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24. Februar 2011, 18:01 Uhr

Al-Qaida und die Revolte

Gottesstaat? Nein danke!

Von Yassin Musharbash

Ben Ali flieht, Mubarak stürzt, Gaddafi wankt, und al-Qaida schiebt Frust: Dschihadisten spielen beim großen Umsturz in Arabien keine Rolle. Immer wieder versuchen sie, die Revolten mit Propaganda zu vereinnahmen - aber sie finden kein Gehör.

Zu den Nebenwirkungen der arabischen Revolte gehört diese: Die Dschihad-Blase ist geplatzt, jedenfalls vorerst. Die Volksaufstände in Tunesien, Ägypten und Libyen haben machtvoll gezeigt, wie wenig Dschihadisten in den arabischen Gesellschaften zu sagen haben. Entgegen ihrer seit Jahrzehnten vorgetragenen Propaganda ist ihr Mobilisierungspotential gleich null.

Ihr ureigenstes Ziel, der Sturz der säkularen Regime in der arabischen Welt, haben andere verwirklicht. Darunter sind Gruppen, die auch noch zu den erklärten Feindbildern von al-Qaida und Co. gehören: Laizisten, westlich orientierte Studenten, politische aktive Frauen, Demokraten, moderate Islamisten. Nicht al-Qaida hat sich als Avantgarde erwiesen, sondern die weltliche, internetaffine Jugend der arabischen Welt. Und einen talibanösen Gottesstaat, al-Qaidas Vision für die islamische Welt, hat niemand auf den Plätzen und Straßen von Tunis bis Bengasi gefordert.

Was für eine peinliche Offenbarung!

Weil aber im Universum von Osama Bin Laden und seinen Mitstreitern nicht sein kann, was nicht sein darf, wird jetzt fleißig umgedeutet. Zunächst schien es so, als finde das Terrornetzwerk gar keine Worte, um diesen gewaltigen Umbruch zu kommentieren. Doch allmählich wird klar, was der Spin sein soll.

Es ist eine Mischung aus Anbiedern und Ermahnen, die al-Qaida anbietet. So erklärte die Qaida-Filiale in Nordafrika (AQIM) am Donnerstag ihre Unterstützung für die Revolte in Libyen. Natürlich wird sie dabei allerdings als "Dschihad" gedeutet, und gegen Gaddafi erheben sich die Libyer natürlich, weil er ein "Feind Gottes" ist. Außerdem behauptet AQIM vollmundig: "Wir haben stets nur für eure Verteidigung gekämpft."

Kluft zwischen tatsächlichen und Möchtegern-Umstürzlern

Schon am 18. Februar hatte sich Aiman al-Sawahiri zu Wort gemeldet, al-Qaidas Nummer zwei und einer jener ägyptischen Dschihadisten, die ihr Leben lang gegen das "gottlose" Regime dort gekämpft haben. Auch er gratulierte den Revolutionären, doch das Erste, was ihm zu seinem Heimatland einfiel, war, dass es "säkular und demokratisch" sei und genau das sich nun ändern müsse.

Das ist bemerkenswert: Während Hunderttausende Ägypter auf die Straße gingen, weil das Regime ja gerade nur der Form nach demokratisch war, betont Sawahiri genau diesen Punkt als Anlass für eine Revolte! Die Kluft, die sich hier zwischen den tatsächlichen und den Möchtegern-Umstürzlern offenbart, ist gewaltig und dürfte selbst dem einen oder anderen Hardcore-Islamisten peinlich sein. Vor allem, wenn Sawahiri noch einen drauf setzt und Mubarak vorwirft, Wahlen gefälscht zu haben. Eine schlüssige Analyse ist das nicht.

Ebenfalls am Donnerstag befasste sich derweil der aus Libyen stammende Qaida-Ideologe Attiyat Allah mit dem Aufstand in Nordafrika und seinem Heimatland. Er war wenigstens ehrlich genug zuzugeben, dass "es wahr ist, dass diese Revolution nicht ganz das ist, was wir uns vorgestellt haben".

Anzubieten hatte aber auch er nicht viel außer der Ermahnung, den Koran als Richtschnur des Handelns nicht außer Acht zu lassen. Als Parole gab er aus, die neu gewonnen Freiheiten in Tunesien, Ägypten und Libyen für Mission und Aktivismus zu nutzen, um den Fortgang in einem dschihadistischen Sinne mitzugestalten.

Unwahrscheinlich, dass das gelingt. Wesentlich wahrscheinlicher, dass moderate Islamisten diese Rolle spielen werden - auch das wäre freilich nicht im Sinne al-Qaidas.

Doch so beschämt al-Qaida und Co. im Moment dastehen, dieser Zustand muss nicht von Dauer sein. Demokratische Regierungen können leichter bekämpft werden als Despotien. Chaos ist stets ein Nährboden für Dschihadisten gewesen. Der Dschihadismus ist noch nicht besiegt. Er ist, dank der Revolten, nur als das erkennbar geworden, was er ist: Ideologie und blutige Praxis einer verschwindend kleinen Minderheit unter den Arabern und Muslimen.

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