Britische Vorwürfe im Mordfall Litwinenko Putin unter Verdacht

Wer befahl den Tod von Alexander Litwinenko? Britische Ermittler haben Russlands Präsident Putin im Visier. Er habe die Ermordung des Überläufers mindestens gebilligt. Sie legen einen 329-Seiten-Bericht vor. Beweise aber fehlen.

Von , Moskau


329 Seiten dick ist der Bericht, der endlich Licht bringen soll in die rätselhafte Ermordung von Alexander Litwinenko. Der russische Ex-Agent starb einen qualvollen, langsamen Tod. Sein letztes Foto ging um die Welt. Es zeigt einen vom Sterben gezeichneten Mann in einem Londonern Krankenbett mit kahlem Schädel, die Haare sind ihm ausgefallen.

Kurz bevor Litwinenko starb, ließ er die Öffentlichkeit wissen, wen er für seinen Mörder hielt: Russlands Präsidenten Wladimir Putin. "Sie werden mich vielleicht zum Schweigen bringen, doch der Aufschrei des Protests von überall auf der Welt wird Ihnen den Rest Ihres Lebens nachhallen, Herr Putin."

Todkranker Litwinenko (2006): Letzte Worte an Putin
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Todkranker Litwinenko (2006): Letzte Worte an Putin

Nun, fast zehn Jahre nach der Tat, erhebt Großbritanniens Justiz zum ersten Mal schwere Vorwürfe gegen den russischen Staatschef und seinen Vertrauten Nikolaij Patruschew, 2006 Leiter des russischen Geheimdienstes FSB. Der Mord an Litwinenko sei "wahrscheinlich von Patruschew und auch von Putin gebilligt worden".

Mit Litwinenko starb ein lautstarker Kritiker des russischen Präsidenten. Der ehemalige Geheimdienstler hatte im Londoner Exil Enthüllungsbücher über den Kreml-Chef verfasst. Darin warf er Putin vor, dass mehrere Bombenanschläge auf Wohnhäuser in Russland mit Hunderten Toten 1999 von der Staatsmacht selbst organisiert worden seien. So habe Putin - damals noch Premierminister - sein Profil als Anti-Terror-Kämpfer schärfen wollen.

Litwinenko, so viel ist heute unstrittig, wurde am 1. November 2006 im Londoner Millenium-Hotel von zwei Gästen aus Moskau vergiftet. Ihre Gesichter finden sich auf den Aufnahmen mehrere Überwachungskameras, ihre Namen lauten Andrej Lugowoi und Dmitrij Kowtun. Britische Ermittler fanden Poloniumspuren im Abfluss eines Hotelzimmers der beiden und auch auf einem WC nahe der Hotel-Lobby, die beide kurz vor ihrem Treffen mit Litwinenko aufgesucht hatten. Auf der Toilette, davon gehen britische Behörden aus, bereiteten sie das radioaktive Gift vor, das sie Litwinenko wenig später in den grünen Tee mischten.

Litwinenko (2002): "Der Aufschrei des Protests von überall auf der Welt wird Ihnen den Rest Ihres Lebens nachhallen, Herr Putin"
AP

Litwinenko (2002): "Der Aufschrei des Protests von überall auf der Welt wird Ihnen den Rest Ihres Lebens nachhallen, Herr Putin"

Im Untersuchungsbericht findet sich auch ein Verweis auf einen Zeugen. Er ist bekannt geworden unter dem Codenamen "D3" und hat mit Kowtun gemeinsam als Kellner in einem Hamburger Restaurant gearbeitet. Kurz vor der Tat habe der Russe ihm anvertraut, er werde einen "Verräter" aus dem Weg schaffen, sagte "D3" der Polizei. Sein Mittäter Lugowoi wiederum war jahrelang Mitarbeiter russischer Geheimdienste. Beide bestreiten bis heute, mit dem Mord zu tun zu haben.

Moskau verweigert konsequent ihre Auslieferung. Ermittler durften nicht einmal das russische Flugzeug auf radioaktive Rückstände untersuchen, mit dem Kowtun und Lugowoi nach Russland zurückkehrten.

Diese Blockadehaltung hat den Verdacht weiter geschürt, den schon der sterbende Litwinenko selbst geäußert hatte: Sitzen die Drahtzieher für den Mordanschlag ganz oben in russischen Behörden, womöglich sogar im Präsidentenbüro selbst?

Belastbare Beweise für Putins Schuld fehlen

Der britische Untersuchungsbericht führt mögliche Motive auf. Zum einen sehe Putin - selbst früher Offizier des KGB - Überläufer wie Litwinenko als Verräter, die bestraft werden müssten. Zweitens hatte Litwinenko im britischen Exil Material gesammelt, um Verbindungen zwischen Putins Führungsmannschaft und der russischen Mafia zu belegen. Von Litwinenkos Arbeit an einer solchen Enthüllung hatte auch Lugowoi Kenntnis, wie er in einem Interview 2007 bestätigte.

In der britischen Untersuchung ist die Rede von einem Iwanow-Bericht. Gemeint ist Wiktor Iwanow, langjähriger Weggefährte Putins und heute Chef der staatlichen Anti-Drogen-Polizei. Litwinenko bezichtigte Iwanow, in den Neunzigerjahren enge Beziehungen zu einer Mafia-Gruppe in St. Petersburg unterhalten zu haben, dem berüchtigten Tambow-Syndikat. Putin war damals Vizebürgermeister in St. Petersburg.

Eine Spur führt nach Spanien, dorthin weitete die Organisation 1996 ihre Geschäfte aus. José Grinda, ein spanischer Ermittler, nahm 2006 Kontakt zu Litwinenko in London auf.

Musste der russische Überläufer also sterben, weil er zu viel über die kriminelle Vergangenheit der heutigen russischen Machthaber wusste?

2008 ging den spanischen Behörden Gennadij Petrow ins Netz. Er war ein hochrangiger Pate des Tambow-Clans, in den Neunzigerjahren aber auch Anteilseigner der russischen Bank Rossija, die von den Putin-Vertrauten Jurij Kowaltschuk und Wladimir Jakunin gegründet wurde. Kowaltschuk ist heute Milliardär, Jakunin diente Putin lange Zeit als Chef der staatlichen Eisenbahn.

Putin und seine Leute hätten also ein Motiv. Allerdings legt der britische Bericht keine Beweise dafür vor, dass der Mordbefehl tatsächlich vom russischen Staat erteilt wurde. Geschweige denn von Präsident Putin persönlich.

Der Chef der Untersuchung, Sir Robert Owen, stützt sich stattdessen auf Plausibilitätsüberlegungen:

  • Weil Polonium nur in zwei Hochsicherheitsfabriken in Russland hergestellt werde, seien die Drahtzieher in Russlands Sicherheitsdiensten zu suchen
  • Weil es sich bei der Liquidierung eines Dissidenten wie Litwinenko im Ausland um ein komplexes Unternehmen handle, sei es "wahrscheinlich, dass Lugowoi unter Anleitung des Inlandsgeheimdienstes FSB" gehandelt habe
  • Weil es sich um eine "FSB-Operation" gehandelt habe, sei sie "wahrscheinlich von FSB-Chef Patruschew und auch Präsident Putin gebilligt worden"

Es könnte so gewesen sein. Juristisch belastbare Beweise der Schuld Putins enthält der Bericht aber nicht.

Im Video: Putin soll Mord an Kreml-Kritiker Litwinenko gebilligt haben

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