Krieg in Syrien: Aleppos Rebellen leisten erbitterten Widerstand

Von , Beirut

Assads hochgerüstete Truppen sind von einem Sieg in der Entscheidungsschlacht um Aleppo weit entfernt. Der zähe Kampf um Syriens Wirtschaftsmetropole zeigt, wie sich die Machtverhältnisse zugunsten der Rebellen verschieben.

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Syrische Rebellen: Das Regime tut sich schwer im Kampf gegen die Aufständischen

Beirut - Zum dritten Tag in Folge bietet das syrische Regime seine Panzer und Kampfhubschrauber gegen die Aufständischen in Aleppo auf. Die Regierung behauptet, schon gesiegt und die Rebellen aus der Stadt vertrieben zu haben. Doch die Aufständischen leisten offenbar nach wie vor Widerstand. Syrische Aktivisten behaupten, dass es den Assad-treuen Truppen bisher nicht gelungen sei, in die Rebellenhochburg Salahaddin vorzudringen. Diese Angaben lassen sich nicht überprüfen. Sicher ist nach Angaben von internationalen Journalisten vor Ort nur, dass die Kämpfe noch andauern.

Die Schlacht um Aleppo zeigt, wie schwer sich das Regime inzwischen im Kampf gegen die Rebellen tut - und wie sehr sich das Kräfteverhältnis zugunsten der Aufständischen verschoben hat. Das sind die Gründe:

  • Motivation: Für Rebellen und Regierungstruppen geht es um alles oder nichts. Doch auf Seiten des Regimes kämpfen Berufssoldaten. Täglich kommt es zu Desertionen - und das nur in eine Richtung. Von Seiten der Aufständischen läuft niemand zu Assad über. Jeder Tag, an dem es der syrischen Führung nicht gelingt, Aleppo unter ihre Kontrolle zu bringen, ist für sie eine Niederlage - und für die Rebellen ein Sieg. Auf Seiten der Aufständischen kämpfen ausschließlich Freiwillige. Ihnen gab der Anschlag in Damaskus Mitte Juli, bei dem vier von Assads engsten Sicherheitsberatern ums Leben kamen, einen neuen Motivationsschub. Außerdem gewinnen in der Oppositionsbewegung religiös motivierte Gruppen immer mehr Einfluss. Zwar sind dschihadistische Gruppierungen offenbar noch eine Minderheit, jedoch eine effektive. Im Kampf gegen das Regime scheinen sie zu allem bereit, auch zu Selbstmordattentaten.

  • Straßenkampf: Die Aufständischen haben zwar noch immer wenig Waffen und nichts, womit sie Assads Luftwaffe gefährlich werden könnten. Aber sie haben gelernt, das Beste aus ihrer Situation zu machen: Mit Panzerfäusten, Kalaschnikows und selbstgebastelten Sprengfallen machen sie den Soldaten des Regimes das Leben schwer. Um die Aufständischen in den engen Gassen Aleppos zu schlagen, reicht Assads Luftwaffe nicht aus. Zwar fügen die Angriffe den Rebellen Verluste zu. Doch sie können auch in Ruinen weiterkämpfen. Um sie zu schlagen, muss Assad eine Offensive am Boden anordnen. Doch Bodentruppen erleiden im Städtekampf gegen Guerillas in der Regel hohe Verluste. Die Aufständischen würden sie wohl trotzdem nicht schlagen können. Bereits in Homs und Damaskus zogen sich die Rebellen im letzten Moment vor den Regime-Soldaten zurück - um später wiederzukommen.

  • Logistik: Den Aufständischen mangelt es zwar noch immer an Waffen, vor allem schwerem Gerät. Doch ihre Ausrüstung scheint besser zu werden - durch Lieferungen aus dem Ausland und den Waffen von Überläufern. Die Nachschubrouten der Rebellen nach Aleppo, nahe der türkischen Grenze, sind ausgezeichnet: Über mehrere Grenzpunkte mit der Türkei hat Assad die Kontrolle verloren. Im Norden des Landes haben die Rebellen quasi eine sichere Schutzzone. Assads Truppen sind zwar hochgerüstet. Doch die Versorgung wird schwieriger. Wenn schweres Gerät beschädigt wird, kann das Regime kaum Ersatz importieren. Jüngst wurde durch internationalen Druck verhindert, dass Moskau Damaskus reparierte Kampfhubschrauber auslieferte. Auch hat Damaskus Probleme, seine Truppen über Land zu versorgen, weil die Rebellen auf den Straßen Sprengfallen errichten. Manche Militärbasen im Norden Syriens um Aleppo können nach Berichten internationaler Journalisten nur noch aus der Luft versorgt werden.

In Aleppo droht nun ein zermürbendes Patt wie es bereits in Homs herrscht: In manchen Stadtteilen haben die Aufständischen das Sagen. In diesen Vierteln sind die Häuser zerstört, die meisten Zivilisten geflohen. In anderen Stadtteilen dominieren Regime-Anhänger.

Die Zeit schwächt zwar die Kräfte Assads. Allerdings birgt sie auch für die Opposition ein Risiko: die zunehmende Zersplitterung, was einen entscheidenden Schlag gegen Assad nicht leichter machen würde.

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insgesamt 127 Beiträge
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1. Syriens größte Stadt?
Jominator 30.07.2012
Laut Wikipedia hat Damaskus rund 150.000 Einwohner mehr.
2.
ewspapst 30.07.2012
Zitat von sysopDPAAssads hochgerüstete Truppen sind von einem Sieg in der Entscheidungsschlacht um Aleppo weit entfernt. Der zähe Kampf um Syriens größte Stadt zeigt, wie sich die Machtverhältnisse zugunsten der Rebellen verschieben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847169,00.html
Der zähe Kampf um Syriens größte Stadt zeigt, wie sich die Machtverhältnisse zugunsten der Rebellen verschieben. wurde uns hier in Worten mitgeteilt. Wer einigermassen Hirn besitzt, kann so etwas aus dem Bericht mit dem besten Willen nicht herauslesen. Warum bietet man Spiegellesern, die früher mal als "Informierte" galten, heute solche "Wahrheiten" an?
3.
Gipsel 30.07.2012
Aus dem Artikel: "Für Rebellen und Regierungstruppen geht es um alles oder nichts. Doch auf Seiten des Regimes kämpfen Berufssoldaten." Syrien hat eine Wehrpflicht. Die meisten der bisher getöteten Soldaten waren sunnitische Wehrpflichtige. Mit der gleichen Berechtigung, wie man schreibt, "auf Seiten des Regimes kämpfen Berufssoldaten" kann man auch schreiben: "auf Seiten der Rebellen kämpfen ausländische Söldner".
4.
Gipsel 30.07.2012
Und noch ein Zitat aus dem Artikel: "Außerdem gewinnen in der Oppositionsbewegung religiös motivierte Gruppen immer mehr Einfluss. Zwar sind dschihadistische Gruppierungen offenbar noch eine Minderheit, jedoch eine effektive. Im Kampf gegen das Regime scheinen sie zu allem bereit, auch zu Selbstmordattentaten." Lobt SpOn da terroristische Methoden als "effektive" Mittel der Kriegsführung? Ich muß mich doch schon sehr wundern.
5. alles selbst recherchiert
fettwebel 30.07.2012
Die Guerilla ist im Vorteil. Bodentruppen erleiden hohe Verluste. Warum eigentlich? Ich denke mal: Raniah Salloum = Null Ahnung in Beirut.
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Regierungschef: Wail al-Halki

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