Von Hasnain Kazim und Christoph Sydow
Islamabad/Hamburg - Die Nachrichten der vergangenen Tage machen Hoffnung: Die Frau eines hochrangigen Qaida-Funktionärs bestätigt, dass ihr Mann im pakistanischen Nordwaziristan getötet wurde. In Jemen wurden zwei der meistgesuchten Qaida-Leute getötet, ebenfalls mit Hilfe von Drohnen. Und US-Terrorexperten gehen Hinweisen nach, dass ebenfalls vor ein paar Tagen ein für al-Qaida operierender Terrorist in Somalia getötet wurde.
Al-Qaida, 1988 im pakistanischen Peschawar als al-Qaida al-Askarija ("die militärische Basis") gegründet, scheint geschwächt. Vor einem Jahr wurde ihr Chef Osama Bin Laden, der meistgesuchte Terrorist der Welt, bei einem spektakulären Einsatz von Navy Seals im nordpakistanischen Abbottabad getötet. Vier Monate später, im September, starb der für das Anwerben neuer Kämpfer zuständige Anwar al-Awlaki durch einen Drohnenbeschuss in Jemen. In den vergangenen Monaten und Jahren ist es den USA gelungen, mehrere Top-Qaida-Leute zu verhaften oder zu töten.
Immer wieder verbreiten Politiker und Geheimdienste daher die Ansicht, das Terrornetzwerk sei erledigt. Doch al-Qaida, gegründet mit den Zielen, den Mudschahidin im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan zu helfen, langfristig aber für eine Verbreitung eines konservativen Islam nach dem Buchstaben des Koran zu kämpfen, ist längst nicht verschwunden. Das Terrornetzwerk hat sich den neuen Realitäten nur angepasst.
Richtig ist, dass al-Qaida geschwächt ist. Seit Bin Ladens Tod, berichten junge Qaida-Leute, sei ein Richtungsstreit entbrannt. Aiman al-Sawahiri, Nachfolger Bin Ladens auf dem Chefposten, habe weniger Rückhalt unter den Qaida-Kämpfern als die Nummer zwei, Abu Jahja al-Libi.
Richtungsstreit im Terrornetzwerk
Wie Bin Laden zählt Libi zu den gemäßigten Kräften innerhalb von al-Qaida. Der Ägypter Sawahiri dagegen gilt als Hardliner und Anhänger der Takfir-Doktrin: Wer nicht der strengen Auslegung des Islam anhänge, sei Ungläubiger und damit zu bekämpfen.
Sawahiri macht zudem zu schaffen, dass er wenig charismatisch ist. Er wird von seinen Anhängern zwar respektiert, aber anders als Bin Laden kaum geliebt. Die meisten jungen Qaida-Leute bevorzugen den rhetorisch begabten Libi, der kein so strenges Weltbild wie Sawahiri propagiert. Von einem Kampf Muslime gegen Muslime, nur weil manche den Koran weniger streng auslegen, halten sie nichts.
Allerdings, sagen mehrere Qaida-Leute SPIEGEL ONLINE am Telefon, seien die Libi-Anhänger in der "misslichen Lage", dass man ihre Position als "Anbiederung an den Westen" auffassen könne. "Es ist eine Frage von Zeit, ich vermute von mehreren Jahren sogar, bis die USA auch mit al-Qaida reden werden. So wie sie es jetzt auch mit den Taliban tun", sagt einer. "Die Sawahiri-Anhänger machen uns das zum Vorwurf."
Eine Kontrolle über die Ideologie entgleitet dem Terrornetzwerk aber auch aus einem anderem Grund. In den zwölf Monaten seit Bin Ladens Tod hat sich ein Trend verstärkt, den Beobachter des Terrornetzwerks bereits seit mehreren Jahren verfolgen: Al-Qaida dezentralisiert sich immer weiter und spaltet sich in regionale Filialen auf. Sicherheitsexperten sprechen von einem Franchise-System: Unterschiedliche Gruppen von Mauretanien bis Pakistan agieren unter der Marke al-Qaida, handeln aber ohne zentrale Führung und auf eigene Rechnung.
Zudem bereiten Einzelkämpfer wie der Franzose Mohamed Merah, der die Stadt Toulouse mit sieben Morden in Angst und Schrecken versetzte, Anti-Terror-Experten zunehmend Sorge.
Wer welche Ideologie verfolgt, ist nahezu unkontrollierbar. Doch die Verbreitung und Dezentralisierung nutzt sowohl den verbliebenen Köpfen der Qaida-Zentrale um Sawahiri, als auch den Chefs der jeweiligen Untergruppen in den unterschiedlichen Ländern.
Qaida-Chef prahlt mit neuer Stärke
Sawahiri kann in seinen regelmäßig erscheinenden Audiobotschaften mit der Stärke des Netzwerks prahlen, auch wenn er auf die einzelnen Zweigstellen allenfalls indirekten Einfluss nehmen kann. Und die militanten Islamistengruppen, die sich unter der schwarzen Qaida-Flagge mit dem islamischen Glaubensbekenntnis versammeln, profitieren davon, dass dem Netzwerk noch immer der Ruf als schlagkräftigste Terrorbewegung der Welt vorauseilt. Das macht es für Extremisten in Mali, Somalia oder Jemen nach wie vor attraktiv, sich al-Qaida anzuschließen.
Neben verschiedenen Gruppen in Afghanistan und Pakistan gibt es derzeit weltweit mindestens fünf Organisationen mit Verbindungen zu Sawahiris Qaida-Zentrale:
Während die vier genannten Bewegungen im vergangenen Jahr an Macht und Stärke gewonnen haben, kommt al-Qaida im Irak ihrem im Namen vorgegeben Ziel - die Errichtung eines "Islamischen Staat Irak" - nicht näher. Zwar überziehen die Dschihadisten das Zweistromland regelmäßig mit Anschlagserien, von der politischen Macht in Bagdad sind sie jedoch auch nach dem Abzug der US-Kampftruppen weit entfernt.
Dafür haben die militanten Islamisten das Nachbarland Syrien als zukünftiges Schlachtfeld ausgemacht. Auch westliche Geheimdienste gehen mittlerweile davon aus, dass Qaida-Zellen aus dem Irak in Syrien eingesickert sind. Ironie der Geschichte: Während des irakischen Bürgerkriegs hatte das Assad-Regime geduldet, dass Dschihadisten über die Grenze ins östliche Nachbarland eindringen konnten, um dort gegen die US-Besatzer zu kämpfen.
Um in Syrien jedoch dauerhaft Fuß fassen zu können, wird die regionale Qaida-Filiale ihre Ideologie anpassen müssen. Wenn sie an ihrer Takfir-Doktrin festhält, wird al-Qaida kaum eine wichtige Rolle im Kampf gegen das Assad-Regime spielen.
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