Abstimmung über Präsidenten Algerien wählt das Phantom

Afrikas größtes Land wählt einen Präsidenten. Dass Algeriens greiser Staatschef Bouteflika weiter regieren wird, steht schon jetzt fest. Dabei ist der 77-Jährige schwerkrank - seit Wochen zeigt er sich nicht mehr öffentlich.

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Algier - Der Wahlkampf des Abdelaziz Bouteflika ist mit dem Wort desaströs noch wohlwollend beschrieben. Der algerische Präsident selbst trat im Vorfeld der Präsidentenwahl am Donnerstag gar nicht in der Öffentlichkeit auf. Mit zwei Ausnahmen: Einmal begrüßte er US-Außenminister John Kerry in Algier, dann den spanischen Außenamtschef. 20 Minuten nahm sich Kerry Anfang April für den greisen Staatsmann Zeit, bevor er zu einem Treffen mit Jugendlichen im Nike Store von Algier verschwand.

Bouteflika hat in den vergangenen Jahren eine Krebserkrankung überstanden und einen Schlaganfall überlebt. Trotzdem ist er ein Pflegefall. Das Sprechen fällt ihm schwer, sein Blick ist glasig, das Staatsfernsehen zeigt ihn - wenn überhaupt - meist nur im Sitzen.

Auf Wahlkampfauftritte vor Publikum hat der 77-Jährige deshalb komplett verzichtet. Stattdessen schickte er einen Brief an die Wähler, der von den staatlichen Medien verbreitet wurde: "Ich folge dem Ruf des Volkes, der Zivilgesellschaft, der Parteien, der Gewerkschaften und der Massenorganisationen", schrieb Bouteflika. "Meine gegenwärtigen gesundheitlichen Schwierigkeiten scheinen mich in euren Augen nicht zu disqualifizieren."

Ex-Premier Sellal vertritt Bouteflika im Wahlkampf

Während des Wahlkampfs ließ sich der Präsident auf den Kundgebungen von Abdelmalek Sellal vertreten. Der Politiker war extra vom Amt des Premierministers zurückgetreten, um sich ganz auf die Kampagne zu konzentrieren. Er gibt sich alle Mühe, den Schein der Normalität zu wahren: "Der Präsident ist gesund genug, um seine Aufgaben zu erfüllen", sagte Sellal kurz vor der Wahl in einem Interview. "Ich spreche jeden Tag mit ihm, und er verfolgt den Wahlkampf täglich."

Dann folgten einige Sätze, die das Volk besänftigen sollten, aber die Sorgen um den Gesundheitszustand nur noch weiter verstärkten: "Seine Stimme kommt langsam wieder, und es dauert nur noch ein paar Tage, bis er wieder richtig laufen kann", sagte Sellal. "Er ist nicht krank, er ist auf dem Wege der Besserung."

Obwohl Bouteflika zu gebrechlich für den Wahlkampf ist, besteht kein Zweifel daran, dass er bei der Wahl am Donnerstag mit großer Mehrheit wiedergewählt wird. Zwar gibt es fünf Gegenkandidaten, doch der Präsident hat den Rückhalt von "le Pouvoir". So bezeichnen Algerier die Herrschaftselite des Landes, bestehend aus den Spitzen der Armee, der seit der Unabhängigkeit regierenden Staatspartei FLN und einer eng mit ihnen verwobenen Schicht von Geschäftsleuten.

Diese korrupte Elite verprasst den Ölreichtum des Landes. Hinter Nigeria ist Algerien der zweitgrößte Exporteur des afrikanischen Kontinents. Die Ausfuhren gehen zwar seit Jahren kontinuierlich zurück, trotzdem werden die Währungsreserven des Landes auf 200 Milliarden Dollar geschätzt.

Der Großteil des Volkes profitiert davon nur durch Subventionen, die in verbilligte Wohnungen und Lebensmittel fließen. Wirtschaftsreformen, die das größte afrikanische Land zukunftsfähig machen könnten, scheut die Führung. Der Staatshaushalt ist hochgradig abhängig von den Erdöleinnahmen, 97 Prozent der Exporte kommen aus diesem Sektor. Bemühungen, die Wirtschaft des Landes zu diversifizieren, sind bislang nur halbherzig umgesetzt worden. Deshalb ist die Hälfte der unter 30-jährigen Algerier entweder arbeitslos oder schlägt sich mit Jobs durch, die nicht zum Leben reichen.

