Bouteflika vor fünfter Amtszeit Warum Algeriens Elite auf einen kranken 81-Jährigen setzt

Algeriens Präsident Bouteflika ist seit Jahren gesundheitlich schwer angeschlagen. Im April soll er trotzdem für eine fünfte Amtszeit gewählt werden. Das Ausland rätselt: Wer regiert wirklich in Algier?

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Abdelaziz Bouteflika ist ein Mann in den besten Jahren: Der Schnurrbart graumeliert, die Wangen rosig, der Blick entschlossen, die Lippen umspielt ein optimistisches Lächeln. Das ist der Bouteflika, der auf den offiziellen Wahlplakaten um Wählerstimmen wirbt.

Dieses Bild hat aber nichts mit der Realität gemein. Der echte Bouteflika, der Algerien seit 1999 regiert, ist schwerkrank. Er sitzt seit Jahren im Rollstuhl, das Sprechen fällt ihm schwer. 2013 erlitt er einen Schlaganfall, seither zeigt er sich kaum noch in der Öffentlichkeit und nimmt nur wenige Termine wahr. Mehrfach sind in den vergangenen Jahren Staatsbesuche kurzfristig abgesagt worden, weil die Gesundheit des Präsidenten keine Gespräche zuließ: etwa ein Treffen mit Angela Merkel 2017 oder ein Besuch des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman im vergangenen Jahr.

Schon 2014 wurde Bouteflika wiedergewählt, obwohl er im Wahlkampf keinen einzigen Auftritt absolvierte. Genau das soll sich nun wiederholen. Am Sonntag gab der 81-Jährige offiziell bekannt, bei den Präsidentschaftswahlen am 18. April für eine fünfte Amtszeit zu kandidieren.

"Nicht dieselbe körperliche Stärke wie früher"

Wieder trat der Mann mit dem Ernst-Huberty-Scheitel nicht selbst vor die Kameras. Stattdessen ließ er eine schriftliche Erklärung verbreiten. "Natürlich habe ich nicht dieselbe körperliche Stärke wie früher", heißt es darin. Aber: "Mein fester Wille, dem Land zu dienen, hat mich nicht verlassen, sondern wird mich die Schwierigkeiten überwinden lassen, die mit der Krankheit verbunden sind."

Bouteflikas erneute Kandidatur ist einem im Verborgenen schwelenden Machtkampf in Algier geschuldet. Das seit der Unabhängigkeit 1962 regierende Netzwerk aus Politikern, Generälen und Geschäftsleuten - "le pouvoir" (die Macht) genannt - kann sich schlicht nicht auf einen Nachfolger einigen, noch nicht einmal auf einen Vizepräsidenten. Also schiebt die Clique noch einmal den greisen Staatschef nach vorn.

Seit Jahren rätseln Diplomaten und Geheimdienstler im Ausland, wer Algerien tatsächlich regiert und bei wichtigen Entscheidungen das letzte Wort hat. Die Regierung in Algier gleicht einer Blackbox.

Algerien ist ein Schlüsselland für Europa

Das ist umso brisanter, da Algerien ein Schlüsselland für die Europäische Union und Deutschland ist. Es ist das größte Land Afrikas und zählt mehr als 40 Millionen Einwohner - jeder Vierte ist jünger als 15 Jahre.

Brüssel und Berlin vertrauen darauf, dass die algerische Armee zum einen entschlossen gegen islamistische Terrororganisationen wie al-Qaida im Maghreb vorgeht, die auch 20 Jahre nach dem algerischen Bürgerkrieg im unwegsamen Hinterland aktiv sind. Und sie setzen darauf, dass das Militär afrikanische Migranten an der Überfahrt übers Mittelmeer hindert.

Dafür rüstet die Bundesrepublik das algerische Militär massiv auf: Algerien ist seit Jahren der wichtigste Importeur für Rüstungsgüter aus Deutschland. 2017 erteilte Berlin Genehmigungen für Rüstungsgüter im Gesamtwert von mehr als 1,3 Milliarden Euro, im ersten Halbjahr 2018 waren es Genehmigungen im Wert von mehr als 600 Millionen Euro.

Machtkampf hinter den Kulissen

Der Mann, der von diesen Lieferungen maßgeblich profitiert, ist General Ahmad Gaid Salah, der Generalstabschef des algerischen Militärs. Er hatte in den vergangenen Monaten mehrfach öffentlich erklärt, dass er eine erneute Kandidatur Bouteflikas begrüße. Als der frühere General Ali Ghediri in einem Interview gefordert hatte, die Armee solle verhindern, dass der Staatschef noch einmal antritt, kanzelte ihn Gaid Salah ab: Leute mit "unaufrichtigen Absichten" sollten nicht für die Streitkräfte sprechen.

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Machtkampf in Algerien: Wer regiert in Algier?

Gaid Salah selbst ist mit seinen 79 Jahren kaum jünger als der Präsident. Als sein wichtigster Rivale innerhalb von "le pouvoir" gilt Said Bouteflika, der 20 Jahre jüngere Bruder des Staatsoberhaupts. Er ist der engste Berater des Präsidenten und vertritt diesen immer wieder bei offiziellen Anlässen. Allerdings hat sich Said selbst in den vergangenen Monaten rargemacht, weshalb in Algier das Gerücht die Runde macht, er sei schwer krebskrank.

Die Konstellation erinnert an Ägypten unter Hosni Mubarak: Der alternde Diktator wollte seinen Sohn Gamal vor zehn Jahren ins höchste Staatsamt hieven. Als 2011 dann Hunderttausende Ägypter gegen das Regime protestierten, nutzte das Militär die Gelegenheit, Mubarak mitsamt seinen Söhnen abzusetzen. Nach einem gescheiterten Demokratieexperiment mit der Muslimbruderschaft, ist das Militär um Präsident Abdel Fattah el-Sisi in Kairo nun mächtiger denn je.

Es ist ein Szenario, mit dem sich wohl auch die Armee in Algier anfreunden könnte.

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