak.

"Dschabhat al-Nusra ist die bekannteste Gruppe in der internationalen Dschihadistengemeinde", sagte Aron Lund, ein schwedischer Journalist, der Analysen zu Dschihadismus in Syrien veröffentlichte, SPIEGEL ONLINE. Internationale Dschihadisten haben sich ihr angeschlossen, darunter Tschetschenen, Europäer und Golfstaaten-Araber. Auffällig ist, dass al-Nusra die einzige syrische Rebellengruppe ist, deren Videobotschaften von Qaida-nahen Internetforen verbreitet werden.

Vor allem die Führung von Dschabhat al-Nusra hat es in sich. "Viele Kader kommen vomdschihadistischen Netzwerk um Abu Mussab al-Sarkawi", glaubt die Quilliam-Stiftung. Sarkawi war bis zu seiner Ermordung 2006 einer der meistgesuchten Terroristen. Nach dem Einmarsch der Amerikaner im Irak 2003 baute er die dortige Qaida-Filiale auf, die das Land noch immer mit Bombenanschlägen, Entführungen und Enthauptungen terrorisiert.

Ihr mysteriöser Chef zeigt sich nur mit Maske

"Einige der ersten Rekruten von Sarkawi stammten aus dem Kreis der Muslimbruderschaft in Syrien", sagt Nada Bakos, Ex-CIA-Analystin für al-Qaida im Irak, SPIEGEL ONLINE. Die Quilliam-Stiftung geht davon aus, dass diese Erstrekruten es zunächst an die Spitze von al-Qaida im Irak geschafft haben und nun nach Syrien zurückkehren und dort die Nusra-Gruppe aufbauen. Ins Leben gerufen hat sich Dschabhat al-Nusra per Videobotschaft im Januar 2012, fast ein Jahr nach Beginn der Proteste gegen Baschar al-Assad.

Der Nusra-Chef nennt sich "Abu Muhammed al-Golani", ein Pseudonym, das signalisieren soll, dass er aus der Golan-Region im Süden Syriens stammt. Wer er ist, weiß kaum einer. Selbst im Gespräch mit Anführern anderer Rebellengruppen zeigt sich "al-Golani" nur mit Maske. Die Forscher der Quilliam-Stiftung geht davon aus, dass es sich bei dem Nusra-Chef um einen Dschihadisten aus der Sarkawi-Clique handelt, den man eigentlich schon tot glaubte. Den Namen wollen sie jedoch noch nicht preisgeben.

Al-Qaida im Irak und die syrische Nusra haben dieselbe Logistik

Die Quilliam-Beschreibung des mysteriösen Manns hinter der Maske passt perfekt auf einen syrischen Top-Terroristen mit Irak-Vergangenheit: Sulaiman Chalid Darwisch. Der Syrer wäre heute 36.

Darwisch stammt aus einem südlichen Vorort von Damaskus, wo viele Familien aus dem Süden des Landes und aus Palästina leben. Er soll 1999 in Afghanistan gekämpft und dort eine Gruppe namens "syrische Krieger" gegründet haben. Aus dieser Zeit kennt er Sarkawi, dem er später in den Irak folgte. Darwisch wurde zum Finanzier der Sarkawi-Clique und betreute die Schmuggelrouten zwischen Syrien und dem Irak. Ob er inzwischen getötet wurde oder noch am Leben ist, ist unklar.

Doch nicht nur das Führungspersonal, auch die Logistik soll Dschabhat al-Nusra sich mit der irakischen al-Qaida teilen. "Zweifellos benutzt al-Qaida die Schmuggelrouten zwischen Syrien und dem Irak, die es in den letzten zehn Jahren aufgebaut hat", sagt Bakos. Offenbar funktionieren die alten Kanäle nun in die andere Richtung: Statt Verbindungsmänner mit Geld und Geheimbotschaften von Syrien zu al-Qaida im Irak zu schicken, schmuggeln sie nun in die andere Richtung.

"Ich glaube, man kann nur schwer einen Unterschied zwischen al-Qaida im Irak und Dschabhat al-Nusra machen", sagt Bakos. "Schließlich teilen sie sich höchstwahrscheinlich dieselben Ressourcen." Das US-Außenministerium bezeichnete Dschabhat al-Nusra im Dezember sogar als Pseudonym der irakischen al-Qaida und als "Versuch von al-Qaida im Irak, den Kampf des syrischen Volks für seine eigenen böswilligen Zwecke zu kapern".

