Athens Wahlfavorit Tsipras Mamas Liebling greift nach der Macht

Küsschen für die Wähler, Unsummen für Sozialgeschenke: Alexis Tsipras ist der Shootingstar der griechischen Politik - und wohl der nächste Premier. Wer ist der Mann?

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Aus Athen berichtet


Lange Zeit hatte Petros Tatsopoulos nur mitgeredet, wenn es um die Krise in seinem Land ging. Der beliebte Romanautor stritt im Fernsehen regelmäßig mit verantwortlichen Politikern über den richtigen Weg aus der Schuldenfalle. Dann wollte er mitmachen und selbst erfahren, wie das so ist mit der Macht. "Es war reine Neugier", sagt der Schriftsteller, 55, "man muss in der Küche stehen, um zu wissen, wie heiß es beim Kochen wird."

Im Mai 2012 zog er für das radikallinke Oppositionsbündnis Syriza ins Parlament ein. Doch die Hitze am Herd hielt der Autor nur eineinhalb Jahre aus. Anfang vergangenen Jahres verließ er die Syriza-Fraktion bereits wieder, die Meinungsverschiedenheiten waren für einen Mann mit eigenem Kopf einfach zu groß. Syriza und ihr Parteichef Alexis Tsipras seien "Geisel ihrer Demagogen und Populisten", sagt der Autor heute. Die Partei habe ihn "wie einen Fremden behandelt".

Jetzt trifft Tatsopoulos womöglich wieder auf seinen alten Bekannten. Denn Alexis Tsipras, 40, möchte endlich zum Regierungschef gewählt werden, und auch Tatsopoulos will es noch einmal wissen: Er kandidiert bei der vorgezogenen Wahl am 25. Januar nun für die neu gegründete Partei To Potami. Das Bündnis linksliberaler Intellektueller und Unabhängiger ist auf gutem Weg, drittstärkste Kraft zu werden, und gilt als aussichtsreichster Koalitionspartner für Tsipras, falls nötig.

Knapp ein Drittel der Griechen will Sieg von Syriza

Seit Wochen führt Tsipras' Syriza in den Umfragen mit 28 bis 30 Prozent. Zuletzt waren es sogar 33,5 Prozent - satte 6,5 Prozentpunkte vor der Konkurrenz. Etwa 65 Prozent der Griechen rechnen mit einem Sieg von Syriza, aber nur knapp ein Drittel will Tsipras. Gut 40 Prozent der Wähler hätten lieber Antonis Samaras als Regierungschef, dessen konservative Nea Dimokratia auf Platz zwei liegt und droht abgewählt zu werden - ein politisches Paradox.

Schuld daran sind auch Besonderheiten des Wahlsystems: Die stärkste Partei, egal ob mit 28 oder 48 Prozent, bekommt 50 der 300 Parlamentssitze extra, das soll die Regierungsbildung erleichtern. Und gegen die stärkste Fraktion darf keine Koalition gebildet werden.

Politiker Tsipras: Gut gelaunt - mit großen Ideen
AFP

Politiker Tsipras: Gut gelaunt - mit großen Ideen

Bis es soweit ist, muss Tsipras die Wähler davon überzeugen, dass er nicht nur nett und charmant ist, sondern auch vertrauenswürdig, und dass er Veränderungen bewirken kann. "Tsipras hat sich sehr verändert", sagt der Parteienexperte und Geschichtsprofessor Antonis Liakos, 68: "Er ist politisch reif geworden und standfest in seinen Überzeugungen. Und er hat keine der großen Familien hinter sich." Liakos meint jene Politikdynastien, die seit Jahrzehnten das Land unter sich aufgeteilt haben: "Das kann der Beginn einer Erneuerung der politischen Klasse sein."

Zunächst mal hat der Linken-Chef die europäischen Gläubiger verschreckt: mit seinen Forderungen nach einem radikalen Schuldenschnitt von 60 Prozent, einem Moratorium für Krisenstaaten und der Ankündigung von sozialen Wohltaten für 13,5 Milliarden Euro. Dabei ist Tsipras kein eifernder Ideologe, kein Typ Bürgerschreck. Mit ruhiger Stimme redet er auf Wähler und Gegner ein, er lacht viel, lässt sich emotional nicht aus der Reserve locken. "Es gibt keinen Grund, ihn nicht zu mögen, wenn man ihn trifft", sagt Tatsopoulos. "Mamas liebsten Schwiegersohn", nennt ihn Parteienexperte Liakos.

"Kein Opportunist, sondern Realist"

Mit seinem jungenhaften Charme wickelt er auch bürgerliche Wähler um den Finger. "Präsident" rufen sie ihn respektvoll, "Alexi" nennt ihn, wer ihn besser zu kennen vorgibt. Er scheut, allen Sicherheitsexperten zum Trotz, Menschenmengen nicht. Wildfremde begrüßen ihn mit Küsschen rechts, Küsschen links, wie einen guten Bekannten. Es habe Zeit gebraucht, das zu verstehen und zu akzeptieren, sagt er. "Aber sonst halten sie dich für unverschämt. Schließlich komme ich jeden Tag zu ihnen nach Haus, bis in ihre Wohnung" - wenn auch nur im Fernsehen.

