Albanienroute Die neuen Fluchtwege auf dem Balkan

Die Flüchtlingszahlen auf der neuen Balkanroute steigen, Ungarn bietet schon Gratisgrenzzäune an. Ein Schleuser aus Montenegro und zwei pakistanische Flüchtlinge erzählen.

Keno Verseck

Aus Ulcinj, Montenegro und Shtuf, Albanien berichtet


Der Mann grinst. "Da drüben warten viele. Sehr viele", sagt er bedeutungsvoll. "Ich kann mich über einen Mangel an Aufträgen nicht beklagen." Er zündet sich noch eine Zigarette an und kippt seinen kleinen Espresso hinunter, extrastark.

Ein Café auf dem Skanderbeg-Boulevard in Ulcinj, einem Adriastädtchen im südlichsten Zipfel Montenegros, kurz vor der albanischen Grenze. Bajram, Mitte 40, schwarzgraues Haar, Dreitagebart, redet unter der Bedingung, dass man seinen wirklichen Namen nicht nennt. Denn er ist Schleuser - er organisiert für Flüchtlinge den illegalen Grenzübertritt aus Nordalbanien nach Montenegro und ihre Weiterfahrt durchs Land.

Bajram stammt aus Ulcinj, hat einen Achte-Klasse-Abschluss, keinen Beruf und führt ein Leben in der Halb- und Unterwelt. Er habe, sagt er, Verbindungen von der Türkei über Albanien bis nach Deutschland. Seine drei erwachsenen Kinder, darauf legt er Wert, gehen alle "legalen Beschäftigungen" nach, im örtlichen Einzelhandel und in der Gastronomie. Er selbst arbeitet seit vier Jahren regelmäßig als Schleuser, zusammen mit Bekannten. Er habe, erzählt er, 2015 Transporte über Serbien, Rumänien und Ungarn bis nach Deutschland organisiert und sei schon wegen Menschenhandels zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Zurzeit beschränkt er sich auf Schleusungen von Albanien nach Montenegro.

Wie laufen die genau ab? Mit wem arbeitet er zusammen? Hat er Auftraggeber und Chefs? Bajram lächelt. "Ich habe viele Verbindungen, verstehst du?" Für weitere Einzelheiten und Treffen mit anderen Schleusern will er Geld.

Das albanisch-montenegrinische Grenzgebiet ist einer der Knotenpunkte auf der neuen sogenannten Albanienroute, die derzeit von Flüchtlingen meistgenutzte Route. Sie kommen aus Griechenland und reisen über Albanien ins Kosovo und nach Serbien oder nach Montenegro, von dort nach Bosnien-Herzegowina und dann weiter über Kroatien und Slowenien nach Österreich, Italien und Deutschland.

Politiker und Behörden in Bosnien-Herzegowina waren vor Kurzem die Ersten, die in der Region Alarm schlugen: Die Flüchtlingszahlen auf der neuen Balkanroute seien dramatisch angestiegen - denn allein in diesem Jahr sind bereits knapp 5000 Flüchtlinge illegal nach Bosnien-Herzegowina eingereist, gegenüber lediglich 755 im letzten Jahr. Man werde sich gegen diese "Invasion verteidigen", sagte etwa der Präsident der bosnischen Teilrepublik Srpska, Milorad Dodik. Die Regierung der Föderation forderte die Nachbarn Montenegro und Serbien auf, mehr für die Grenzsicherung zu tun und die illegal eingereisten Flüchtlinge zurückzunehmen.

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Flüchtlingsroute: Über den Balkan nach Norden

Weiter nördlich herrscht wegen des neuen Andrangs von Flüchtlingen vor allem in Österreich Sorge. Der österreichische Kanzler Sebastian Kurz warnte vor der neuen Albanienroute und forderte vor wenigen Tagen bei Treffen mit dem albanischen Ministerpräsidenten Edi Rama und dem kosovarischen Staatspräsidenten Hashim Thaci beide Länder auf, ihre Grenzen dichtzumachen.

Tatsächlich verzeichnen die Statistiken aller Westbalkanländer in diesem Jahr einen starken Anstieg der Flüchtlingszahlen. Die absoluten Zahlen allerdings wirken gegenüber denen von 2015 geradezu geringfügig. In Montenegro etwa kamen in den ersten fünf Monaten zwar fast doppelt so viele Flüchtlinge an wie im gesamten letzten Jahr - doch in absoluten Zahlen war das lediglich eine Steigerung von 850 auf knapp 1500.

"Wir haben alles unter Kontrolle"

Der Chef der montenegrinischen Innenministeriumsabteilung für die Überwachung der Staatsgrenze, Vojislav Dragovic, ist sichtlich um Entwarnung bemüht. "Die Zahlen steigen, aber wir haben alles unter Kontrolle", sagt Dragovic. Das einzige "kleine Problem" für Montenegro sei, dass Albanien illegal eingereiste Flüchtlinge nicht zurücknehme, man verhandele derzeit mit der albanischen Regierung über eine Lösung.

