Mord an Ex-Agent Litwinenko Ein "organisiertes Verbrechen"

Vor zehn Jahren starb Ex-Agent Alexander Litwinenko qualvoll an radioaktiver Vergiftung. Witwe Marina kämpft noch heute für eine Verurteilung der Täter. Doch die Verdächtigen leben unbehelligt in Russland.

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Von , Moskau


Es sind die letzten Aufnahmen von Alexander Litwinenko: der Kopf kahl, das Gesicht eingefallen. Schwer atmend liegt der ehemalige russische FSB-Agent in einem Londoner Krankenbett. Litwinenko stirbt qualvoll an einer Vergiftung mit radioaktivem Polonium-210. Seine letzten Tage lässt er aufzeichnen, er will nicht in Verborgenheit sterben; er will, dass die Welt sieht, was ihm angetan wird.

Für seinen Tod macht er Russlands Präsident Wladimir Putin persönlich verantwortlich. "Sie werden mich vielleicht zum Schweigen bringen, doch der Aufschrei des Protests von überall auf der Welt wird Ihnen den Rest Ihres Lebens nachhallen, Herr Putin", schreibt er in einer Erklärung. Am 23. November 2006 stellen die Ärzte Litwinenkos Tod fest.

Das Bild, die Vorwürfe gehen um die Welt.

Seine Witwe Marina sorgt dafür, dass ihr Mann nicht in Vergessenheit gerät, die Schuldigen zumindest benannt werden. Ihr geht es darum, die Menschen über den Mord zu informieren, der weltweit für Aufsehen sorgt. "So vieles lag im Dunkeln, ich wollte die Fakten und Beweise öffentlich machen", sagt sie heute.

Erbitterter Gegner Putins

Sie erzwingt eine öffentliche Anhörung - gegen alle Widerstände. Die Untersuchungen sind unbequem, vor allem Russlands Führung weist jegliche Schuld von sich, spricht von politisch motivierten Ermittlungen. Litwinenko, der einstige FSB-Agent, machte Verstrickungen des russischen Geheimdiensts mit der organisierten Kriminalität öffentlich, erst in Russland, dann aus seinem Londoner Exil aus. Er war ein erbitterter Gegner Putins, beschuldigte den ehemaligen FSB-Chef, auch Attentate vorgetäuscht zu haben.

Nach fast zehn Jahren steht nun fest, dass es Putin, der mächtigste Mann im russischen Staat, war, der den Mord "wahrscheinlich gebilligt" hat. So formuliert es der britische Richter Robert Owen im Januar dieses Jahres, als er den Abschlussbericht der akribischen und umfangreichen Untersuchungen zum Litwinenko-Mordfall vorstellt.

Owen benennt auch die zwei mutmaßliche Mörder: die russischen Geheimdienstmitarbeiter Andrej Lugowoi und Dimitrj Kowtun. Sie sollen den Ermittlern zufolge Litwinenko in einem Londoner Hotel das radioaktive Gift in den Tee getan haben (Lesen Sie hier mehr zu den Einzelheiten).

Mutmaßliche Mörder leben in Russland

Für Marina Litwinenko, ihren Sohn Alexander, Familie und Freunde, bedeutet das Verlesen der Namen Gerechtigkeit, wenn auch nicht die "volle", wie es die 55-Jährige ausdrückt. Weder Lugowoi noch Kowtun mussten sich bis jetzt vor einem Gericht verantworten. Gegen beide liegen internationale Haftbefehle vor. Doch Russland, wo die Männer unbehelligt leben, weigert sich, sie auszuliefern :

  • Lugowoi hat in der Politik Karriere gemacht. Im September 2016 wurde der mutmaßliche Mörder als Abgeordneter der Staatsduma für die rechtspopulistische LDPR zum zweiten Mal wiedergewählt. Als Parlamentarier genießt er Immunität. Lugowoi bringt immer wieder umstrittene Gesetze ein, so zum Beispiel jenes, das erlaubt, kritische Websites zu schließen ("Lugowoi-Gesetz"). Präsident Putin verlieh ihm im März 2015 sogar einen Orden für die Verdienste am Vaterland. Über den Mord an Litwinenko will er heute nicht sprechen, er sei beschäftigt, auch lehnt er eine schriftliche Stellungnahme ab. Eine Verwicklung in den Mord hat er immer bestritten.
  • Kowtun, wie Lugowoi ehemaliger KGB-Agent, tritt in der Öffentlichkeit kaum in Erscheinung. Der ehemalige Offizier, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion jahrelang in Hamburg lebte, bezeichnet sich als Geschäftsmann. Er wird mit Beratungsunternehmen in St. Petersburg und Moskau im Bereich Gas und Erdöl in Verbindung gebracht. 2015 kündigte er an, vor den Londonern Ermittlern auszusagen, dort erschien er jedoch nie. Eine Beteiligung an dem Mord weist er ebenfalls zurück.

Marina Litwinenko glaubt trotzdem, dass die beiden Männer eines Tages verurteilt werden, die ganze Wahrheit über dieses "organisierte Verbrechen" zu Tage tritt, wie sie es formuliert. Im Skype-Interview formuliert sie ihre Hoffnung, irgendwann doch noch Gerechtigkeit zu erkämpfen.

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"Manchmal muss man geduldig sein, um ein Ergebnis zu bekommen." Geduld sei vielleicht eine ihrer wenigen Stärken, fügt sie hinzu.

Zurück nach Moskau?

In Russland wird über den Mord an Litwinenko kaum berichtet. "Der Fall ist unbequem, die Leute mögen ihn nicht, wollen lieber vergessen", sagt seine Ehefrau. Sie überlegt, ob sie nach Moskau zurückkehren soll, um ihre inzwischen 80-jährige Mutter zu besuchen, die nicht mehr reisen kann. 2000 hatte Marina Litwinenko die russische Hauptstadt verlassen, als ihr Mann ins Exil ging.

Es wäre ein großer Schritt, entschieden hat sie sich noch nicht. Sie plant ein neues Buch, will über das schreiben, was sie erlebt hat in den vergangenen zehn Jahren seit dem Tod ihres Mannes.

Am 23. November wird Marina Litwinenko wie in jedem Jahr sein Grab besuchen. Ihre Freunde und Unterstützer sieht sie erst zwei Tage später. "Wir haben entschieden, uns nicht an Saschas (Kosename für Alexander - Anm. d. Redaktion) Todestag zu treffen, sondern an einem anderen Tag. Wir wollen sein Leben feiern."


Die Litwinenko-Fall im Überblick:

  • Alexander Litwinenko starb am 23. November 2006 im Alter von 43 Jahren in London an einer Vergiftung durch radioaktives Polonium-210.
  • Er war bis 1999 Agent des russischen Geheimdiensts FSB, danach scharfer Kreml-Kritiker.
  • 2000 floh er nach London, wo er für den britischen Dienst MI6 arbeitete.
  • Die britische Polizei und Litwinenkos Witwe Marina Litwinenko glauben an einen Auftragsmord, initiiert vom Kreml.
  • Zu dem Ergebnis kommt auch eine öffentliche Untersuchung unter der Leitung von Richter Robert Owen.
  • In dem am 21. Januar 2016 in London vorgestellten Abschlussbericht werden der russische Ex-Agent und heutige Duma-Abgeordnete Andrej Lugowoi und der Ex-Geheimdienstler Dmitrij Kowtun als Täter genannt.

Mitarbeit: Tatjana Böhm

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