An den Menschen hinter dem Politiker aber kommen sie nicht heran. Sein Privatleben schottet der studierte Bauingenieur und Stadtplaner, Vater zweier Kinder, konsequent ab. Nicht einmal an der Wahlurne ist er mit seiner Partnerin Peristera Baziana zu sehen, einer IT-Ingenieurin und seiner Jugendliebe, von der es nur wenige Bilder gibt.

Tsipras mit Partnerin Peristera Baziana: Privates bleibt privat
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Tsipras mit Partnerin Peristera Baziana: Privates bleibt privat

Der Politprofi kommt aus einer bürgerlichen, aber hochpolitischen Familie. Seine Eltern unterstützten die sozialistische Pasok, die Geschwister waren in der kommunistischen Jugend organisiert. Die Kindheit und sich selbst bezeichnet er in einem Anflug von Privatheit im Film als "ein bisschen speziell und sonderbar".

Informelle Drähte in Europas Hauptstädte

Als später Nachzügler, zwölfeinhalb und neun Jahre nach seinen Geschwistern, legte er alles daran, den Altersunterschied so schnell wie möglich wettzumachen. Bereits in der ersten Klasse habe er lesen können und sich auf die Zeitungen seines Vaters gestürzt, erzählt er.

Geprägt durch dauernde politische Familiendebatten habe er schneller als andere ein politisches Gewissen entwickelt. Schon als Oberstufenschüler stand er bei Schulbesetzungen in der ersten Reihe und proklamierte ein Recht auf Schulschwänzen.

Was von ihm als Premier zu erwarten ist, daran scheiden sich die Meinungen, Tsipras spaltet das Land. Er sei gefangen in der eigenen Rhetorik seiner Ankündigungen und Versprechen, glaubt Autor Tatsopoulos. "Wenn er sich treu bleibt, wird sich sein Land vom Rest Europas isolieren. Wenn nicht, wird er nach der Wahl ein ganz anderer sein als vorher."

"Er ist kein Opportunist, sondern Realist," sagt dagegen Professor Liakos, "und er hat ein Team mit guten Wirtschaftsexperten an seiner Seite." Zudem knüpft Tsipras seit Wochen informelle Drähte in Europas Hauptstädte.

Bei der Wahl dürfte es eng werden

Wie auch immer die Wahl ausgeht, die Mehrheit dürfte knapp ausfallen und die neue Regierung deshalb ebenso schwach sein wie die alte. Zumal es für Tsipras auch nicht einfach sein wird, die politischen Fliehkräfte in seiner Partei zusammenzuhalten. Vor allem ein starker linker Flügel muss durch Zugeständnisse gefügig gehalten werden. Angeführt vom Hardliner Panagiotis Lafazanis will dieser am liebsten den Euro zurückgeben und aus der EU austreten. Und Lafazanis verlangt nach einer Regierungspolitik, so sagte er dem SPIEGEL, die sich "konsequent und standhaft" gegen alle europäischen Sparauflagen wehrt.

Ein Koalitionspartner wäre deshalb, so glauben Wahlforscher, ein "willkommenes Alibi" für Tsipras.

insgesamt 135 Beiträge
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Seite 1
Ährengast 20.01.2015
1. Wer ist der Mann?
Er ist vielleicht Mamas Liebling (das weiß man nicht so genau), aber gewiss nicht Muttis Liebling, soviel ist sicher.
deus-Lo-vult 20.01.2015
2.
Unsummen für Sozialgeschenke heißt nichts anderes, dass er das Land entweder komplett in den Ruin treibt, oder wir uns, schlimmer als zuvor, von den Griechen auf der Nase herumtanzen lassen. Keinen Cent mehr für die Griechen!
akkronym 20.01.2015
3. diesen Titel
hat sich wohl Bankers Liebling ausgedacht
simon.meister6 20.01.2015
4. Mär von bösen Banken und Politikern
Solange die Griechen nicht bei sich selber sind, sondern überall Schuldige für ihre Misere suchen, wird auch Tsipras nichts an der Situation ändern. Die Mär von den bösen Banken, Politiker und Superreichen, die Griechenland zerstört haben, hält sich leider hartnäckig. Gerade auch in Deutschland. Die Wahrheit ist, dass ein ganzes Volk Jahrzehnte von den gigantischen Geldflüssen nach Griechenland gut gelebt hat. Damals hat sich niemand beschwert. Nicht Steuern zu bezahlen ist Volkssport. Und die Politiker haben die Griechen selber gewählt.
RioTokio 20.01.2015
5.
Wieso sind es "europäische" Sparauflagen? Die Griechen können so viel Geld ausgeben wie sie wollen. Es muss nur ihr Geld sein. Wer mehr ausgeben will muss jemanden finden der es ihm leiht. In der vor Euro Zeit - hat Griechenland dann eben sehr hohe Zinsen gezahlt. In der Euro Zeit - muss man die gemeinsam mit anderen Euroländern vereinbarten Verträge einhalten. Wenn in den Verträgen steht, dass man bestimmte Schuldenobergrenzen einzuhalten hat - dann ist das eben so... Diesen Zustand als "Sparauflage" zu bezeichnen ist lächerlich. Es sind schlicht Verträge die einzuhalten sind.
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