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Alarm an der Nordfront: Palästinenser hinter Raketenattacke aus dem Libanon vermutet

Von Ulrike Putz, Aschkelon

Raketen aus dem Libanon schlagen in Nordisrael ein - und schüren Ängste: Ein Zwei-Fronten-Krieg mit der Hamas im Gaza-Streifen und der Hisbollah im Südlibanon ist der Alptraum der Militärs. Doch hinter den Angriffen am Morgen steckt wohl nicht die Schiiten-Miliz, sondern eine andere Gruppe.

Aschkelon - Höchste Alarmstufe in Nordisrael: Die Bunker sind geöffnet, die Schule fällt aus, die Bevölkerung ist in Angst versetzt. Mindestens drei Katjuscha-Raketen waren an diesem Donnerstagmorgen vom Südlibanon aus abgefeuert worden, ersten Meldungen zufolge aus dem Gebiet südlich des Litani-Flusses. Sie schlugen in der Nähe der israelischen Hafenstadt Naharia ein. Drei Menschen wurden leicht verletzt. Die israelische Armee antwortete umgehend mit Artilleriefeuer, betonte aber, sie habe nur gezielt dorthin gefeuert, von wo die Raketen kamen. Wenige Stunden nach dem ersten Beschuss kam die Nachricht, eine weitere Rakete habe eingeschlagen - wobei diese Informationen möglicherweise falsch waren.

Ein ähnliches Bild im Süden des Libanon: auch hier die Schulen geschlossen, die Kinder daheim bei ihren Familien, vorsichtshalber werden Koffer mit dem Notwendigsten gepackt. Am Himmel Kampfjets der israelischen Armee, die in großer Höhe Warteschleifen fliegen. Die Lage sei angespannt, aber ruhig, berichten Kontaktleute aus der Region. Dass die Leute ihre Sachen packten, habe nichts zu sagen: Die Erinnerungen an den jüngsten großen Krieg mit Israel 2006 seien noch so frisch, da werde sofort der Fluchtreflex ausgelöst.

Es ist unübersehbar, wie der Raketenbeschuss am Morgen die Lage im Nahen Osten augenblicklich verschärft hat. Seit Beginn des Gaza-Krieges vor nunmehr dreizehn Tagen fürchten Militärführung wie Bevölkerung in Israel nichts mehr, als dass die libanesische Schiiten-Miliz Hisbollah die Gelegenheit nutzt und an der Nordgrenze Israels angreift.

Dann müsste Israel einen Zwei-Fronten-Krieg führen - der Alptraum jedes Militärstrategen.

Verdacht fällt auf militante Palästinensergruppen

Doch ersten Meldungen zufolge sieht es aus, als wäre die Attacke kein Werk der Hisbollah. Man sei dafür nicht verantwortlich und wisse auch nicht, wer dahinter stecke, sagte ein Sprecher der Schiiten-Miliz der Nachrichtenagentur AFP. Tatsächlich spricht gegen einen Überraschungsangriff der Hisbollah, dass sie in aller Regel mit voller Wucht losschlägt und nicht mit einem vergleichsweise geringen Bombardement. Außerdem berichtet die israelische Polizei, dass die jetzt eingesetzten Geschosse selbstgebaute Modelle waren. Auch das ist nicht die Handschrift der Hisbollah, die im Libanon-Krieg 2006 bewies, dass sie über ein moderneres Waffenarsenal verfügt.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

Wahrscheinlicher ist, dass es sich bei dem Raketenkommando um militante Palästinenser handelt. Etwa 400.000 Palästinenser leben im Libanon, nicht wenige sind in Milizen organisiert. Sie sind Nachkommen von Menschen, die im Zuge der Staatsgründung Israels und des darauffolgenden Krieges 1948 aus ihrer Heimat flohen oder vertrieben wurden. Den Krieg gegen die Hamas im Gaza-Streifen verfolgen sie mit Wut und Verzweiflung. Nicht ausgeschlossen, dass nun eine Splittergruppe beschlossen hat, zu den Waffen zu greifen.

Möglicherweise steckt das "Generalkommando der Volksfront zur Befreiung Palästinas" hinter dem Angriff. Das PFLP-Generalkommando ist eine von Syrien aus gesteuerte Miliz, die auch im Gaza-Streifen operiert und dort in den vergangenen Tagen an den Kämpfen beteiligt war.

Ein Sprecher der Organisation sagte der libanesischen Tageszeitung "al-Nahar", er könne weder bestätigen noch dementieren, dass seine Gruppe in die Angriffe auf den Norden Israels verwickelt war. Israelische Sicherheitsexperten verweisen darauf, dass die von Ahmad Dschibril geführte Gruppe in der vergangenen Woche mit Raketen gedroht hat. Außerdem seien die Flugkörper aus der Gegend von Tyre abgefeuert worden, wo die Hauptbasis des PFLP-GC ist.

