Tsipras und Merkel Jetzt können sie doch miteinander

In Deutschland hat es Angela Merkel schwer mit ihrem Flüchtlingskurs - doch Griechenlands Politiker feiern sie als Humanistin. Die Kanzlerin erscheint ihnen plötzlich als einzige Verbündete.

Von , Thessaloniki

Ministerpräsident Tsipras, Kanzlerin Merkel
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Ministerpräsident Tsipras, Kanzlerin Merkel


"Merkel, unsere gute Freundin." Mit diesen Worten hat "Kathimerini", die große konservative Zeitung Griechenlands, kürzlich einen Artikel überschrieben. Gute Freundin - das zeigt, wie sehr sich das Bild der deutschen Kanzlerin in der griechischen Öffentlichkeit gewandelt hat.

Denn bis vor Kurzem wurde Merkel ja von vielen griechischen Politikern wegen ihrer harten Sparauflagen in der Schuldenkrise als Inkarnation des Teufels angesehen. Jetzt aber, mitten in der Flüchtlingskrise, gilt sie plötzlich als engste - oder sogar einzige - Verbündete der Nation.

Es ist ein wirklich bemerkenswerter Wandel.

Politiker und Experten in Griechenland sagen, Merkel sei die einzige EU-Mächtige, die auf einer gemeinsamen europäischen Lösung bestehe. Im Klartext: Die es nicht zulasse, dass Griechenland isoliert und überlastet wird, nicht verwandelt wird in eine "Lagerhalle für Migranten", wie es hier heißt.

"Deutschland, die Stimme der Vernunft"

Dass nun auch EU-Ratspräsident Donald Tusk die Kanzlerin tadelte, stärkt nur die Argumente griechischer Merkel-Anhänger in der Regierung von Alexis Tsipras. Tusk hatte ein Dankeschön an die Westbalkanländer getwittert und die Grenzschließungen als eine Umsetzung der EU-Strategie begrüßt.

Die Opposition in Griechenland nutzte den Kommentar umgehend für neue Attacken gegen den Regierungschef. Die Konservativen von Nea Dimokratia behaupteten, Tusks Tweet zeige, dass Premier Tsipras beim EU-Gipfel sein Einverständnis zu Grenzschließungen gegeben habe.

Dann kam Merkel zu Hilfe. "Das ist nicht die Lösung des Gesamtproblems", sagte sie bei einer CDU-Veranstaltung in Bad Neuenahr. "Wir können es uns nicht in 27 Ländern nett machen und ein Land allein mit dem Problem lassen."

"Avgi", eine Syriza-nahe Zeitung, feierte daraufhin Merkels "deutliche Antwort" - obwohl sich natürlich auch Merkel längst von der ursprünglichen deutschen Willkommenskultur verabschiedet hat: Die Kanzlerin habe "Nea Dimokratia und Pasok in Verlegenheit gebracht", titelte das Blatt mit Blick auf die beiden früheren griechischen Regierungsparteien.

Kein Vergleich zu Zeiten, als "Avgi" Merkel in Militäruniform auf einem Panzer darstellte. So lange ist das gar nicht her. Damals war Tsipras noch der heißblütige Linke, der die Macht mit dem Versprechen erobert hatte, die Sparpolitik zu beenden. "Verschwinden Sie, Frau Merkel", hatte er seinen jubelnden Anhängern bei einer Veranstaltung zugerufen.

Und jetzt? Egal mit welchem Politiker in der von Syriza geführten Regierung man über Merkel spricht - man hört nur noch Nettigkeiten. Die meisten halten sich an das, was der griechische Migrationsminister Giannis Mouzalas kürzlich dem SPIEGEL sagte: "Deutschland ist im Moment die Stimme der Vernunft in Europa."

Xenia Kounalaki, der Autor des "Katherimini"-Artikels sieht es so: In der Flüchtlingskrise erkenne Griechenland, dass Deutschland sein natürlicher Verbündeter sei - allen voran die Kanzlerin. "Ihr beständiger Humanismus, der ihr zu Hause so viel an Popularität gekostet hat, und die Tatsache, dass sie eine echte Europäerin sind, passen zu Griechenlands Zielen und Qualen."

Griechische Kreise: Die Chemie hat von Anfang an gestimmt

In Regierungskreisen heißt es, die Annäherung zwischen Tsipras und Merkel basiere nicht nur auf zufälliger Übereinstimmung der Haltung beider Länder in der Flüchtlingskrise. Sie sagen, die Chemie zwischen Tsipras und der Kanzlerin habe von Anfang an gestimmt. Tsipras habe seine Meinung über Merkel auf persönlicher Ebene bereits beim ersten Treffen im Februar 2015 geändert, auch wenn er bei seiner Ablehnung der Sparpolitik bleibe.

Wie sieht es mit Merkels Ansehen in der griechischen Bevölkerung aus?

Man muss wissen, dass Merkel in Griechenland niemals so sehr gehasst wurde, wie häufig behauptet. Sogar auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise im Sommer 2015 - zugleich Tiefpunkt im deutsch-griechischen Verhältnis - waren Merkels Zustimmungswerte überraschend gut. Laut einer Umfrage eines führenden Meinungsforschungsinstituts hatten damals fast vier von zehn Griechen eine positive Meinung von Merkel.

