Tsipras empfängt Merkel in Athen "Wir gehen in ein neues Zeitalter"

Erstmals seit 2014 ist Angela Merkel nach Griechenland gereist, Ministerpräsident Alexis Tsipras begrüßte sie mit Küsschen und freundlichen Worten. Die einstigen Spannungen wollen beide hinter sich lassen.

Merkel und Tsipras
SIMELA PANTZARTZI/EPA-EFE/REX

Merkel und Tsipras


Deutschland und Griechenland wollen nach den schweren Verwerfungen in der Schuldenkrise im Kampf gegen Nationalismus und für eine solidarische EU-Flüchtlingspolitik an einem Strang ziehen. Man habe gelernt, "miteinander gut zusammenzuarbeiten, selbst wenn wir inhaltlich sehr unterschiedliche Positionen vertreten haben", sagte Kanzlerin Angela Merkel nach einem Gespräch mit dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras in Athen. Dies sei nur gelungen, weil man sich vertraue und sich die Dinge klar gesagt habe, "aber immer mit dem Ziel, eine Lösung zu finden".

Bei den Gesprächen zwischen den beiden ging es hauptsächlich um:

  • das verbesserte deutsch-griechische Verhältnis
  • die Einhaltung des Flüchtlingspakt zwischen der EU und der Türkei
  • den Namensstreit zwischen Griechenland und Mazedonien.
Merkel in Griechenland
SIMELA PANTZARTZI/EPA-EFE/REX

Merkel in Griechenland

Tsipras hatte Merkel mit Küsschen links, Küsschen rechts empfangen. "Heute kommen Sie in ein völlig anderes Griechenland, das Wachstum erzielt", sagte er. Griechenland sei "Teil der Lösungen und nicht das Problem". Die früheren Spannungen seien überwunden (mehr dazu lesen Sie hier).

Der griechische Ministerpräsident betonte zum Verhältnis der beiden Länder: "Die Stereotypen des faulen Griechen und des strengen Deutschen sind vorbei." Er fügte hinzu: "Wir gehen in ein neues Zeitalter. Die Kooperation zwischen Berlin und Athen wird von entscheidender Bedeutung in den nächsten Jahren sein." Tsipras sprach kurz die griechische Forderung nach deutschen Reparationen für Zerstörungen während des Zweiten Weltkrieges an. Dieses Thema sei für Athen offen.

Obwohl die Zeiten vorbei sind, in denen Merkel von wütenden Demonstranten wie 2012 auf Plakaten mit Hitlerbärtchen verunglimpft wurde, ging die Regierung beim ersten Besuch der Kanzlerin seit 2014 kein Risiko ein. Der zentrale Syntagma-Platz wurde für Demonstrationen gesperrt. Am Rande des Besuchs setzte die Polizei Tränengas gegen rund 700 linksgerichtete Demonstranten ein. Die Lage habe sich aber rasch beruhigt, berichteten Reporter. 2012 waren es noch 35.000 Anti-Merkel-Demonstranten vor dem Parlament in Athen gewesen.

Angesichts der teils dramatischen Lage in den Flüchtlingslagern auf den Inseln in der Ägäis forderte Merkel von Tsipras noch größere Anstrengungen bei der Rückführung von Flüchtlingen in die Türkei. Tsipras rief die Europäer auf, sich gegen die populistischen Kräfte zu wehren, die die EU in "dunkle Zeiten zurückwerfen" wollten.

Die Kanzlerin verlangte eine konsequente Umsetzung des 2016 geschlossenen EU-Türkei-Flüchtlingspakts von Griechenland. "Die Situation auf den Inseln ist immer noch sehr, sehr herausfordernd." Noch funktioniere die Rückführung der Flüchtlinge in die Türkei nicht ausreichend. Man wolle daran arbeiten, "dass dieser Teil des Abkommens auch noch besser umgesetzt werden kann". Deutschland sei bereit, bei der Verbesserung der Lage auf den Inseln zu helfen.

Merkel würdigt Haltung von Tsipras in Mazedonien-Frage

Die Kanzlerin rief die griechische Politik auf, das Abkommen Athens mit Skopje zur Überwindung des Namensstreits mit Mazedonien zu billigen. "Ich mische mich aber nicht in die inneren Angelegenheiten des Landes", sagte sie zugleich. Die Überwindung des Streits werde allen Seiten nutzen. Skopje und Athen hatten im Juni vereinbart, dass die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien sich in Nord-Mazedonien umbenennt. Athen würde dann nicht mehr den Beitritt seines nördlichen Nachbarn in die Nato und künftig auch in die EU blockieren. Merkel lobte die entschiedene Haltung des griechischen Ministerpräsidenten.

Weitere Pläne der Kanzlerin in Griechenland

Für Freitag steht ein Frühstück mit griechischen Vertretern aus Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft auf Merkels Programm. Danach nimmt sie in der Deutschen Schule in Athen an einer Diskussion mit Schülern über die Zukunft Europas teil.

Am Grabmal des unbekannten Soldaten in Athen will die Kanzlerin einen Kranz niederlegen. Außerdem trifft sie den griechischen Präsidenten Prokopis Pavlopoulos und den Oppositionsführer Kyriakos Mitsotakis von der konservativen Partei Nea Dimokratia. Mit griechischen Wirtschaftsvertretern isst sie zu Mittag.

kmy/dpa/AFP



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
defy_you 11.01.2019
1. Was hat man denn genau gelernt?
"Man habe gelernt, "miteinander gut zusammenzuarbeiten, selbst wenn wir inhaltlich sehr unterschiedliche Positionen vertreten haben", sagte Kanzlerin Angela Merkel nach einem Gespräch mit dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras in Athen." Merkel macht auf dicke Hose und am Ende bekommt der Grieche was er will. Deutsches Geld. Oder zumindest Sicherheiten. Am Ende das Gleiche. Jeder weiß, dass das zinslos an GR gestundete Geld unwiderbringlich verloren ist. Und durch die Zinslosigkeit wurde bereits ein Schuldenerlass durch die Hintertür vorgenommen. Merkel ist immer eingeknickt und wird es auch künftig tun. Deutsches Geld für alle! Und nein, man hat hier nicht Banken gerettet. Vordergründig mag das stimmen. Aber warum brauchten die Banken Geld? Weil die griechischen Schuldner nach Euro-Einführung über ihren Verhältnissen gelebt haben. Das ist alles. Und es wäre weit billiger gewesen, französische und italinische Banken zu stützen, die Aufgrund von Anleiheausfällen in GR in Probleme gekommen wären (deutsche Banken waren im Vergleich dazu eher moderat beteiligt). Der Euro ist so unfassbar schlecht kontruiert. Zumindest für Deutschland. Unglaublich wie man dem zustimmen konnte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.