"Es ist Sache des libanesischen Staates, das zu verhindern"

Inzwischen hat auch die israelische Armee Palästinenser im Libanon für den Raketenbeschuss verantwortlich gemacht. "Das Raketenfeuer auf das westliche Galiläa wurde von palästinensischen Elementen im Libanon abgegeben, die Israel in einen Krieg verwickeln wollen", sagte eine Sprecher des Armeekommandos Nord. Trotzdem sei der Libanon verantwortlich: "Es ist Sache des libanesischen Staates und seiner Armee, jeden Angriff auf Israel zu verhindern."

Die libanesische Regierung verurteilte den Raketenbeschuss Israels und versprach, bei der Suche nach den Tätern zu helfen. Die Raketenangriffe aus dem Süden seines Landes auf Israel seien "unannehmbar", sagte Ministerpräsident Fuad Siniora.

Angesichts der Macht, die die Hisbollah im Süden des Libanon ausübt, ist es unwahrscheinlich, dass die Schiiten-Miliz nicht zumindest über die Angriffspläne informiert war. Die Hisbollah herrscht südlich des Litani-Flusses über eine Art Staat im Staat. Hier passiert nichts, ohne dass sie davon wüsste oder gar um Erlaubnis gebeten werden müsste. Der Südlibanon war auch der Hauptschauplatz des Libanon-Krieges 2006.

Möglicherweise hat die straff organisierte Miliz durchaus ein Interesse daran, dass andere Kampfgruppen Israel im Norden mit kleineren Angriffen im Alarmzustand halten. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah hat sich seit Ausbruch des Gaza-Krieges öfter per Tele-Botschaft bei seinen Anhängern zu Wort gemeldet. Seine Haltung dabei war feindselig, wennglich nicht offensiv. So sagte er am Montag bei einem Auftritt anlässlich des schiitischen Aschura-Festes, die Hisbollah werde sich mit aller Macht zur Wehr setzen - aber nur, wenn sie von Israel angegriffen werde. "Eure Kampfjets werden uns nicht verängstigen, eure Drohungen werden uns nicht verängstigen", sagte er in seiner Ansprache an Israel gewandt. "Wir sind bereit für jeden Angriff." Bei einem Angriff auf den Libanon werde Israel feststellen, was auf seine Truppen warte.

Überforderte Uno-Blauhelme im Libanon

Schon am ersten Weihnachtstag war es zu einem Raketen-Zwischenfall im Libanon gekommen. Damals fand die libanesische Armee unweit der Grenze acht scharfe, auf Israel gerichtete Katjuscha-Raketen. Ihre Zünder waren mit Zeitschaltuhren versehen. Am späten Abend des 25. Dezember hätten sie nach Israel abgefeuert werden sollen. Auch damals wurden die Funde Palästinensergruppen und nicht der Hisbollah zugeschrieben.

Der Südlibanon ist zu großen Teilen eine von Uno-Blauhelmen überwachte Sicherheitszone. Etwa 12.000 Unifil-Soldaten patrouillieren das Gebiet. Die Unifil überwacht den Südlibanon seit 1978. Israel hatte es während der Verhandlungen für einen Waffenstillstand im Krieg 2006 zur Bedingung gemacht, dass ein stark erhöhtes Kontingent der internationalen Truppe eine weitere Aufrüstung der Hisbollah verhindern soll. Das ist jedoch nicht gelungen - dass die Hisbollah von ihren Verbündeten Iran und Syrien weiter Waffen bezieht, ist ein offenes Geheimnis. Angesichts dessen stellt sich die Frage, wie effektiv eine internationale Schutztruppe die Aufrüstung lokaler Milizen überhaupt verhindern kann.

Auch in den derzeit laufenden Verhandlungen über das Ende eines Krieges mit der Hamas in Gaza besteht Israel darauf, dass dort künftig ausländische Beobachter eine Wiederaufrüstung im Gaza-Streifen verhindern. Die Hamas hat grünes Licht signalisiert, auch wenn sie kein Interesse daran haben kann, fortan unter Beobachtung zu stehen. Die Toleranz der Hamas gegenüber einer internationalen Truppe könnte auf der Erfahrung der Hisbollah fußen: Niemals wird es Ausländern möglich sein, eine Miliz, die in ihrer Heimat jeden Schlupfwinkel und Schleichweg kennt, vollständig zu überwachen.

Im Gaza-Streifen kam am Donnerstagmittag derweil nach gleichlautenden Berichten der israelischen Tageszeitung "Haaretz" und dem arabischen TV-Sender "al-Dschasira" ein israelischer Offizier ums Leben. Drei weitere wurden verletzt.

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