Kampagne IS-Terroristen werben mit ertrunkenem Flüchtlingskind

Das Bild des toten Alan Kurdi ging um die Welt: Nun missbraucht der "Islamische Staat" das Schicksal des ertrunkenen Flüchtlingskinds. In einer IS-Broschüre wurde das Foto abgedruckt.


Wenn es ein Foto gibt, das die ganze Tragik der aktuellen Flüchtlingskatastrophe bündelt, dann war es die Aufnahme von Alan Kurdi. Der Dreijährige war tot an einem Strand in der Türkei angeschwemmt worden, mit ihm ertranken zahlreiche weitere Flüchtlinge im Mittelmeer.

Weltweit sorgte das Bild für Entsetzen und gab der Debatte um die Hilfsmaßnahmen neuen Antrieb. Nun hat auch der "Islamische Staat" die Wucht der Aufnahme erkannt - und für PR-Zwecke ausgeschlachtet.

Erschienen ist es in der neuen Ausgabe von "Dabiq", der englischsprachigen Propagandazeitung der Miliz. "Die Gefahr, wenn man Darul-Islam den Rücken kehrt", prangt über dem Foto von Alan Kurdi. "Darul-Islam" steht laut dem Artikel für das selbsternannte "Kalifat" der Terroristen. Diese haben in Syrien und dem Irak große Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht. Ihre Terrorherrschaft zwingt Hunderttausende zur Flucht.

Auch die Familie von Alan Kurdi war ursprünglich aus Syrien geflohen, hatte aber vor ihrem Aufbruch nach Europa einige Zeit in der Türkei verbracht.

Die Botschaft des IS: Wer vor uns flieht, muss mit einem solchen Schicksal rechnen. Die Flucht in den Westen sei eine "große, gefährliche Sünde", so der Text. Dort lockten "Fleischeslust, Drogen, Alkohol", und es drohe die Abkehr vom Islam. Auch die Tragödie der 71 erstickten Syrer in einem Schlepper-Lkw in Österreich spielt in dem Artikel eine Rolle. Die Aufnahme eines Lastwagen suggeriert eine Verbindung.

An einer anderen Stelle in dem Magazin feiern die Terroristen ihre Zerstörung der historischen Tempelanlagen von Palmyra.

Zudem veröffentlichte der IS in der elften "Dabiq"-Ausgabe ein Porträt eines 48 Jahre alten Norwegers, den die Organisation als Geisel genommen hat. Die Terrormiliz verlangt Lösegeld in nicht genannter Höhe für die Geiseln. In ihrer Gewalt befindet sich auch ein Chinese. Zynisch fügen die Entführer hinzu: "Dieses Angebot ist zeitlich befristet."

Anmerkung: In einer ersten Version des Artikels wurde der Eindruck vermittelt, die Familie Kurdi sei direkt auf Kobane nach Europa geflohen. Tatsächlich verbrachten die Syrer aber einige Zeit in der Türkei.

jok

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