Getöteter Separatistenführer Sachartschenko Donezk zwischen Trauer und Gerüchten

Zehntausende trauern öffentlich um Alexander Sachartschenko, den getöteten Führer der prorussischen Regierung in Donezk. Die Menschen der ukrainischen Kriegsregion beschäftigt nun die große Frage nach dem Danach.

An das Theater von Donezk wurde ein Porträt des getöteten Sachartschenko angebracht
Robert Putzbach

An das Theater von Donezk wurde ein Porträt des getöteten Sachartschenko angebracht

Aus Donezk berichten Philip Malzahn und Robert Putzbach


Das Opernhaus von Donezk ist am Sonntagmorgen um neun Uhr prall gefüllt, unzählige weitere Menschen stehen in der langen Schlange, die weit bis auf die Straße reicht. An der Außenfassade des Gebäudes prangt ein überdimensionales Porträt des Getöteten. Von dort blicken die Augen von Alexander Sachartschenko ein letztes Mal auf seine Anhänger: Weinende Großmütter, Soldaten mit Blumen und Kinder in Milizionäruniform.

In der Eingangshalle steht Sachartschenkos schlichter Holzsarg, in Fahnen eingewickelt. Der Anführer der selbsternannten "Volksrepublik Donezk" (DVR) war am Freitag bei einer Bombenexplosion in einem Café in der Innenstadt von Donezk getötet worden.

Die Führung der nicht anerkannten Volksrepublik sprach von 70.000 Menschen, die sich am Sonntag im Stadtzentrum versammelt hätten. Sie stehen auf denselben Straßen, die vor ein paar Stunden noch gespenstisch leer waren - denn in der DVR herrscht zwischen 23 Uhr und Sonnenaufgang eine strikte Ausgangssperre. In dieser Zeit patrouilliert nur die Staatsmacht auf der Suche nach jenen, die es wagen, sich gegen die strikten Regeln aufzulehnen.

Sarg von Alexander Sachartschenko
Robert Putzbach

Sarg von Alexander Sachartschenko

Nun, am Tag, wirken die Menschen wie unter Schock - die Situation ist für viele beängstigend. Der 42-jährige Sachartschenko hatte die DVR seit August 2014 geführt. Auf einmal ist er weg, und die Frage nach dem Danach ist auf der Trauerfeier deutlich zu spüren.

Die Gebiete Donezk und Luhansk im Kohlerevier Donbass hatten 2014 ihre Abspaltung von der Ukraine erklärt. Die Separatistengebiete sind zwar formal eigenständig, werden aber von Moskau versorgt und eng kontrolliert. So unterstützt Russland die Separatisten mit einem verdeckten Militäreinsatz. In dem Krieg sind bereits mehr als 10.000 Menschen getötet worden. Zwar gilt seit Mittwoch ein Waffenstillstand zwischen den Separatisten und den ukrainischen Regierungstruppen, der wurde aber schon wieder gebrochen.

Das russische Außenministerium macht die ukrainische Führung in Kiew für die Tat verantwortlich. Diese wies die Vorwürfe zurück. Der ukrainische Geheimdienst erklärte, vermutlich sei der Separatistenführer in einem Konflikt zwischen "Terroristen und ihren russischen Unterstützern" getötet worden.

Die Separ-Bar, welche bei dem Sprengstoffanschlag auf Sachartschenko völlig zerstört wurde
Robert Putzbach

Die Separ-Bar, welche bei dem Sprengstoffanschlag auf Sachartschenko völlig zerstört wurde

Sachartschenko gehörte zu den Unterzeichnern des Minsker Friedensplans. Dieser sieht vor, die Gebiete in den ukrainischen Staatsverband einzugliedern. Im Gegenzug soll ihnen weitgehende Autonomie gewährt werden. Frankreich, Deutschland, Russland und die Ukraine hatten das Abkommen 2015 ausgehandelt, umgesetzt wurde es bisher nicht. Nach dem Tod Sachartschenkos schließt Russland weitere Ukraine-Gespräche derzeit aus.

Doch wer ist überhaupt der Mann, der sich scheinbar aus dem Nichts auf die Bühne der Weltpolitik geschlichen hat?

Man weiß nicht viel über den Sachartschenko der Vorkriegsjahre. Der gebürtige Donezker und gelernte Elektriker war einst ein recht erfolgreicher Geschäftsmann, der vor allem mit Hühnerfleisch sein Geld verdiente. In den Jahren nach 2014, als Teile der Ukraine sich als Folge der Maidan-Proteste in ein Kriegsgebiet verwandelten, griff auch er zur Waffe. Schnell stieg er auf zum Kommandanten einer Einheit prorussischer Kämpfer, deren russischer Name "Oplot" soviel wie "Bollwerk" bedeutet.