Proteste werden unterdrückt

Diese Elite präsentiert Bouteflika als Garanten der Stabilität für Algerien. Geschickt schürt die Regierung bei den Wählern die Angst, dass das Land ohne einen starken Präsidenten an der Spitze in einen blutigen Bürgerkrieg zurückfallen könnte. In den neunziger Jahren kamen nach Schätzungen mehr als 200.000 Menschen im blutigen Machtkampf zwischen Islamisten und Militär ums Leben. Der Bürgerkrieg begann, nachdem das Militär bei den ersten freien Wahlen 1991 einen Erfolg der Islamischen Heilsfront verhindert hatte, indem man kurzerhand den zweiten Wahlgang absagte. "Wenn wir unsere Stabilität verlieren, verlieren wir auch unsere Unabhängigkeit", hat Bouteflikas Adlatus Sellal im Wahlkampf gepredigt.

Bei vielen Algeriern verfängt diese Strategie. Die Generation, die den Bürgerkrieg noch selbst erlebt hat, ist dem Präsidenten durchaus dankbar dafür, dass er das Land in den vergangenen 15 Jahren stabilisiert hat. Die Nachkriegsgeneration der unter 24-Jährigen - und das sind inzwischen schon 50 Prozent der Algerier - hat fast schon resigniert. Viele haben den Glauben daran verloren, dass Bouteflika zu Lebzeiten von der Macht lassen wird.

Die Bewegung Barakat ("Es reicht!") will den Enttäuschten eine Stimme geben. Die Gruppe hat während des Wahlkampfs mehrfach Kundgebungen gegen die vierte Amtszeit des Präsidenten organisiert. Ein gewaltiges Polizeiaufgebot hat die Proteste jedoch im Keim erstickt.

Barakat und die großen Oppositionsparteien wollen die Wahl boykottieren. Wenn Bouteflika schon nicht verhindert werden kann, soll seinem Mandat wenigstens auf diesem Wege die Legitimation genommen werden, so ihr Kalkül. Ihr Ziel ist es, die Wahlbeteiligung noch unter den Wert der Wahl von 2009 zu drücken. Nach Einschätzung unabhängiger Beobachter ging damals nicht einmal jeder vierte Algerier an die Urnen.

insgesamt 7 Beiträge
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osnase92 17.04.2014
1.
Das größte Land des afrikanischen Kontinents? Bin mir ziemlich sicher, dass die DR Kongo grösser ist
sysop 17.04.2014
2. #2
Algerien ist gut 40.000 Quadratkilometer größer als die DR Kongo und damit das größte Land Afrikas.
farid1979 17.04.2014
3.
Osnase, ein Blick in Wikipedia hätte Ihnen den peinlichen Kommentar erspart.
butzibart13 17.04.2014
4. Öl allein
Man sieht schon wieder, hohe Ölvorräte führen nicht automatisch zu einer finanziell und sozial zufriedengestellter Bevölkerung. Zwar hat das Land eine gewisse Stabilität erreicht nach den Phasen der bestialischen Abschlachtereien hauptsächlich Ende der 90er Jahre z. B. in Relizane, aber ein Neuanfang aus dem jetzigen korrupten Filz wäre dringend nötig.
michael.mayr 17.04.2014
5. Alles sehr traurig
Ich bin Halbalgerier und war vorkurzem wieder dort. Das Land ist in einem desolaten Zustand. Es kein Arbeit, die Müllabfuhr existiert nicht. Die strenggläubigen Muslims werden immer mehr und die Intelligenzija hat längst das Land verlassen. Dabei hat Algerien alles was es zum Erfolg braucht, Bodenschätze, eine reiche Kultur, gut ausgebildete Bevölkern (von denn viel aber schon weg sind) und eine wunderschöne Landschaft. Ich haben im Moment keine Hoffnung, vielleicht wenn das Öl alle ist und die Korrupte Clique das Interesse verliert.
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