Trotzdem scheinen viele Griechen weniger begeistert von Merkels Flüchtlingspolitik zu sein als die Politiker. Viele Griechen wissen wenig von Merkels anfänglicher Politik der offenen Tür - oder davon, dass Deutschland etwa eine Million Flüchtlinge aufgenommen hat. Andere vermuten eigene Interessen hinter dem deutschen Vorgehen. "Deutsche sind klug. Sie wollen die Rosinen unter den Flüchtlingen für ihren eigenen Arbeitsmarkt. Die Ungebildeten lassen sie hier", sagt Makis Ioannou, ein 73-jähriger Rentner, der drei Jahrzehnte als Gastarbeiter in Deutschland war.

Einige Griechen glauben, Österreich und die Visegrád-Staaten verrichteten die Drecksarbeit für Merkel. Wieder andere sehen die Kanzlerin immer noch als Teil eines westlichen Neokolonialismus. "Es ist ihr Fehler, dass all das passiert", sagt ein Polizist im Flüchtlingslager im nordgriechischen Nea Kavala. "Man kann keine Bomben auf Menschen werfen, Kriege provozieren und sich dann als nett geben."

Angela Merkel mag Tsipras für sich gewonnen haben - es ist aber noch ein weiter Weg, bis sie in Griechenland in Beliebtheitswettbewerben siegen kann.

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insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
iffelsine 12.03.2016
1. Sozialistin bleibt Sozialistin
Da kann Merkel ihre Ursprungspartei nicht verleugnen. Egal, Griechenland kann Geld verdienen mit der Aufnahme der von Merkel gerufenen Flüchtlinge. Ganz Europa muss für diese Rufe bluten, denn ohne Merkel hätte sich nur ein Bruchteil nach Europa aufgemacht. Aber die Milliarden, die die Türkei fordert, kann die EU auch an Griechenland zahlen. Die fehlenden Touristen können locker mi den Flüchtlingen ausgeglichen werden und auch die Arbeitslosigkeit wird reduziert, da ja Flüchtlinge nicht selbst ihre Unterkünfte bauen und säubern.
rilke1875 12.03.2016
2. Begrüßen wir alles...
... was Griechenland und Deutschland wieder zueinander bringt. Ich wünsche mir, das wir in Zukunft wieder respektvoll und freundschaflich miteinander umgehen, und das Griechenland sich schnell wieder wirtschaflich erholt.
Nabob 12.03.2016
3. Dennoch, die 13.000 im Schlamm nach Deutschland
Wir sind in einer wesentlich stärkeren wirtschaftlichen Situation als GR und GR hat auch nicht die Krisen mit zu verantworten. Gebt GR Luft zum Atmen, es werden noch genug dort landen und holt jene im Schlamm nach Deutschland, damit die hier erst einmal wieder Mensch werden können. Danach kann man sehen, wer wieder zurück muss von denen. Aber sollen wir warten, bis die dort alle krank werden oder sterben, das geht nicht! Und was sind schon 13.000, nichts bei 12 Milliarden plus bei Schäuble.
madtv 12.03.2016
4. Kunststück
Tsipras ist sich sicher, dass Merkel notfalls sogar einen kompletten Schuldenschnitt durchboxen wird, zumindest wir so oder so ein warmer Geldregen auf Griechenland herniedergehen. Jemand der versucht einen Quasidiktator zu bestechen und in die EU einlädt um das Scheitern der eigenen Politik zu kaschieren, dem kommt es auf in paar handvoll Milliarden nicht an. Durch die Migrantenkrise ist Schengen Geschichte, spätestens in ein/zwei Jahren ist jede Landesgrenze in der EU wieder dicht, der Deal mit der Türkei wird nicht funktionieren, die Umverteilung innerhalb der Eu wird nicht funktionieren, als nächstes Land muss Italien gestützt werden um nicht alle Migranten durchzuwinken. Plan B ist vermutlich wie man das der Bevölkerung so schonend wie möglich in kleinen Happen unterjubeln kann.
nachdenker101 12.03.2016
5. Jetzt wird schon
einmal Stimmung gemacht für die neue Griechenland Transferzahlung. Das von der EU zugestandene Geld ist verbraten, die Reformen sind ausgeblieben, das Geld ist weg. Und damit nicht auch noch die von Merkel und Schäuble verpfändete Rente draufgeht, muss jetzt eine alternativlose Lösung her. Die Regierung wird uns in ihrem völlig planlosem blinden Aktionismus ohne Rückhalt und Aufforderung des Volkes verheizen. Die Flüchtlingsfrage hat gezeigt, wie planlos unsere Regierung ist. Ohne Konzept, einfach die Grenzen aufmachen und hoffen. Was dabei rausgekommen ist, wissen wir. Über 500000 Illegale, zum Teil schwerste Verbrecher, die nun bewaffnet durchs Land ziehen, Horden von Nordafrikaner die sich nehmen, was sie wollen -z.B. Sprengung der Geldautomaten etc.-. Und die Polizei ist angesichts der personellen Situation völlig überfordert. Der Innenminister macht Außenpolitik, vom Außenminister sieht man nur die Hacken. Wenn das alles und noch mehr das neue Deutschland sein soll, dann brauchen wir die Kanzlerin und ihren Stab. Man darf sich och einmal erinnern. Verteilung der Migranten auf Europa, Integration der Angekommenen, Abschiebung der nicht Bleibeberechtigten. Alles ist im Nichts verpufft. Und nun ein neuer Deal mit Griechenland, wobei die viel größere Herausforderung noch in Libyen auf uns wartet. Deutschland muss den kommenden Herausforderungen personell gewachsen sein. Mit der jetzigen Kanzler-Jasager-Truppe, ist kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Der Rücktritt oder Rauswurf der Kanzlerin ist alternativlos.
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