Vor Kurzem bot Ungarns Regierung an, Montenegro 25 Kilometer Stacheldraht zum Aufbau eines Grenzzauns zu schenken - immerhin verbindet den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán seit Längerem ein freundschaftliches Verhältnis mit dem montenegrinischen Langzeitherrscher Milo Djukanovic, der im April zum wiederholten Male als Staatspräsident gewählt wurde. Noch sei der Bau eines Grenzzauns nicht aktuell, sagt Grenzpolizeichef Dragovic. Er stelle auch nur "ein letztes Mittel" dar. Wenn allerdings die Nachbarländer Bosnien-Herzegowina, Kosovo und Serbien ihre Grenzen schlössen, dann werde auch Montenegro das tun.

Im albanisch-montenegrinischen Grenzgebiet ist weder von Polizeipräsenz noch von Flüchtlingen viel zu sehen. Im Gedränge der nordalbanischen Großstadt Shkodra, die wie ein riesiger Basar wirkt, fallen Flüchtlinge kaum auf, ein offizielles Asylzentrum gibt es nicht. Von hier aus führen zwei Routen durch unwegsames Gebirgsgelände nach Montenegro, jeweils ein paar Kilometer abseits der beiden offiziellen Grenzübergänge, eine davon durch das Dorf Shtuf, nördlich des Grenzübergangs Muriqan. Hierher kommen Flüchtlinge in kleinen Gruppen offenbar mit Taxis aus Shkodra, wie ein lokaler TV-Sender vor Kurzem berichtete. Dann geht es zu Fuß weiter über die Grenze. Auf der montenegrinischen Seite wartet dann wieder ein Taxi oder ein Kleintransporter.

Die Straße ist eng und steinig - da kommen die Flüchtlinge her

In Shtuf will niemand etwas von Flüchtlingen bemerkt haben. Ein junger Mann mit Sonnenbrille, der seinen Namen nicht nennen will, gibt schließlich doch zu, dass hier immer mal wieder Flüchtlinge durchkämen. Er weist mit der Hand in Richtung einer engen, steinigen Straße, die allenfalls noch mit Quads befahrbar ist.

Asylzentrum Spuz
Keno Verseck

Asylzentrum Spuz

Wohl auf dieser Route sind vor ein paar Tagen auch zwei Männer gekommen, die sich als Ziaul Haq und Mehran Habib vorstellen. Die beiden Pakistaner, 26 und 27, sitzen jetzt im Innenhof des Asylzentrums Spuz nahe der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica, der einzigen offiziellen Unterkunft für Flüchtlinge im Land. Sie kommen aus der Umgebung der nordpakistanischen Stadt Lahore, von dort sind sie vor einem halben Jahr aufgebrochen. Mehran Habib sagt, er habe als Sunnit in seinem Dorf Probleme mit der schiitischen Mehrheit gehabt, Ziaul Haq erzählt, er sei arbeitslos gewesen, nachdem er bis Ende 2016 in Saudi-Arabien als Verkäufer in einem Mobiltelefonladen gearbeitet habe und dann nach Pakistan zurückgeschickt worden sei.

Weiter geht es, nach Bosnien - und noch viel weiter

Das Asylzentrum Spuz ist von meterhohen Zäunen umgeben, doch die Flüchtlinge können jederzeit ein- und ausgehen und werden gut versorgt - angefangen von Lebensmitteln bis hin zu medizinischer Betreuung.

Die Psychologin des Asylzentrums, Andjela Sekularac, 30, spricht über die Asylsuchenden in Worten des Mitgefühls, so wie viele Menschen in Montenegro, die während der bosnischen und kosovarischen Kriegswirren Flucht und Vertreibung in der einen oder anderen Weise persönlich kennengelernt haben. Probleme mit den Flüchtlingen gebe es kaum, sagt sie. "Die meisten ziehen nach ein paar Tagen sowieso weiter in Richtung Bosnien."

Psychologin Andjela Sekularac mit Mehran Habib (3.v.r.) und Ziaul Haq (2.v.r.)
Keno Verseck

Psychologin Andjela Sekularac mit Mehran Habib (3.v.r.) und Ziaul Haq (2.v.r.)

Das wollen auch Mehran Habib und Ziaul Haq - ihre Ziele sind Deutschland und Italien. Freimütig erzählen sie, dass sie einen Landsmann dafür bezahlen, jeweils immer neue Abschnitte der Reise zu organisieren. Das koste jedes Mal ein paar Hundert Euro. Jetzt warten sie wieder auf den Anruf ihres Landsmanns. "Er ist verlässlich", sagen die beiden. "Er gibt uns immer gute Routen."

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