Tsipras besucht Erdogan Sie raufen sich, sie brauchen sich

Die Türkei und Griechenland sind historische Rivalen. Präsident Erdogan und Premier Tsipras jedoch pflegen eine robuste Beziehung - weil sie voneinander profitieren. Streitthemen werden bei einem Treffen in Ankara überspielt.

Recep Tayyip Erdogan (r.), Alexis Tsipras
AFP Photo/HO / TURKISH PRESIDENTIAL PRESS OFFICE

Recep Tayyip Erdogan (r.), Alexis Tsipras

Von und , Athen und Istanbul


Griechenlands Premier Alexis Tsipras hatte seinen Türkei-Besuch am Dienstag noch nicht einmal angetreten, da sorgte sein Gastgeber, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, bereits für einen Affront: Die Türkei setzte am Dienstagmorgen ein Kopfgeld von insgesamt fast 5,5 Millionen Euro auf acht türkische Offiziere aus, die nach dem Militärputsch 2016 nach Griechenland geflohen waren und dort teilweise Asyl erhalten hatten.

Tsipras versuchte trotzdem, die Fassung zu wahren, als er wenige Stunden später in Ankara mit Erdogan zusammenkam. "Meine Beziehung zu Präsident Erdogan beruht auf Respekt, Aufrichtigkeit und Offenheit", hatte er der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu bereits kurz vor seinem Abflug gesagt. "Unser Dialog war über all die Jahre ehrlich und nachhaltig", wiederholte er bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Erdogan am Dienstagabend.

Einmal wandte sich Tsipras sogar direkt an den türkischen Staatschef und sagte: "Wie du dich erinnerst, war ich einer der Ersten, die dich (in der Putschnacht) angerufen haben." Erdogan lächelte und betonte, er sei überzeugt, dass sämtliche Kontroversen mit Griechenland friedlich gelöst werden könnten.

Griechenland und die Türkei sind historische Rivalen. Beide Staaten drohten einander immer wieder mit Militärschlägen. Erdogan und Tsipras ist es trotz aller Unterschiede gelungen, eine robuste Beziehung zu entwickeln. Der griechische Premier bezeichnete Erdogan in vertraulicher Runde als einen "ehrlichen Kerl". "Bei ihm weißt du, woran du bist." Erdogan sieht in Tsipras einen seiner wenigen Verbündeten in der EU. Er war im Dezember 2017 der erste türkische Präsident seit 65 Jahren, der Athen besuchte. "Persönliche Beziehungen zwischen Regierungschefs sind wichtig", sagt Konstantinos Filis, der Leiter des Instituts für Internationale Beziehungen in Athen. "Gerade in der Türkei, wo die Außenpolitik alleine von Erdogan diktiert wird."

Es ist eine Zweckpartnerschaft, die Erdogan und Tsipras verbindet. Sie wissen, dass sie einander bei etlichen Themen brauchen. Gleichzeitig ist die Liste der Meinungsverschiedenheiten, an der sie sich auch bei dem Treffen am Dienstag wieder weitgehend erfolglos abarbeiteten, lang.

"Wir wollen nicht, dass Griechenland ein sicherer Hafen für Terroristen wird"

Erdogan drängt darauf, dass Griechenland die acht geflohenen Soldaten an die Türkei ausliefert. Es ist ein Wunsch, den ihm Tsipras alleine schon aus Rücksicht auf die Unabhängigkeit der griechischen Justiz nicht erfüllen kann. "Wir wollen nicht, dass Griechenland ein sicherer Hafen für Terroristen wird", sagte Erdogan am Dienstag erneut. Beide Seiten streiten auch weiterhin über Zypern und die Inseln in der Ägäis.

Gerade Tsipras war jedoch gegenüber Erdogan um einen versöhnlichen Ton bemüht. Er ahnt, dass er vor allem bei Migrationsfragen auf den türkischen Präsidenten angewiesen ist.

Emine Erdogan (r.), Tsipras' Partneri Betty Batziana
AFP

Emine Erdogan (r.), Tsipras' Partneri Betty Batziana

Der Flüchtlingsdeal, den die Türkei und die EU 2016 geschlossen haben, hat dazu geführt, dass die Zahl an Migranten, die die Überfahrt aus der Türkei über die Ägäis nach Griechenland wagen, drastisch zurückgegangen ist. Gleichzeitig haben sich die griechischen Inseln in Gefängnisse verwandelt, in denen Migranten unter menschenunwürdigen Bedingungen leben. Sollte die Türkei den Pakt aufkündigen, geriete die Lage auf Lesbos, Chios oder Kos wohl vollends außer Kontrolle.

Es geht um Gasleitungen, Zugstrecken - und ein Seminar

In Griechenland wird noch in diesem Jahr gewählt, Tsipras inszeniert sich auch deshalb als Staatsmann. Er hat gerade erst im Namenstreit mit Mazedonien einen Durchbruch erzielt. Nun wollte er sich auch bei seinem Türkei-Besuch als Politiker präsentieren, der Probleme löst.

Die Türkei und Griechenland wollen ihr Handelsvolumen von jährlich 4.2 Milliarden US-Dollar ausbauen. Zwischen den Städten Izmir und Thessaloniki und Istanbul und Thessaloniki sollen Fähr- und Schnellzugverbindungen entstehen. Tsipras sähe es zu dem gerne, wenn die Gaspipeline "Turkish Stream" aus Russland über die Türkei und Griechenland statt über Bulgarien nach Europa laufen würde.

Am Mittwoch besuchte Tsipras die Hagia Sophia in Istanbul und das orthodoxe Priesterseminar Chalki auf der Insel Heybeliada im Marmarameer, das trotz Protesten der EU und der USA seit 1971 geschlossen ist. Tsipras setze sich auch diesmal bei Erdogan vergeblich für eine Wiedereröffnung des Seminars ein. Gelohnt hat sich für ihn die Reise trotzdem: Er konnte schöne Bilder für den Wahlkampf mit zurück nach Athen nehmen.



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