Alexander Sachartschenko
REUTERS

Alexander Sachartschenko

Schon 2014 wurde er im Kampf verwundet, und auch später als Anführer der Separatistenrepublik überlebte er mehrfache Anschlagsversuche. Dies verschaffte ihm schnell einen Ruf als zäher und harter Gegenspieler. Im August 2014 löste er den Russen Alexander Borodai als offizielles Oberhaupt der Separatisten ab. Viele vermuteten darin einen Versuch, die DVR nach außen hin weniger russisch wirken zu lassen, um so den direkten Einfluss des "großen Bruders" herunterzuspielen.

Auf geschlossenen Telegram-Kanälen, die in Donezk vor allem junge Leute benutzen, um an unabhängige Nachrichten zu gelangen, kursieren nun in den Tagen nach seinem Tod viele Gerüchte, die einen Gegenpol zu der von der Regierung propagierten Meinung bilden.

Eines davon ist folgendes: "Sachartschenko wurde vom russischen Geheimdienst ermordet, weil er nicht komplett der Linie des Kremls folgen wollte." Er galt als Hardliner, der die Interessen eines unabhängigen Donbass vor die Ziele der russischen Unterstützung stellte. Zudem gab es immer wieder Vorwürfe der Korruption - die Donezker Führungsriege unter Sachartschenko soll, so wird gemunkelt, aus Russland gelieferte Waffen weiterverkauft haben.

Dieses Gerücht geht Hand in Hand mit der Vermutung, dass jetzt ein starker Mann an die Macht kommen soll, der sich in der Zusammenarbeit mit Russland kooperativer zeigt. Die russische Wochenzeitung "Versia" hatte bereits vor fünf Tagen, also noch vor seinem Tod, berichtet, dass Russland probieren würde Sachartschenko mit einem passenderen Anführer zu ersetzen, vor allem in Hinblick auf die kommende Wahl in der Ukraine im März.

Zwei Mädchen mit Blumen vor dem Operngebäude von Donezk
Robert Putzbach

Zwei Mädchen mit Blumen vor dem Operngebäude von Donezk

Übergangsweise führt der bisherige Vizeministerpräsident und Sachartschenkos guter Freund Dmitri Trapesnikow die Volksrepublik. Auf der offiziellen Pressekonferenz Freitagnacht verkündete er: "Die Republik wird weiterleben, weil wir das Werk meines Freundes weiterführen werden."

Sachartschenkos Werk. Damit gemeint ist diese kleine, international nicht anerkannte Republik, gefangen irgendwo zwischen der Ukraine und Russland, zwischen Europa und dem Osten, zwischen Krieg und bemühter Normalität. Die Straßen der Donezker Innenstadt sind sauber. So sauber wie vielleicht in keiner anderen der ärmsten Regionen Europas. Man hat sich viel Mühe gegeben, den Ort herauszuputzen, der sich gegen jede Art der Globalisierung wehrt.

Die Regierung stellt eigene Reisepässe aus, mit denen man nur nach Russland reisen kann. Und nach Lugansk, in die andere Separatistenrepublik. Es gibt kein funktionierendes Bankensystem, vor der ehemaligen Raiffeisen-Filiale wächst ein Baum zwischen Treppe und verstaubter Eingangstür. Statt McDonalds gibt es DonMak. Drei Filialen sind über die Stadt verteilt - genauso viele wie es früher vom amerikanischen Original gab, und auch die Besitzer sind dieselben.

Eine trauernde Frau gibt ein Fernsehinterview, ein Junge in Militäruniform steht neben ihr.
Robert Putzbach

Eine trauernde Frau gibt ein Fernsehinterview, ein Junge in Militäruniform steht neben ihr.

Es ist eine alternative Weltvorstellung, die Alexander Sachartschenko hier durchzusetzen versuchte. Bilder von Stalin und Lenin schmücken fast jedes offizielle Gebäude. Ob Universität oder Behörde: An jeder Ecke wirbt die Symbolik eines post-sowjetisch-nostalgischen Traums für diese abstruse Zukunftsvision der Führungsriege. In den Souvenirläden findet man Kaffeetassen mit Putins Konterfei auf dem Hintergrund der ehemaligen UdSSR. "Alles läuft nach Plan", schmückt ein Schriftzug die Keramikware.

Es wirkt ruhig und wohlgeordnet in Donzek; verlässt man aber die Großstadt, findet man doch jene Armut und Verwüstung, die man in einem Kriegsgebiet erwartet.

Was der Tod Sachartschenkos für die Region bedeutet, ist noch unklar. Für viele Menschen im Donbass ist Alexander Sachartschenko Volksheld und Befreiungskämpfer. Es bleibt abzuwarten, ob seine Ermordung den einzigen aktiven militärischen Konflikt in Europa von Neuem entfachen wird.

Mit Material von dpa und AFP



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