Dschabhat al-Nusra könnte die Region destabilisieren

Die rasant wachsende Dschabhat al-Nusra ist sicherlich kein monolithischer Block. Für einige syrische Mitglieder dürfte statt einem "heiligen Krieg" gegen Andersgläubige der Aufstand gegen das Regime im Vordergrund stehen. Dass al-Nusra als beste Chance gegen Assad wahrgenommen wird und anders als viele Rebellengruppen Dschabhat al-Nusra ihren Anhängern ein regelmäßiges Gehalt zahlt, dürfte in Syrien wohl mehr zu ihrer Beliebtheit beitragen als ihre radikalislamistischen Forderungen.

Was der Aufstieg von Dschabhat al-Nusra für die Zukunft Syriens bedeutet, muss sich erst noch zeigen. Die Dschihadisten scheinen aus der Erfahrung im Irak gelernt zu haben, wo die irakische al-Qaida mit radikalen Forderungen und Anschlägen, bei denen regelmäßig Zivilisten starben, schnell die Sympathien der Bevölkerung verlor.

"Dschabhat al-Nusra stellt in Syrien ihre lokalen Ziele in den Vordergrund, um Unterstützung zu bekommen", sagt Lund. "Ihre Ähnlichkeit mit al-Qaida versuchen sie herunterzuspielen." Anders als die irakische al-Qaida versuche Dschabhat al-Nusra auch nicht, die anderen Rebellengruppen zu dominieren, sagt Bakos. Stattdessen versuche man durch Taten zu punkten. "Dschabhat al-Nusra hat sich unersetzlich gemacht für den Aufstand - und das bringt ihnen Anerkennung ein."

Ob die Gruppe jemals internationale Ambitionen hegen könnte wie die zentrale Führung von al-Qaida, die Anschläge in Europa und den USA plante, oder ob sie sich auf die eigene Nachbarschaft konzentrieren wird, ist noch völlig unklar. "Al-Nusra könnte die regionale Instabilität im Nahen Osten in Zukunft verschärfen und auch den weltweiten Dschihad befeuern", sagt Nada Bakos. "Aber ob sie dazu tatsächlich in der Lage sind, bleibt abzuwarten."

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insgesamt 188 Beiträge
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1. Jetzt rächt sich die Politik der Vergangenheit
felixhenn 13.01.2013
Die Familie Assad war nie ein Garant für freiheitliche Demokratie, jedoch hat sie der Westen aus zwei Gründen immer unbehelligt gelassen: 1. Sie war so herrlich pflegeleicht. 2. Sie genoss die Unterstützung Russlands und Chinas. Was aber jetzt kommt, ist mit Sicherheit nicht besser als die Assads und man sollte unbedingt die Strategie überdenken. Die kommenden Probleme mit den Rebellen sind einfach zu offensichtlich um die ignorieren zu können. Deshalb ist es unverständlich, warum sich unsere Außenpolitik gegen Assad richtet. Da sollte etwas weiter gedacht werden als bis zur nächsten Bundestagswahl und der Sicherung der türkischstämmigen Stimmen in unserem Land. Auch sollten wir mal überdenken ob wir überhaupt den Weg Erdogans, der ja offensichtlich die Rebellen unterstützt, mitgehen können oder wollen. Bei aller Nato, islamischen Fundamentalismus wie ihn Erdogan anstrebt, wollen wir nicht bei uns.
2. optional
iradei 13.01.2013
Wie das ?????? letzte Woche waren das doch noch " Freiheitskämpfer "
3. Gut gemacht NATO!
footman 13.01.2013
Gut, dass schlaue Leute das von Anfang an gesagt haben. Die Amis Nato machen immer wieder die selben Fehler und helfen den eigenen Feinden. Weiter so.
4. na sowas
affenkopp 13.01.2013
Die freiheitsliebenden Aufständischen sind in Wahrheit religiöse Fanatiker.und Terroristen. Dies war schon seit Beginn dieses "Aufstandes" bekannt. Nun versuchen westliche Politiker und Medien ihr Versagen und ihre Greuelpropaganda gegen Assad vergessen zu machen.
5. optional
TheBlackJack 13.01.2013
Vor paar Monaten galt die Nusra Front als eine erfindung Assads. Man wollte nicht glauben das diese "Rebellengruppe" eine Terroristengruppe ist. Wenn ich mir den Beitrag so durchlese, dann scheint man es immer noch nicht glauben zu wollen.
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Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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